Ein Jahr verbrachte die Künstlerin Viola Yeşiltaç mit dem Stipendium der Kunststiftung NRW und der Stadt Köln in Istanbul. Aus ihrem Aufenthalt sind die Ausstellung “Strawberry of Cosmo” in New York sowie diverse Fotoarbeiten hervorgegangen. Ihre Arbeiten betrachten eine Reihe von soziokulturellen Themen wie Migration, sowie auch ihre ganz persönliche Geschichte und die Suche nach ihren Wurzeln.  Wir haben mit der Künstlerin gesprochen.

Wie entstand die erste Idee für deine Ausstellung „Strawberry of Cosmo“?

Bei einem meiner zahlreichen Besuche in Istanbul vor einigen Jahren, sind mir die Styroporblöcke aufgefallen, die auf den unzähligen Baustellen Istanbuls zu sehen waren. Diese wurden von den Bauarbeitern an Ort und Stelle umfunktioniert, zum Beispiel als Blockaden um die Zufahrt zu den Baustellen freizuhalten, als Sitz und Tischgelegenheit für die Mittagspause, als Liegen oder Bettersatz genutzt. Diese Beobachtung brachte mich dazu, über die Rolle der Arbeiter auf diesen Baustellen nachzudenken. Die Tatsache, das sie es sich höchstwahrscheinlich nicht leisten können in einer der Wohnungskomplexe, die im Entstehen waren, später wohnen zu können war offensichtlich.

Titel fruct: II, 2012 glas &styropor 6.35 x 3.81 cm x 23.5

Sie kreieren nicht “nur“  ein Konstrukt aus  Stahl, Stein und Styropor, sondern aufgrund ihrer monatelangen Aufenthalte (viele Arbeiter reisen aus den ländlichen Regionen an, hausen während der Bauphasen auf den Baustellen) entsteht in den Gerüsten dieser Baukomplexe temporär eine Art Soziale Architektur, ein Netzwerk – die Styroporblöcke dienen als Vehikel dafür. Mich hat interessiert was nach der Fertigstellung eines Gebäudes davon übrigbleibt. Sozusagen die Ernte: Wer trägt die Früchte? Durch weitere Recherche zum Begriff Frucht und Rechtsverhältnisse kam der Stein ins Rollen und auch der Titel  Strawberry of Cosmo die Erdbeere entstand: Die Frucht, die seit der Steinzeit eine Rolle in der menschlichen Ernährung spielt. Es ging mir um das Grundsätzliche Anrecht eines jeden Menschen auf Frucht, ein Recht auf ein Wohnsitz usw.

Die Ausstellung besteht, “rein materiell betrachtet”, aus Styroporblöcken aus der Türkei und Repliken alter Haushaltsgegenstände aus der Heimat deiner Mutter in Deutschland. Warum setzt du diese Materialien in Verbindung?

Die Verbindung dieser zwei Materialien Styropor und Glas stehen von Gewicht und Masse im Gegensatz zueinander und das kreiert eine Dynamik: Die Styroporblöcke sind grob geschätzt bis zu 50 mal größer als die Glasobjekte, die auf ihnen platziert sind, aber um einiges leichter als diese. Der Sockel, der ein stabiles Fundament bieten sollte, ist in diesem Fall leicht und wird nur über das Gewicht der Glasskulptur senkrecht und in Position gehalten. Somit entsteht eine Abhängigkeit der beiden Objekte zueinander.

Welche persönliche Bedeutung geht für dich mit der Ausstellung einher?

Die Ausstellung ist eine meiner persönlichsten bis dato und hat somit eine besondere Bedeutung für mich. Es geht um die jeweilige Herrkunftsgeschichte meiner Eltern. Mein Vater ist damals vor dem Anwerberabkommen auf eigene Faust nach Deutschland gereist. Meine Mutter stammt aus einem akademischen deutschem Hause mit unverleugbarer Nazivergagangeheit. Da sind Welten aufeinander geknallt, was Schwierigkeiten und Konflikte einhergebracht hat. Selbstverständlich adressiere ich diese Thematik anhand meiner persönlichen Geschichte, aber mir ist es wichtig, in meiner Arbeit soweit zu abstrahieren, dass ich ein weites Publikum anspreche. Es geht mir um das Aufspüren von Fragen nach kultureller, sozialer und ökonomischer Identität und selbstverständlich um die Frage nach Heimat.

Titel: fruct I & ohne, 2014 glas & styropor 30.5 x 17.8 x 8.9 cm & 27.94 x 6.985 x 7.62 cm

Du bist in Deutschland aufgewachsen und hast über deinen türkeistämmigen Vater eine familiäre Verbindung zur Türkei: Inwiefern hat diese Familiengeschichte deine Kunst beeinflusst?

Die Frage nach Heimat und das Verlangen nach Zugehörigkeit haben mich schon sehr früh beschäftigt. Die Thematisierung von Identität und ihrer Definitionsentstehung ist in all meinen Arbeiten Gegenstand und verleiht ihr Kontinuität. Es ist eine ständige Bewegung und Weiterentwicklung von Themen und Formen, die von einem Format zum anderen wandern. Ich verstehe es als einen organischen Arbeitsprozess, in dem ich immer wieder Objekte und Orte durch Neuzuordnung häufig anders definiere. Ich denke diese  Arbeitsweise, das ständige Neudefinieren und sich nur kurzweilig festlegen können, beruht auf meiner ganz persönlichen Geschichte.

Derzeit wird viel über den Begriff “Heimat” diskutiert. Welche Beziehung, wenn diese vorhanden ist, siehts du persönlich zwischen deiner Arbeit und diesem Begriff?

Das ist eine sehr gute Frage und nicht so einfach zu beantworten. In dieser Ausstellung ging es mir darum den Begriff Heimat oder Heim aufzubrechen, da jeder Heimat für sich definiert und wir müssen offener diesbezüglich werden. Es gibt mehr und mehr Bewegung weltweit und unser Verständnis von Heimat im klassischen Sinne, damit meine ich speziell den deutsch geprägten Begriff, muss elastischer werden und sich weiten, da unsere bisher gültigen Definitionen des Begriffes nicht mehr greifen.

Ohne Titel (aus der Serie: Barrikaden) I, 2016 Silber Gelantine Abzug 101cm x 152cm

Fotografie ist eine ganz andere Form der Kunst, als deine Ausstellung: Was hat dich an Istanbul als Stadt gereizt, diese fotografisch festzuhalten? 

In “Strawberry of Cosmo” gibt es eine große schwarz-weiß Photographie, die aus einer Serie stammt, die ich in Antalya gemacht habe, welche auch Ausgangspunkt für die Serie in Istanbul war. Photographieren ist für mich zunächst immer eine Bestandaufnahme, da komm ich ganz aus der Tradition der neuen Sachlichkeit und selbstverständlich der Becher Schule. Im Sinner einer nüchternen, zurückhaltenden Bildsprache habe ich versucht, mich der Stadt anzunähern. Sicherlich hat es mich in die Stadt gezogen, weil mein Vater dort geboren und aufgewachsen ist und somit ist dies auch ein Annäherungsversuch an seine Vergangenheit, seine Geschichte.

Aktuell planst du einen Fotoband mit schwarz-weiß Fotos aus Istanbul. Gab es einen bestimmten Grund, warum du dich dafür entschieden hast, die Stadt in schwarz-weiß aufzunehmen?

Ja, ein Photoband ist unbedingt ein Wunsch von mir, zumal dies auch meine erste Publikation sein wird. Schwarz-Weiß fotografiere ich, da es mir hilft, mich in dem Rahmen, den die Kamera vorgibt auf das Wesentliche zu konzentrieren. Istanbul war eine Herausforderung für mich und ich glaube Farbe hätte mich zu sehr vom Wesentlichen abgelenkt, da fotografieren mir einiges an Konzentration abverlangt.

Interview: Max Baum & Marlene Resch
Fotos: Viola Yeşiltaç