Als ich vor kurzem durch die Kölner Innenstadt lief, umgab mich plötzlich so ein Gefühl, für das es keine Worte gibt. So eins, das nur dann kommt, wenn die Jahreszeiten wechseln, so eins, wenn man sich an den Wechsel im letzten Jahr erinnert.

Ganz sanft tastet sich der Herbst vor den Sommer und ja, Istanbul, ich vermisse dich noch immer. Auch wenn die Medien krampfhaft versuchen, dich und dein Heimatland madig zu reden, weiß ich, dass das deiner Schönheit keinen Abbruch tun kann. Niemand kann das! Und während ich so weiter durch die Kölner Gassen lief und mich der Sehnsucht nach meiner Heimat aus dem letzten Spätsommer hingab, fragte ich mich, was ich eigentlich an Istanbul am meisten vermisse.

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Vielleicht ist es die Istanbuler „Dachkultur“, die jede Nacht zu einem märchenhaften Erlebnis macht, wenn man gegen Mitternacht leicht angetrunken den Blick weit über das Lichtermeer Istanbuls schweifen lässt.

Ich vermisse die transparenten Regenschirme. Wenn es hier in Köln anfängt zu regnen, frage ich mich immer noch verzweifelt, warum mir hier niemand einen şemsiye anpreist – das wäre hier bei dem Regenfall im Sommer sicherlich lukrativ und simit würde auf der Hohestraße bestimmt auch gut gehen.

Ich vermisse den Wind vom Bosporus und den Sound der Akbil, wenn ich die öffentlichen Verkehrsmittel benutze. Ich vermisse die Pünktlichkeit der Istanbuler Metro (sorry KVB, aber das müsst ihr echt noch üben), und die ständige Präsenz der Straßenkatzen, um die sich die türkischen Bewohner liebevoll kümmern.

Ich vermisse es, dass ich schon beim Fensteröffnen die Metropole höre, schmecke und rieche – Gerüche, die Geschichten erzählen, vom Bosporus, den Möwen, den Fischen (gut, hin und wieder stinkt es auch), aber es ist immer noch besser, als wenn meine Sinne von nichts berührt werden. Ich vermisse den Sinnesrausch.

Ich vermisse es, dass der Istanbuler Winter nie zu kalt ist, egal, wie kalt es tatsächlich ist, um draußen çay zu trinken. Ich vermisse, dass die Menschen nach der Arbeit nicht immer gleich heim müssen, weil sie zu müde sind, sondern für einen Kaffee immer noch kurz Zeit haben.

Und ich vermisse Cihangir, mein buntes, lebendiges, mitreißendes Cihangir. So authentisch kann kein Nippes oder Ehrenfeld sein.

Ich vermisse Istanbuls wachsames Auge, dem nichts entgeht und ich vermisse es, manchmal in der Masse unterzugehen.

Ja, Istanbul, ich vermisse dich noch immer, und ich glaube, das wird auch nie aufhören.

 

Text: Carina Plinke
Illustration: Eva Feuchter
Foto: Sabrina Raap
Redaktion: Sezen Demirkaya