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„The Afghan Apartment“

Eine Fotoreportage aus Istanbul

Für viele Afghanen und Afghaninnen ist die Türkei ein Transitland. Doch für die meisten, die aus ihrer Heimat fliehen, endet die Reise vorerst an der Grenze zu Europa. Die, die bleiben, leben im Verborgenen und führen oft ein Schattendasein in den von Armut geprägten Vierteln von Istanbul. Fotojournalist Anıl Yurdakul hat 2017 für ein halbes Jahr junge Afghanen in ihrem Alltag begleitet und ihr Leben fotografisch festgehalten.

Nächster Halt Küçükpazar, Istanbul. Eine leerstehende Dreiraumwohnung. Für wie lange? Ungewiss. Vielleicht ein paar Monate. Vielleicht auch länger. Es ist eine Gegend, die lieber gemieden wird. Es ist schmutzig und heruntergekommen. Hier leben afghanische Geflüchtete zwischen Müll und Ratten. Junge Männer auf engstem Raum. Die Zukunft? Irgendwie muss es ja weitergehen…

Anıl Yurdakul ist Fotojournalist. Seine Kamera ist sein Auge für diejenigen, die aus dem Blickfeld gerückt sind. Die aus dem Raster gefallen sind. 2016 arbeitete er noch für die Zeitung BirGün und wurde nach Küçükpazar geschickt. Doch dann wollte die Redaktion lieber einen Bogen um die dieses Viertel machen. Ein Jahr später verlässt Anıl die Zeitung. Er hat nur noch seine Kamera und geht nach Küçükpazar. Er spricht kein Persisch, sie sprechen kein Türkisch. Doch er bleibt. Mal für eine Woche, mal für ein paar Stunden. Insgesamt begleitet er sie für sechs Monate, lebt mit ihnen und versteht.

Das Land, aus dem sie flohen, ist Afghanistan. Von Krieg und Konflikten zerrüttetet ist es das Land, aus dem die fast größte Zahl Geflüchteter weltweit kommen. Aktuell steht Afghanistan hinter Syrien auf Platz 2. Für viele der Menschen, die aufgrund von Wirtschaftskrisen und Kriegen aus ihren Ländern geflohen sind,  bleibt oft nur ein Ausweg: Mithilfe von Schlepperbanden illegal in die Türkei zu gelangen und dann weiter nach Europa. Ihr Weg führt oft über den Iran. Sie reisen in überfüllten Trucks und zahlen pro Kopf um die 1000 Dollar. Oft werden ihre Wertgegenstände bei den Grenzkontrollen beschlagnahmt, so dass sie völlig mittellos die Türkei erreichen. Diese Reise endet normalerweise am Istanbuler Esenler Intercity Bus Terminal. Einige werden direkt in verlassene Gebäude verfrachtet. Die Weiterreise nach Europa bleibt versperrt.

Wenige bekommen eine Aufenthaltserlaubnis und somit bleibt die einzige Möglichkeit sich mit Schwarzarbeit über Wasser zu halten. „Sie arbeiten in Mini-Jobs. Sie sammeln Müll. Sie müssen Plastik und Papier aus den Müllcontainern wühlen,“ erzählt Anıl. Mit zweirädrigen Trolleys, die „çek-çek” genannt werden, transportieren sie dann das Recyclingmaterial. Das Leben ist sehr hart. Das wenige Geld sparen sie und träumen davon, irgendwann zu ihren Familien zurückzukehren oder weiter nach Europa zu kommen.

Anıls öffnet uns mit seinen Bildern eine Tür zum „Afghan Apartment“ in Istanbul: „In den Medien sieht man immer die gleichen Bilder: Flüchtlinge mit kummervollen Blick und zerschlissener Kleidung. Man sieht nur das Elend. Das ist Bullshit! Auf meinen Bildern sieht man wie sie sich waschen, kochen, miteinander kämpfen und auch glücklich sind. Es sind keine Zombies. Das Leben geht weiter.“

Es ist ein provisorisches Leben, dass sie sich einrichten, denn niemand kann weit in die Zukunft sehen. Mit einem Blick für die Schönheit des Alltäglichen schafft Anıl diese Ausnahmesituation an uns heranzubringen, ohne Urteil, ohne Beschönigung und ohne Verklärung. Wir sehen Menschen, die unter schwersten Bedingungen leben und lachen. Menschen, die versuchen ihre Vergangenheit nicht zu vergessen und sich nicht über die Zukunft sorgen wollen.

Text: Eileen Kelpe

Fotos: Anıl Yurdakul

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