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İç İçe und Biz Bize

Über Community Building und kritische Diversität in der Musikwelt

Das İç İçe Festival – Festival für neue anatolische Musik – geht am 28. Mai im Festsaal Kreuzberg in die zweite Runde. Unweit unseres Treffpunkts vom letzten Jahr, in der Nähe des Görlitzer Parks besuche ich das siebenköpfige Team in seinem Co-working Space. Hier treffen sie sich jeden Freitag, um die Festivalvorbereitungen zu treffen. Kuration, Marketing, Social Media, Grafik, Booking – jedes Teammitglied geht seinen eigenen Aufgaben nach. Auch ihre Zugänge zu anatolischer Musik sind unterschiedlich: Während Mehmet, Hiyam, Melissa und Kaya anatolische Musik aus ihrer Kindheit kennen und sie dadurch ein Teil ihrer Biografie ist, haben Sindi, Julia und Yannick sie erst durch das İç İçe Festival kennen gelernt und lieb gewonnen. Nicht nur mit demgenreübergreifenden Musik- und Kulturprogramm des Festivals zeigen sie, dass Klänge und Worte auferlegte Grenzen überwinden und zum kulturellen Zusammenwachsen führen, sondern auch die diverse Zusammensetzung ihres Teams ist der Beweis dafür. Was sie alle eint, ist die politische Vision für das İç İçe Festival: Diskriminierung in der Musikszene entgegenwirken, intersektional intervenieren, eine Community aufbauen und neue anatolische Musik sicht- und erlebbar machen. Dieses Mal gehen sie mit noch mehr Programm, einem größeren Team und noch mehr Möglichkeiten an den Start.

Erinnerungen aus letztem Jahr

„Letztes Jahr haben wir das Festival pandemiebedingt unter sehr schwierigen Bedingungen umgesetzt“, erzählt die Initiatorin und Kuratorin des Festivals Melissa Kolukısagil, „Alles war so, wie man sich ein ausgelassenes Sommerfestival nicht vorstellt: Regen, Masken und Trinkverbot in den Innenräumen.“ Trotz allem hat das Team und vor allem das Publikum das beste draus gemacht. Es gab sogar diesen einen Moment, der sich in den Kopf des Teams eingebrannt hat: „Als Adir Jan auf der Bühne gespielt hat, haben die Leute auf einmal einen riesigen Halaykreis gebildet und miteinander getanzt“, erinnert sich Kaya, „ein richtiger Gänsehautmoment“, dem alle anderen Teammitglieder mit starkem Kopfnicken zustimmen. 

Biz Bize Community Building 

Dieses Jahr möchte das İç İçe Team mehr solcher unvergesslichen Momente schaffen. Nicht nur für sich, sondern vor allem für die Leute, die kommen. Bei İç İçe geht es nicht einzig und allein um das Entertainment, sondern auch darum eine Community und einen Schutzraum zu schaffen. Deshalb wird es dieses Jahr einen Tag vor den Konzerten ein Community Event im Körnerpark geben: Dasas erinnert dabei an den Vorabend einer Hochzeit, an dem der “inner circle” an Familie und Freund*innen zusammenkommen und die letzten Vorbereitungen für den Hochzeitstag vornehmen. Getreu dem Eventnamen „Biz Bize“ (Unter uns) sollen Menschen, die sich durch die Inhalte des Festivals angesprochen fühlen, eine Plattform bekommen, um sich in postmigrantisch geprägten Kulturräumen auszutauschen. Mehr Informationen darüber wollen sie aber erst im Mai mit ihren Communities teilen. Durch interdisziplinäre Performances und Paneltalks wird eine Plattform geschaffen, auf der sie sich nicht nur kritisch über Politisches austauschen, sondern vor allem auch miteinander vernetzen können. Denn İç İçe versteht sich als Teil von etwas Größerem. Die Vernetzung von FLINTA- und BIPoC-Initiativen mit Künstler*innen sowie ihre Sichtbarmachung stehe dabei im Mittelpunkt. „Bei unserer Performance geht es um würdevolle Gedenk- und  Erinnerungskultur zur Erinnerung an die Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland und darum, sich mit eigenen Rassismen auseinanderzusetzen“, erzählt Hiyam Biary, die das Projekt “Weil wir nicht vergessen” am Gorki Theater mit geleitet hat. Die Performance wird nun auch Teil des Biz Bize Festivals und trägt zur aktiven Vernetzung ihrer Akteur*innen bei. 

İç İçe als diskriminierungskritische Intervention 

Das Team möchte Diskriminierung in der Musikszene auch hinter der Bühne entgegenwirken. Gerade Klassismus sei in der Szene eine unsichtbare Diskriminierungskategorie: „Fast alle Clubbetreibenden in Berlin sind weiß und männlich und haben einen gesicherten sozialen Status“, sagt Melissa und greift dabei auf ihre eigenen Erfahrungen zurück. Das mache es einfacher, Fuß zu fassen. Melissas Start in die Musikszene war holprig. Sie ist auf Grenzen und Barrieren gestoßen. Deshalb ist es ihr heute umso wichtiger, ihre erarbeiteten Ressourcen und Expertise an BIPoC und FLINTA weiterzugeben, um Klassismus entgegenzuwirken und Empowerment zu schaffen. Denn gerade die Förderlandschaft ist auf den ersten Blick ein bürokratischer Dschungel und stures Beamtentum, der viele zunächst abschrecke. Ihre politische Haltung zu Diversität spiegelt sich auch in der Kuration wieder. Diversität, so sagt sie, fange im Team an und gehe im Line-Up weiter. Mit ihrem verinnerlichten Blick, der Diversität nicht als Marketing-Strategie, sondern als gleichberechtigte Teilhabechancen marginalisierter Perspektiven sieht, macht sie sich über Kanäle wie Instagram und Spotify auf die Suche nach Künstler*innen: „Es gibt so viele tolle, teilweise kaum sichtbare Künstler*innen. Ich verliere mich jedes mal darin.“  Wichtig ist ihr und ihrem Team dabei, dass 60% des Line Ups keine cis männlichen Acts sind. Mit dabei sind dieses Jahr z.B. Ladies on Records, Prince Emrah, Apsilon, TootArd und Palmiyeler – eine Band aus der Türkei, die beim İç İçe Festival ihren ersten Konzertauftritt in Deutschland haben wird. 



Wer nun Lust bekommen hat, Teil der İç İçe Community zu werden, erfährt hier mehr zum Programm und Ticketverkauf.

Text: Tuğba Yalçınkaya

Fotos: Marie Konrad

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