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Eine Woche der krassen Gegensätze

Die Handlung in Acars Debütroman spielt (durchzogen von Rückblenden) an nur einem Wochenende und schildert Probleme einer postmigrantischen Figur im Kontext deutschen Kleinstadtlebens. Eingebaut sind hier und da Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte, die – meist negativ – auf die Figur und ihr Umfeld wirken. Lesende des Buchs treffen zunächst auf das ein oder andere Klischee. So beginnt das lange Wochenende mit einer türkischen Hochzeit am Donnerstagabend. Was für viele Menschen nach einer großen Party klingt, ist für Kemal nur ein Pflichttermin. In der ebenfalls sehr klischeehaft gezeichneten Kneipe auf dem Heimweg verrät er den anwesenden Bierleichen auf die Frage nach seinem schicken Outfit und was es denn zu feiern gäbe: „Für mich nichts, zwei andere haben geheiratet.“

„Schieb keine Filme, Kemal. Du kennst die Stadt. Die Stadt kennt dich.”

Nach und nach wird klar, wer dieser Kemal eigentlich ist: ein ehemaliger Profifußballer von Gaziantepspor, der nach einem Autounfall seine Karriere beenden muss,  wieder in seiner Heimatstadt Heilbronn auftaucht und es nicht schafft, die Scherben seines geplatzten Traums aufzukehren. Job weg, Geld verzockt, Baba enttäuscht und Freundin Sina ist auch gegangen. Geblieben sind der zerstörte Jaguar in der Garage und seine Kumpels. Aber auch da gibt es Probleme. Während Kemal nun versucht, nach einem Jahr Trübsal blasen und ziellosem Vor-sich-hin-Vegetieren endlich wieder auf die Beine zu kommen (Wettbüro hat nicht geklappt, aber aus dem Jobangebot von Tayfun könnte etwas werden), braut sich in Heilbronn etwas zusammen.    

Zum einen gibt es eine zunehmend organisierte Bande von Nazis, die mit kleineren Zwischenfällen und jeder Menge Propagandamaterial auffällt. HWA (Heilbronn wach auf!) nennt sich die Gruppe. Es gibt sie tatsächlich auch jenseits des Romans. Als Gegenpol gibt es die Kankas, eine Bande von Männern mit Migrationsgeschichte, bei denen nicht sicher ist, ob sie nun eine kriminelle Vereinigung darstellen oder ob es sich um eine Art “migrantische Bürgerwehr” handelt. Kemal will mitmachen, irgendwie aber auch nicht. Der Konflikt um diese beiden Gruppen droht zu eskalieren, als ein bekannter Astronaut in Heilbronn seinen Fans auf großer Bühne Fragen beantworten möchte. 

Der Dazwischen-Mensch im Spannungsfeld

Der Spaziergang durch Heilbronn – denn genauso fühlt es sich stellenweise an, wenn Kemal durch die Allee, über die Theresienwiese, ins Creme, durch das namensgebende Viertel Hawaii und ins Wollhaus geht – verdeutlicht je nach Ort der Handlung und beteiligten Personen die Zerrissenheit des Protagonisten zwischen der Herkunft aus dem „Brennpunkt“ Hawaii und der superreichen Ex-Freundin, zwischen „biodeutschen“ Freunden und den Kankas, zwischen dem Ruhm als Ex-Fußballprofi und der Bankrotterklärung eines augenscheinlichen Versagers, der nicht so richtig weiß, wohin. Dass der Dazwischen-Mensch Kemal nirgends so recht dazu gehört, schildert auch eine Rückblende aus Kindertagen. Nach einem Spielplatzstreit schreit ein kleiner Junge namens Mehmet: „Ihr seid nicht mal Türken!“ Doch Kemal muss irgendwo dazu gehören, irgendwie seinen Weg finden, denn sein Vater mahnt ständig: „Wer allein bleibt, den frisst der Wolf”. An diesem heißen Wochenende in Heilbronn wird Kemal eine Entscheidung treffen. 

Cihan Acar schreibt realistisch und gut nachvollziehbar, dabei keinesfalls mit großen Worten. Sein Schreibstil ist nüchtern, bodenständig und erinnert an die Betonsiedlungen, die es nicht nur im Viertel Hawaii gibt, sondern zweifellos genauso in vielen anderen kleinen und großen Städten Deutschlands. Der letzte Teil des Buches kommt überraschend und auf den ersten Blick mag das Geschehen übertrieben erscheinen. Doch wer darüber nachdenkt, stellt schnell fest: Der Autor hat hier tatsächlich eine gar nicht so unrealistische Situation aufgegriffen, die durchaus noch eintreten könnte – auch andernorts. Hoffen wir, dass sie Fiktion bleibt.

Text: Navid Linnemann

Foto: Navid Linnemann


Cihan Acar, Hawaii, 2020, Hanser Berlin, 256 S., 22 Euro


In der Rubrik „Bücher, die Orhan Pamuk nicht geschrieben hat“ rezensieren und empfehlen wir regelmäßig Bücher von türkischen Autor*innen: Zuletzt “Kinyas ve Kayra” von Hakan Günday oder “Die Haltlosen” von Oğuz Atay.

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