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Wenn ich sage, wir sind von hier…

Ein Besuch im RuhrMuseum

Langsam fahren wir die lange Rolltreppe ins Ruhrmuseum hoch. Im Hintergrund ragt das Doppelblock-Fördergerüst von Schacht Zwölf, das Wahrzeichen der Zeche Zollverein, über 50 Meter in die Höhe. Die Fahrt nach oben dauert lang genug, um mich innerlich darauf einzustellen, wie es wohl sein wird, die 120 auserwählten Fotografien an diesem symbolträchtigen Ort zu betrachten. „Wir sind von hier. Biz Buralıyız“ steht am Eingang der Ausstellung und ich denke sofort daran, dass das nicht nur im übertragenen Sinne gilt, sondern auch für alle sogenannten Gastarbeiter*innen, die genau an diesem Ort jahrzehntelang Wohlstandsgeschichte geschrieben haben.

Eine große, schwere Glastür trennt den Ausstellungsraum von den Fahrstühlen, über die wir hochbefördert wurden wie einst die Steinkohle. Der Ausstellungsraum ist abgedunkelt. Spotlights sind auf die Fotografien gerichtet, die in drei langen Gängen präzise an langen Schnüren von der Betondecke hängend im Raum schweben. In den abgehenden Räumen befinden sich Videoinstallationen, die ich erst sehr spät wahrnehme. Die Videos laufen stumm ab, erst wenn man den Raum betritt und sich mittig vor den Bildschirm stellt, geht die Audiospur los. Der Raum ertönt in einem dumpfen Sound, als wären die Videos bewusst im Hintergrund versteckt. Als sollten sie leise und abgedunkelt, klein und unauffällig den Fotografien bloß nicht die Schau stehlen.

Ergun Çağatay besuchte für seine hier ausgestellte Fotostrecke im Jahre 1990, als ich selbst ein Jahr alt war, die Städte Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg. Beim Durchgehen des Raumes überkommt mich ein Gefühl von Ehrfurcht.

Erst hier inmitten der Fotografien werden mir die Orte seiner Besuche und auch die räumliche Aufteilung der Fotografien bewusst. Diese Orte sind gleichzeitig auch Stationen meiner eigenen Biografie. Auf den ersten Fotografien erkenne ich die Schiffswerke von Blohm&Voss in Hamburg und muss daran denken, dass auch mein Großvater dort seine erste Arbeitsstelle hatte. 

Ich sehe die Fordwerke in Köln, durch die ich immer durchfahre, wenn ich zu meinen Arbeitsterminen an den Schulen in Köln Mülheim fahre und weiß, dass viele Großeltern und Urgroßeltern der Schüler*innen dort arbeiteten und es teilweise immer noch tun. 

Ich sehe die Fotos aus Berlin und erkenne die Oranienstraße und das Cafe am Kotti. Sofort kommt die Erinnerung an die Abende hoch, an denen ich dort mit meinen Kommiliton*innen aus Ankara saß und Bier trank. Mit all denen, die nach den jüngsten Protesten rund um den Gezi Park nicht mehr zurück wollten, in die Türkei. 

Das anfänglich ehrfürchtige Gefühl wird von einem anderen abgelöst – einem „Das- kenne-ich-irgendwie“ und einem „Ich-bin-ein-Teil-davon“ Gefühl. Bestärkt wird dieses Gefühl von der Verbundenheit mit einer anderen Besucherin. Zum Beispiel, wenn sich unsere Blicke immer wieder treffen, während der Guide erzählt, oder sie an einigen Stellen den Guide ergänzt und ihre Expertise einbringt. Ich stehe da und nicke ihr zustimmend zu und freue mich, dass sie sich ihren Raum nimmt und hier Gedanken teilt, die für alle Teilnehmer*innen der Führung wertvoll sind.

Während wir von einem Bereich in den anderen weitergehen, sehe ich auf einem Bild eine Frau an einer Nähmaschine sitzen. Auf ihrem Polo steht groß „Ford“.  Sie trägt ihren goldenen Ehering an der linken Hand, die Uhr von Casio im selben Ton. Ich blicke an meiner linken Hand herunter und merke, dass auch ich die gleiche Uhr und einen ähnlichen Ehering an der linken Hand trage und muss schmunzeln. 

Währenddessen holt mich der Tourguide gedanklich wieder zurück und erklärt uns, dass die Fotografien gestellt sind – dass Çağatay das Ziel hatte, den Menschen in der Türkei zu zeigen, wie hart und undankbar die Arbeit, wie schwer und unschön das Leben in der Ferne ist. Ich frage mich, ob seine Intention hier die gewünschte Wirkung erzielt hat. Ich blicke auf Gesichter, die auf mich stolz wirken. Menschen, die im Job Verantwortung übernehmen, komplexe Maschinen bedienen, eigene Unternehmungen gründen und fokussiert arbeiten. Erst auf den zweiten Blick sehe ich die Fließbänder oder die Größe der Hallen im Hintergrund.

Eine Familie steht vor einer dieser Fotografien: „Bak deden de böyle çalıştı. Es war eine gute Zeit, ya …harte Arbeit aber auch.“, höre den ich den Vater sagen. 

Gegen Ende der Ausstellung erkennt man vermehrt Bilder aus dem Privaten: Familien, die zusammen im Wohnzimmer sitzen oder ein Ehepaar, dass im pinken Schlafzimmer sitzend in die Kamera schaut, eine Familie angelehnt an ihr Auto, Menschen beim Einkaufen im türkischen Supermarkt. Gegenüber hängt ein Selbstporträt von Çağatay, das fast antagonistisch inmitten der anderen Fotografien hervorsticht: Er fotografiert sich im Spiegel, gekleidet in ein lockeres Hemd und einen hellen Schal, den er vorne zugebunden hat, im linken Mundwinkel ein leicht übersehbares Lächeln. Ein lockeres Hemd und ein heller Schal, den er vorne zugebunden hat, kleiden ihn. Ich spüre bei diesem Bild deutlich, dass er als außenstehender Beobachter mit seinen Fotografien Zeitzeuge einer Geschichte wurde, von der er selbst kein Teil war und ich frage mich, wie sich die Personen wohl gefühlt haben, als er mit der Kamera die eigenen vier Wände ablichtete.

Nach der Führung schaue ich mich noch einmal um. In der Gesamtheit der Fotoausstellung erkenne ich zum einen das Narrativ einer belastenden Arbeit und eines schweren Lebens einer vermeintlich homogenen Gruppe wieder. Çağatays Perspektive wird in seinen Motiven und der damit verbundenen Erzählung sehr deutlich: Beispielsweise findet sich in seinen Notizen zu den Werken ein Absatz zum Thema Religion, welche er als eines der wichtigsten Faktoren in der Identitätsbildung von Minderheiten versteht und dazu schreibt, dieses soziale Phänomen bei den Türken in Deutschland viel deutlicher zu erkennen als in der Türkei. 

Zum anderen sehe ich aber auch aus meiner ganz eigenen Position in dieser Gesellschaft das doch seltenere Narrativ der Tugendhaftigkeit und Vielschichtigkeit dieser Menschen. Menschen, die sich eine Existenz aufgebaut und erarbeitet haben, die gemeinschaftliche Räume des Zusammenkommens und der Solidarität erbaut und erschlossen haben, die ihre eigene Biografie mit sich tragen und damit die unterschiedlichen Regionen Deutschlands unterschiedlich erleben und diese bis heute prägen.

Mist, denke ich. Ich fühle mich in der Falle der Dankbarkeit, wie ich sie aus der 1. Generation kenne, gefangen. Dieses monumentale Gebäude, in dem sich die Ausstellung befindet. Die Art der Ausstellung. Die Rohheit der Atmosphäre. Pure Einschüchterung. Ich schüttele mich, um bei mir zu bleiben. Die Darstellung der Themen und der Menschen wirkt plötzlich fast zu glatt. ZU perfekt kuratiert. Schade, denke ich, dass Çağatay die Personen nicht einfach auf ihre Art belichtet hat, und sich stattdessen dafür entschied, die Szenen nach seiner Idee, wie sie auszusehen haben, zu stellen. 

Ich sitze auf einem der Lederhocker, angelehnt an eine der kalten Betonwände und versuche meine Gedanken zu greifen. Für mich entsteht in diesem Moment ein dialektischer Blick auf Çağatays Motive und die Art, wie er diese fotografisch festhält. Es ist ein Wechselspiel zwischen seinem Blick und meinem Blick, zwischen Othering und Stolz, zwischen Mitleid und Demut. Es ist eine Entscheidung, was man erzählt – und was man weglässt, fasse ich für mich zusammen. 

Diese Erzählung kennen viele, deren Geschichte hier erzählt wird: Jemand anderes hat eine Idee von dir und stellt dich so dar, als sei diese eine Idee die Wirklichkeit. Ich bin gekränkt durch diese weitere Wiederholung des Bekannten. Diese Geschichte, die vor ihm schon andere, die nicht Teil dieser Erzählung sind, zu oft erzählt haben. Und gleichzeitig stehe ich vor den Fotografien, nicke der anderen Besucherin zu, hole das tiefe Wissen aus 7 Jahren Studium der Soziologie und Turkologie hervor und spüre: Wir wissen es besser, und alle, die diese Ausstellung besuchen und in den Gesichtern ihre eigenen Großeltern und Eltern, Tanten und Onkel, Kumpel und Kolleg*innen sehen, wissen es besser. 

Nach der Tour, die die Seitenräume ausgelassen hat, betrete ich einen davon und stelle mich vor den grellen Bildschirm. Hier finden sich, im Kontrast zu den Fotografien der Vergangenheit im großen Saal, Videoausschnitte von Interviews aus der Gegenwart. Sie thematisieren eine deutlich komplexere Auseinandersetzung, bei der es um plurale Zugehörigkeiten, transkulturelle Musikerfahrungen, um Identität und Rassismus und um den Einsatz von Muslim*innen gegen Antisemitismus geht. 

Auch hier stehe ich wieder nickend und freue mich über jeden Satz, jeden Gedanken, den die Interviewpartner*innen beitragen. 

Am Ende mache auch ich ein Bild von mir im Spiegel, dieselbe Pose wie Çağatay und grinse verschmitzt in die linke Seite meines Mundwinkels. Sieht man durch die Maske gar nicht, denke ich mir und weiß, dass dieses Grinsen bei vielen unter uns lange im Verborgenen lag, auch ohne die Maske. Durch die Ausstellung und den harten Cut zwischen den Fotografien und Videos, dem Alten und dem Jetzt, dem Blick der anderen und dem Blick des Eigenen, schöpfe ich Hoffnung, dass dieses Grinsen immer mehr Beachtung bekommt.

Text und Bilder: Serap Yılmaz-Dreger

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