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Wer ist meine Stadt?

Ein Schreibworkshop, in dem Städte zu Menschen wurden

Beim 8. Changing Perspectives Kurzfilmfestival in Istanbul drehte sich alles um Stadt und Urbanes. Auch Maviblau war dabei und hat bei einem Schreibworkshop Städte und das Gespräch mit und über sie zum Leben erweckt.

Sowohl literarisch als auch in der Musik und in der Religion – immer wieder versuchen Menschen die Städte, in denen sie leben, zu begreifen. Oft geschieht das, indem die Stadt selbst zu einem Menschen gemacht wird. So spricht zum Beispiel der Dichter Heinrich Heine von Paris als “jungem Mädchen” und Berlin als “altem Weib”.

Genau dieser Personifikation als beliebtem Stilmittel haben wir uns in unserem Schreibworkshop im Rahmen des 8. Changing Perspectives Kurzfilmfestivals im März 2020 in Istanbul gewidmet. Unser Ziel war es alle Teilnehmenden mit einer Stadt ihrer Wahl ins Gespräch zu bringen oder eine andere Form der Kommunikation mit ihr anzuregen, sodass sie am Ende mit einem (un-)fertigen Text aus dem Workshop herausgehen konnten. Der Workshop ging zwei Stunden und fand auf Englisch statt.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ging es direkt ans Eingemachte: Zuerst einmal sprachen wir über die verschiedenen Aspekte einer Stadt, wie Kultur, Infrastruktur, Tiere, Natur usw. und was diese für uns bedeuten. Im nächsten Schritt überlegten wir gemeinsam, inwiefern man Städte personalisieren könnte: Vielleicht hat sie ein Geschlecht, ein Hobby, ein Motto? Dies war die Grundlage für die Steckbriefe, die die Teilnehmenden daraufhin für „ihre Stadt“ angefertigten. Von Nizza über Kairo, Leipzig, Berlin und mehrfach Istanbul war alles dabei. Daran war vor allem interessant zu sehen, wie unterschiedlich die verschiedenen Teilnehmenden über Istanbul dachten und fühlten. 

Nach einer kurzen Pause ging es dann in den zweiten Teil, der mit besagtem Text enden sollte. Bevor wir aber mit dem Schreiben anfingen, sprachen wir noch über die möglichen Textsorten. Dabei dachten wir besonders an Briefe, vielleicht ein Liebes- oder sogar Hassbrief, an ein Interview oder eine Klageschrift an die Stadt. Nachdem sich alle über ihre präferierte Textsorte im Klaren waren, kam der schöpferische Teil des Workshops. An dessen Ende gaben wir uns die bis dahin entstandenen Schriftstücke gegenseitig zum Lesen und konnten so in die Gedankenwelt der Anderen eintauchen. 

Eine teilnehmende Person schreibt beispielsweise aus der Sicht von Kairo: “So if you’re searching for someone young and new, you won’t find her here. Instead, you’ll find someone who smells like musk and sweat and many sleepless nights. Instead, you’ll be embraced by tired arms and kissed with lips too sore to speak.”

Zum Schluss konnten wir uns über positives Feedback freuen. Manche Teilnehmenden erzählten, dass es ihnen normalerweise schwierig falle, sich hinzusetzen und etwas zu schreiben, doch die vielen „Vorübungen“ haben dabei geholfen, etwas auf Papier zu bringen. Wir waren beeindruckt von der Ehrlichkeit und den vielfältigen, tiefen Gefühlen, die die Teilnehmenden ihren Heimats-, Wahl- oder Lieblingsstädten entgegenbrachten. So gingen wir schließlich bereichert und mit offeneren Augen durch Istanbul nach Hause.

Text: Tabea Speder, Samira Kaya

Foto: Katadrom

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