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„Mehr Diversität? Maybe I have to be that person“

Ein Interview mit Ilgen-Nur

Es ist Samstagnachmittag, Ilgen-Nur eröffnet in einem Wald in Diepholz den dritten Tag des Appletree Garden Festivals. Viele Festivalbesucher*innen kühlen sich noch im Freibad ab oder katern unter den Pavillons auf dem Campingplatz aus. Die anderen sind vor der Bühne und tanzen bei 35 Grad zu Ilgen-Nurs Musik. Nach ihrem Auftritt treffen wir die 22-jährige Hamburgerin, die bereits jetzt, vor Veröffentlichung ihres ersten Albums, den deutschen Indie-Pop mit ihrem unangestrengten Stil und ihrer queeren, deutsch-türkischen Perspektive bereichert.

Maviblau: Du singst in deinem Song „Cool“ „I am trying to be cool, but I feel like a fool“. In welchen Situationen geht es dir genau so?

Ilgen-Nur: Als ich den Song geschrieben habe, ging es darum, dass ich eine Absage nach der nächsten bekommen habe, für alle möglichen Praktika, Jobs und Studienplätze. Es ist einfach sehr viel schief gelaufen und da war ich so: „Oah, ich krieg einfach gerade nichts hin, es klappt auch nichts, ich fühl mich kacke deshalb” Darauf ist der Song bezogen.

Wie fühlt es sich an, über diese Unsicherheiten zu singen und damit vor einem Publikum aufzutreten?

Voll gut. Ich glaube, mein Lieblingspart dabei ist erstmal, dass ich die Gefühle, die ich habe, runterschreibe. Nur so kann ich sie reflektieren. Und dann, wenn ich den Song aufnehme oder auf der Bühne bin und singe, finde ich es gut, wenn andere Leute das hören, weil sie sich vielleicht auch selbst damit identifizieren können.

Willst du also eine Hilfe für andere sein?

Ich schreibe nicht gezielt dafür, dass es anderen hilft – aber natürlich hilft es immer, wenn du dich mit irgendetwas identifizieren kannst. Es geht hauptsächlich erstmal darum, dass ich für mich Frieden finde oder entspannter bin.

Drangsal hat dich als Positivbeispiel für Diversität im deutschen Pop genannt und gleichzeitig einen Mangel an Diversität in der Szene beklagt. Wie nimmst du diesen Mangel  wahr?

Ich sehe das ähnlich. Diversität kann man ja in viele Sachen aufteilen: Geschlecht, Migrationshintergrund oder alle möglichen Sachen. Und da finde ich es natürlich nicht divers. Ich kann jetzt nicht für andere Genres sprechen, aber die Indie-Rock-Szene in Deutschland ist schon sehr weiß und männlich dominiert. Mittlerweile gibt es ein paar coole Frauenbands wie Gurr oder Blond. Man kann aber an einer Hand abzählen, wer dann wirklich für Festivals gebucht wird. In den USA und England sieht es da schon anders aus. Wenn man sich das Pitchfork anschaut, mit Courtney Barnett, Marika Hackman, SoKo, dann sind da ja super viele Frauen, queere Frauen. In Deutschland kenne ich da nicht so viele.

Wie kann man das Diversitätsproblem im deutschen Indie-Rock lösen? Entwickelt sich das derzeit in eine richtige Richtung?

Ich glaube, das ist etwas, was einfach mit der Zeit passieren wird. Vor zehn Jahren sah das noch viel schlimmer aus. Ich denke, dass es besser wird, aber es geht viel darum, dass in großen Labeln die Leute, die Musik in die Playlisten packen, großteils Männern sind und sich für die Leute entscheiden, die sich gut verkaufen. Das sind dann oft Frauen, die sich normschön präsentieren.

Also abwarten. Oder wie kann man es beschleunigen?

Selber was machen! Ich war die ganze Zeit auch voll genervt davon und dachte: „Oah, wann gibt es endlich eine Indie-Rock-Performerin aus Deutschland, die vielleicht auch Migrationshintergrund hat oder queer ist?“ Es gab niemanden. Und ich war so: „Ok, maybe I have to be that person.“ Also: Leute, die einfach was machen wollen, sollen es machen und sich nicht davon einschüchtern lassen, dass Leute anders sind als sie. Es gibt viele Leute, die etwas auf dem Kasten haben, aber sich nicht trauen. Natürlich ist die Szene super angsteinflößend, die Musikindustrie, ich kann es voll nachvollziehen.

Du hast im Gespräch mit der taz mal gesagt, dass du mit deiner deutsch-türkischen Herkunft zu hadern hattest. Inwiefern?

Einfach dieses In-Deutschland-Geboren-Sein, die Familie ist aus der Türkei, man wächst mit der türkisch-muslimischen Kultur auf. In der Schule ist man mit vielen anderen Leuten verbunden und fühlt sich nicht zugehörig. Das hat sich aber die letzten Jahre extrem gelegt, weil ich mittlerweile viele Freundinnen habe, die auch in der gleichen Situation sind wie ich. Sobald man Leute findet, die ähnlich sind, findet man da irgendwie mehr seine Ruhe. Aber in der Schulzeit hatte ich schon viel damit zu hadern. Also mittlerweile ist es auch voll cool mit meinem Namen, die Leute merken sich den Namen, ich mache Musik und der Name ist auf Plakaten. Es ist eine Sichtbarkeit da, aber ich habe solche Plakate halt nicht gesehen als ich Teenagerin war.

Als Kind hatte ich noch mit dem Namen zu kämpfen, weil keiner sich den merken konnte und alle gefragt haben „Was ist das für ein komischer Name? Wo kommt der her?“ Das war der klassische Beginn von jedem Small-Talk. Deswegen habe ich mich bewusst entschieden, den Namen jetzt als Künstlernamen zu nehmen. Die Leute müssen sich den merken, der ist nicht so schwer. Aber ich werde tatsächlich noch extrem oft gefragt, ob es ein Künstlername ist und ich bin so „Ne“ und dann kommt meist so „Wo kommt der Name her?“ – das ist immer die gleiche Konversation.

Warum hat es so lang gedauert, bis du das Aufwachsen mit zwei Kulturen als Bereicherung angesehen hast?

Ich hatte als Kind in der Schule fast nur deutsche Freunde, mit anderen türkischen Mädchen wollte ich mich nicht identifizieren. Die habe ich auch ein bisschen gehatet, das war  internalisierter Rassismus und Girlhate wie “Nein, ich bin nicht wie die” und so einen Bullshit. Aber ich hatte letztes Jahr eine Freundin, deren Eltern aus der Türkei und dem Iran kamen. Die versteht dann gewisse Dinge, mit denen man Schwierigkeiten hat, besser und so bondet man ganz anders. Man kann Witze reißen, sich über Essen austauschen oder darüber reden, wie streng die Eltern waren. Viele meiner deutschen Freunde haben zum Beispiel nicht verstanden, warum ich nicht irgendwo übernachten durfte.

Du sprichst Deutsch und Türkisch. Warum hast du dich entschieden, auf Englisch zu singen?

Ich habe mich sehr früh für amerikanische, englischsprachige Popkultur interessiert. Weil es viele Sachen nicht auf Deutsch gab, habe ich angefangen, auf Englisch zu lesen oder englische Filme zu gucken. Das war immer eine Sprache, die mir sehr nahe lag und die mir in der Schule viel Spaß gemacht hat. Ich kann auch einfach nicht auf Deutsch texten. Das fällt mir sogar bei Texten für die Uni schwer.

Hast du im Laufe deiner bisherigen Musikkarriere erfahren, dass du die türkische Seite musikalisch stärker einbinden solltest? Auch, um sie vielleicht zu vermarkten?

Nein, das kam gar nicht. Ich habe ein paar Mal vorgeschlagen, einen türkischen Song aufzunehmen, weil ich Lust drauf hätte. Ich kann selber nicht so gut auf Türkisch texten, vielleicht könnte ich aber jemanden fragen, mir zu helfen. Ich weiß, dass die Musik, die ich mache, auf Türkisch in der Türkei ziemlich abblowen würde. Eigentlich müsste ich die Musik auf Türkisch machen und in die Türkei ziehen und dann wären die dort so “wow krass”, denn es gibt nicht viele Leute, die das machen. Bands wie Jakuzi, die auch in Europa erfolgreich werden, können schon Vollzeit touren und haben in der Türkei eine krasse Fanbase. Hier ist das ganz anders, du hast ja eine Reizüberflutung von Bands.

Wirst du denn trotzdem in der Türkei gehört?

Ja, ich habe gelesen, die Top-5-Stadt, in der meine Musik gehört wird, ist Istanbul. Das kann man bei Spotify sehen, nach Berlin, Hamburg, München. Und mich hat mal ein Mädchen angeschrieben und gefragt, ob sie den Song “Cool” im Schulradio spielen darf oder ob sie da was anmelden muss. “Mach doch einfach”, meinte ich zu ihr. Das war sweet. Mich macht es wirklich happy, dass ich dort gehört werde und ich hätte auch Lust, dort zu touren.

Interview: Marlene Resch, Laurenz Schreiner
Fotos: Nicolas Schabram (3), Laurenz Schreiner (1)


Der Rapper Chefket hat mit Marsimoto in seinem Song “Gel Keyfim Gel” letztens Deutsch und Türkisch verbunden. Navid guckt sich hier den Song und andere Beispiele für die Vermischung der Sprachen in der Musik an. Außerdem findet ihr hier ein Interview mit der türkischen Sängerin Canan Uzerli.