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Perspektiven feministischer Kämpfe: Ein Interview mit Theaterregisseurin Azadeh Ganjeh

Die erste Perspektive unserer Portrait-Reihe stammt von der iranischen Theatermacherin und Aktivistin Azadeh Ganjeh, die ihre Gedanken über Frauen*kämpfe, Aktivismus und die gemeinschaftsstiftende Macht des Theaters mit uns teilt. Azadeh wurde 1983 in Teheran geboren. Nach ihrem Master-Abschluss in Theaterregie an der Teheraner Universität der Künste promovierte sie 2017 an der Universität Bern. Nach ihrer Rückkehr in den Iran lehrte sie an der Fakultät für Musik und Darstellende Kunst der Universität Teheran. Azadeh lebt seit 11 Monaten in Berlin.

Maviblau: Was würdest Du sagen, ist der wichtigste Kampf, den Du in Deinem Leben führst?

Azadeh: Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, frage ich mich: Wer antwortet darauf? Es gibt viele Kämpfe und es gibt viele Schichten meines Charakters, meiner sozialen und biologischen Existenz, die jeden Tag und insgesamt im Leben verschiedenen Kämpfen ausgesetzt sind. Als Frau – und als Mensch – möchte ich Gleichheit und Gleichberechtigung. Was ich mir wünsche, ist, eine Identität zu haben. Für mich besteht der größte Kampf darin, im Alltag selbst aktiv zu sein. Und es auch anderen Menschen zu ermöglichen. Aufmerksam und sensibel zu sein für das, was um mich herum geschieht, und bereit zu sein, darauf zu reagieren. Ich möchte begreifen, was vor sich geht, ohne es immer zu akzeptieren. 

Aber wenn ich als migrantische Person antworte, dann geht es vor allem darum, die eigene Identität wiederzubeleben. Die Identität, die man hat und für die man jahrelang gekämpft hat. Die Identität, in die man seine Zeit, seine Seele und sein ganzes Potential gesteckt hat, und die man nun zurückgewinnen, immer wieder demonstrieren muss.

Kannst Du mehr über die Herausforderungen im Zusammenhang mit Deiner Identität als Migrantin in Deutschland erzählen?

Azadeh: Eine Schwierigkeit für Frauen oder marginalisierte Personen, die in eine privilegierte, weiße Gesellschaft kommen, besteht darin, das Etikett des Opfers abzulegen. Man wird ständig beobachtet oder als Opfer abgestempelt. Es ist ein großer Kraftakt für Menschen, die aus der Unterdrückung kommen, ihre Würde wiederzuerlangen. Menschen in “freien” Gesellschaften, die in einer Demokratie leben, denken häufig, dass sie mehr Wissen haben, dass sie mehr Macht ausüben und verteilen können. Das kann sehr problematisch und unterdrückend sein. Eine Person mit Zuwanderungserfahrung, die aus einer unterdrückenden Gesellschaft kommt, wird als traumatisiert und dadurch als schwach angesehen. Unterdrückt zu sein, Gewalt zu erfahren als jemand, der Opfer eines Krieges, Opfer einer Krise, Opfer der Taliban, Opfer des unterdrückerischen Staates Iran war, macht dich nicht zu einem schwachen Menschen. Es macht dich sogar zu einer sehr wertvollen Quelle des Wissens. Wir müssen nicht beweisen, wie stark wir sind. Wir brauchen niemanden, der Mitleid mit uns hat. Wir brauchen Menschen, die das Potenzial und den Wert anerkennen, den wir in uns tragen. Und Menschen, die das Privileg haben, in Freiheit zu leben, brauchen diesen Schatz, brauchen unsere Erfahrung. Das sollte von feministischen Gesellschaften auf der ganzen Welt stärker bedacht werden.

Würdest Du diese von Dir beschriebenen Hauptkämpfe eher in Deinem Privat- oder in Deinem beruflichen Leben verorten? Gibt es da eine klare Grenze?

Azadeh: In meinem Fall kann ich das nicht wirklich trennen, was im Kontext der Gesellschaft, in der ich gelebt habe, in gewisser Weise ein Widerspruch ist. Ich komme aus dem Iran, aus einer sehr segmentierten Gesellschaft, in der immer eine sehr klare Grenze zwischen Privatleben und öffentlichem Leben gezogen wird. Viele Menschen, die sich gegen die unterdrückenden Regeln des Staates und des Regimes auflehnen, entscheiden sich für eine völlig andere Identität in ihrem Privatleben. Dies gilt für Frauen und LGBTQ+-Communities mehr als für Männer. Aber ich habe immer versucht, diese Grenzen nicht auf meine eigenen Werte und mein eigenes Handeln in der Gesellschaft einwirken zu lassen. In der iranischen Gesellschaft gibt es menschliche Werte und staatliche Werte – und in vielen Fällen stehen sie im Widerspruch zueinander. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass man in die Falle tappt, nach Werten zu handeln oder diese zu repräsentieren, an die man nicht glaubt oder die man sogar ablehnt. Der Kampf von jemandem, der in einer solchen Gesellschaft lebt, besteht darin, wie man nicht in diese Falle tappt, wie man nicht zum Opfer und Werkzeug eines Systems wird, an das man nicht glaubt. Ein Teil des Kampfes gegen diese totalitären Staaten und tyrannischen Systeme besteht darin, gegen ihre Berechtigung zu kämpfen. Ich habe versucht, dies als eine ständige Aufgabe in jedem Aspekt meines Lebens zu sehen. Und wenn ich sage: “Das ist mein privates Leben und das ist mein öffentliches Leben, das ist das, was ich als Künstlerin mache, das ist das, was ich als Professorin an der Universität mache, so bin ich drinnen und im Untergrund” – wenn ich da klare Grenzen ziehe, dann besteht die Gefahr, dass ich mich nur um mich selbst kümmere und vergesse, für alle in der Gesellschaft zu handeln. Du kannst dich entscheiden, passiv zu sein, dann bist du im Kontext der Gesellschaft und des unterdrückenden Staates sicher. Aber wer bist du dann? Was ist mit deiner Identität, mit deinen Menschenrechten, deiner Gemeinschaft? Was ist mit deinen Schwestern?

Was hat Dich in dieser aktiven Haltung und dem Handeln in Übereinstimmung mit Deinen eigenen Werten bestärkt?

Azadeh: Ich hatte diese Macht nicht nur, weil ich so sein wollte, sondern auch, weil ich privilegiert war. Ich denke, es ist wichtig, darüber zu sprechen, dass man selbst in einer patriarchalen Gesellschaft, die von Unterdrückung geprägt ist, privilegiert sein kann. Ich wurde von meiner Familie nicht unterdrückt, und ich hatte Zugang zu vielen wirtschaftlichen und intellektuellen Ressourcen. Auf diese Weise hatte ich das Privileg, das zu erfahren, was ich will, und zu erproben, woran ich glaube. Aber nicht jeder hat diese Möglichkeit. Andererseits spürte ich aufgrund dieses Privilegs den Drang und die Pflicht, in unserer Gesellschaft für viele Rechte zu kämpfen, die ich einfach so hatte, weil ich in meinem Privatleben nicht von patriarchalen Ideologien unterdrückt wurde. Ich hatte diese Rechte, weil niemand gewillt war, sie mir wegzunehmen. Schon dieser Satz zeigt, wie legitim und normal dieses repressive Leben für eine iranische Frau aufgrund der unterdrückerischen Politik und Verfassung der Islamischen Republik Iran sein kann.

Du bist Theaterregisseurin und Performancekünstlerin und hast viel mit ortsspezifischem und immersivem Theater im öffentlichen Raum gearbeitet. Warum gerade diese Formate?

Azadeh: Ich finde es sehr wichtig, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, um in der Gesellschaft aktiv zu sein. Vor allem, wenn man in einem Staat lebt, der einem immer wieder das Recht auf ein selbstbestimmtes Auftreten entzieht, und der einen potentiell politisch wirksamen Dialog zwischen unterschiedlichen Menschen nicht zulässt. Im Iran hat man immer Angst vor der eigenen Stimme, davor, was man in der Öffentlichkeit sagt. Der Staat will, dass man sich isoliert und verängstigt fühlt. Es herrscht eine bedrückende Atmosphäre, die es nicht zulässt, dass man sich im öffentlichen Raum spontan mit anderen Bürger*innen zusammentut und eine Gemeinschaft bildet. Um in einen Diskurs, in einen Dialog zu treten und ein Bewusstsein über die Unterdrückung zu erlangen, unter der wir alle leiden. Und dann einen Punkt zu erreichen, an dem man das Gefühl hat, “ja, wir haben Macht, und wir können etwas dagegen tun”. Ich dachte, dass die darstellenden Künste diese Art von Macht haben, Menschen zu engagieren und eine Gemeinschaft zu schaffen, die vielfältig und inklusiv ist. So bin ich auf das Theater gestoßen und ich wusste, dass das Theater aus den konventionellen Räumen herausgehen musste, den Räumen, die vom Geist des Staates und der Zensur geprägt und besetzt waren. Performancekunst sollte nach draußen zu den Menschen und in den öffentlichen Raum gehen. Als junge Feministin und als jemand, der für die Rechte der Frauen kämpft, ​​bildete ich zusammen mit anderen Performancekünstler*innen eine kleine Gruppe, und wir beschlossen, mit Themen für Frauen in der Gesellschaft zu beginnen. Wir wollten Themen aufgreifen, die von staatlicher Seite gegen Frauen gerichtet waren, und diese in den öffentlichen städtischen Raum bringen. Um Menschen entscheiden zu lassen, was sie selbst dagegen tun können. Das war der Grund, warum wir uns entschieden haben, ortsspezifisches Theater zu spielen, und wir begannen mit einer angepassten Variante des Forumtheaters nach Augusto Boal.

Das andere, um das es mir ging, betrifft das urbane Gedächtnis. Wenn man in einem totalitären System lebt, gibt es viele Erinnerungen, die verboten sind. Diese Erinnerungen sind unter den Menschen lebendig und haben Spuren in der Stadt hinterlassen. Aber sie sind versteckt, sie sind verboten, und niemand versucht wirklich, sich in einer kollektiven Anstrengung an sie zu erinnern. Und das Theater und die darstellenden Künste haben dieses starke Potenzial, sich zu erinnern, etwas zu zeigen, etwas zu inszenieren. Also sagte ich, lasst uns Räume besetzen und darüber sprechen. Lasst uns die Erinnerungen mit unseren Körpern in die Räume zurückbringen. Und natürlich neue kollektive Erinnerungen an diesen Orten schaffen.

Du hast den Begriff „Recht auf selbstbestimmtes Auftreten“ erwähnt. Was bedeutet dieser für Dich?  

Azadeh: Frauen im Iran sind nach staatlichen Regeln regelrecht kriminell, und zwar vom ersten Moment an, in dem sie sich entscheiden, öffentliche Räume zu betreten. Denn sie müssen immer vor dem Spiegel prüfen, ob sie zum Ausgehen qualifiziert sind. In Bezug auf ihre Kleidung, ihr Make-up, ihren Hijab, ob sie sich so bedecken, wie der Staat es will; denn jener will ihre Körper und ihre Existenz kontrollieren. Und es ist, als ob man im Inneren bereits kriminell ist, nur weil man eine Frau ist. Deshalb dachte ich, Frauen auf die Straße zu bringen, ihre Themen und Probleme zum Haupt-Dilemma zwischen den Menschen zu machen, die sich alltäglich versammeln, ist ein Mittel, das Recht auf selbstbestimmtes Auftreten zurückzufordern.

Wie wichtig ist kollektives Arbeiten und das Teilen von Kämpfen für Dich?

Azadeh: Ich denke, wir sollten über die große und diverse Gemeinschaft von rebellischen Frauen im Iran sprechen, über Frauen, die gegen diese Unterdrückung kämpfen – alle Arten von Frauen, sogar jene, die sich an die Gesetze halten – alle haben mit verschiedenen Ebenen der Unterdrückung zu kämpfen. Es ist ein Kampf für jede Frau. Er ist nicht nur intersektional, sondern auch: Jede Frau, die kämpft, kämpft für alle Frauen und kämpft für alle, die unterdrückt sind. Das Wichtige ist, dass du anerkennst: Ich bin in einer Gemeinschaft von Kämpfer*innen. Ich gehöre zu einem Kollektiv von Kämpfer*innen. Wir sind unterschiedlich. Wir haben unterschiedliche Überzeugungen, wir haben unterschiedliche Identitäten, und wir haben vielleicht sogar unterschiedliche Haltungen in unserem Kampf, aber es ist eine Gemeinschaft von Kämpfer*innen. Und ich denke, das ist es, was diesen “Frau, Leben, Freiheit”-Aufstand weltweit bekannt gemacht hat. Jede*r kämpft für die Frauen, für das Leben und für die Freiheit. Und das ist nicht nur eine Angelegenheit für einen Teil der Welt, für eine bestimmte Gesellschaft, nicht einmal nur für Frauen. Es ist ein ständiger Kampf für alle. 

Es geht darum, sich umeinander zu kümmern, sich gegenseitig Kraft zu geben und die Defizite des anderen zu erkennen. Und darum zu lernen, sich Wissen anzueignen und sich für das zu öffnen, was andere erleben und man selbst nicht erlebt hat. Ich sage das aufgrund meiner Erfahrung in der Arbeit mit Frauen und Menschen aus LGBTQ+-Communities, die häusliche Gewalt erfahren haben, und mit von Kinderarbeit betroffenen Kindern. Hier habe ich nicht so viel Erfahrung, die ich weitergeben kann, ich weiß nicht viel. Was ich tun kann, ist, da zu sein: Mit meinem Wissen, meinem Handeln, meiner Kraft, mit allem, was ich habe. Wenn ich in theatralischen Begriffen spreche, bin ich nur diejenige, die die Bühne für sie so herrichten kann, wie sie es brauchen. Und vielleicht ist das die Art von Teilhabe, die ich leisten kann. Ich kann manchmal eine Brücke sein, eine Stütze, eine Zeugin.

Miniaturstatue einer städtischen Statue des iranischen Künstlers Shahin Seyghaliin mit dem Namen ما, was so viel bedeutet wie Wir

Gab es für Dich in Deiner Jugend Frauenfiguren, die Dich durch ihre Kämpfe inspiriert haben?

Azadeh: Der Kampf für die Rechte der Frauen im Iran hat eine lange Geschichte. Er findet schon seit mehr als einhundert Jahren statt. Vor allem in der Kunstszene, und insbesondere in der Theaterszene. Das Theater kam als Modernisierungsinstrument in den Iran, und es war in der Hand des Staates. Der Staat entschied sich dafür, es mit Hilfe von Eliten einzuführen, aber diese Eliten wollten das Theater als Mittel zur Vermittlung von Moral einsetzen. Und Frauen waren nicht willkommen. Aber es gab sehr starke Frauen, die sagten: “Wir wollen dazugehören. Wir wollen auftreten und über unsere Probleme sprechen können.” In der Moral, die auf der Bühne gezeigt wurde, sollten Frauen unterdrückt werden. Frauen durften nicht auf der Bühne erscheinen, und die ersten Frauen waren armenische Schauspielerinnen, viele von ihnen waren sogar Amateurschauspielerinnen. Sie kamen nicht auf die Bühne, weil es ihnen gestattet war, sie hatten selbst mit der christlichen armenischen Gemeinschaft im Iran zu kämpfen. Aber zumindest nach den religiösen Regeln hatten sie ein paar Privilegien, die es ihnen ermöglichten, auf die Bühne zu treten.

Also ja, ich hatte all diese Figuren im Kopf. Die Gemeinschaft der Frauen, die für Schulen für weibliche Studierende kämpften, die öffentliche Theaterveranstaltungen organisierten, um Geld zu sammeln und damit iranischen Mädchen Alphabetisierung und Bildung zu ermöglichen. Es gab Frauen, die anfingen, in ihren eigenen Häusern Theater zu machen. Es gab Frauen, die auf der Straße verprügelt wurden, nur weil sie Schauspielerinnen waren und jene, die bei öffentlichen Veranstaltungen abseits stehen und den Männern auf der Bühne zusehen mussten, wie sie Frauenrollen darstellten. Sie haben immer versucht, einen Weg durch diese unterdrückende Moral zu finden, um einige Rechte wiederzuerlangen. Und sie haben es geschafft. Sie begannen damit durch das Theater, und ich fand das sehr inspirierend. Es ist eine lange Geschichte von Frauen, die sich aufopferten, eine lange Geschichte von Frauen, die häufig zu den Privilegierten der Gesellschaft gehörten und für die Rechte aller kämpften.

Was ist Dein Verständnis von Aktivismus? Gehört es dazu, sich für eine Sache aufzuopfern, und siehst Du Dich selbst als Aktivistin?

Azadeh: Das ist eine sehr wichtige Frage, und ich denke, jede*r, der*die in der Gesellschaft etwas tut, um etwas zu verändern, ist Aktivist*in. Eine Handlung zu vollziehen, einen Schritt vorwärts zu machen, selbst einen kleinen Schritt, ist eine Art von Aktivismus. Aber es geht dabei nicht um Aufopferung. Ich persönlich denke, etwas tun zu können, ist eine Art der Selbstermächtigung. Ich finde es sehr befriedigend und erfüllend. In der Gesellschaft und im eigenen Leben aktiv zu sein und an den Aktivismus zu glauben, ist für mich eine Möglichkeit, weiterzumachen. Und ich kann nicht sagen, dass man diese Kraft, aktiv zu sein, immer in sich trägt. Sie kommt und geht wie eine Welle. Aber wenn du diesen Willen hast, wenn du diese Mission hast und dich immer an deine Vision und deine Werte erinnerst – wenn du deine Hand ausstreckst, deine Stimme erhebst – dann hält dich das am Leben. Es holt dich aus diesem dunklen Loch des “ich kann nichts tun” heraus. Es hilft dir, hoffnungsvoll zu bleiben. 

Text: Johanna Weisheit

Fotos: Marie Konrad


Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt. Es handelt sich hierbei nicht um Azadehs Muttersprache. Mehr Informationen zu Azadeh und ihrer Arbeit findet ihr hier.

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