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Die Straße vor unserem Haus

Eileen Kelpe


Ich erinnere mich an die braun schimmernden Steinchen, die sich immer langsam im Abendbrotstee auflösten. Manchmal öffnete ich heimlich Omas Küchenschrank, nahm die Plastikdose mit dem grünen Deckel heraus und schob drei Kandis in den Mund. Manchmal lutschte ich sie, manchmal biss ich drauf. Ein süßes Knirschen.

Du denkst an Pesmet. Frittiertes Gebäck, warm und frisch und der Geruch nach Fett in der Küche deiner Oma. Manchmal rote Marmelade dazu, wenn du müde vom Spielen reingekommen bist.
Nur drei Treppenstufen und schon stand man auf der Straße: Ich auf der Dorfstraße in einem norddeutschen Dorf, du auf der kleinen Straße inmitten einer anatolischen Stadt. Du meinst, es gab nur wenige Autos. Ihr habt auf der schmalen Straße Fußball gespielt.

Und saklambaç, Versteckspiel. Du hast dich in den Eingängen der Wohnhäuser versteckt. Die Straße war euer Spielplatz.
Wir haben in den Gärten der Einfamilienhäuser gespielt, in der Sandkuhle, wo das hellblaue Klettergerüst stand und sind über die frisch gepflügten Äcker gestampft. Bei den Bauern haben wir nebenan frische Milch und Eier geholt. Es gab große Traktoren. Dann wackelten die Möbel, wenn sie durch die Straße fuhren. Manchmal lagen tote Katzen auf dem Bürgersteig.

Meine Freundinnen hießen Luise, Jennifer, Nina und Vanessa. Deine Freunde hießen Yasin, Kemal, Çağlar und Ahmet.

An der Ecke der Straße gab es ein Süßigkeitengeschäft. Mehr als zehn verschiedene Schokoladendragees glänzten in der Auslage. Du hast nie welche gekauft. Dein Geld reichte für eine kleine Tüte Kartoffelchips. Ihr habt euch draußen vor das Regal gehockt, damit der Verkäufer euch nicht sieht. Dann habt ihr die Tüten abgetastet, um zu fühlen, ob es nicht Tazo-Taler darin gab. Bedruckte Taler, mit denen ihr gespielt habt.

In der Dorfmitte gab es ein kleines Lebensmittelgeschäft. Neben der Kühltruhe standen die Süßigkeitenboxen: Weiße Mäuse aus Schaumzucker, bunte Gummi-Schnuller, Lakritzschnecken, Nougatrauten und Schlümpfe. Meine Schwester und ich füllten uns eine Tüte für eine Mark, Stückpreis fünf Pfennig. Der Verkäufer zählte nie nach. Wir haben uns oft verzählt.

Du wolltest Händler spielen, wie dein Cousin, der schon auf dem Gymnasium war. Du bist dann zu den zentralen Simit-Händlern gegangen und hast fast dreißig Sesamkringel gekauft. Dann bist du mit deinem Fahrrad durch die Straßen gefahren und hast „Simiiiit“ gebrüllt. Manchmal hast du auch Teebeutel verkauft. Das hat dir Spaß gemacht. Von dem Geld hast du Chipstüten mit Tazo-Talern gekauft.

Ich habe mit meiner Schwester altes Spielzeug auf dem Flohmarkt verkauft. Dann lag unsere Wolldecke auf dem dunklen Asphalt in einer kleinen Straße im Dorf. Einige hatten auch Tapeziertische aufgestellt. Wie hatten alte Barbiepuppen und verfilzte Teddybären. Ein paar Mark haben wir immer verdient. Bei den anderen Ständen gab es schöne Bücher. Manchmal habe ich zehn Stück gekauft.

Vor zwei Jahren warst du mal wieder in deinem alten Stadtviertel. Da, wo das Haus deiner Oma stand. Die Straße ist heute breiter und es gibt viel mehr Autos. Früher hatten die Häuser drei Stockwerke, heute mindestens acht. Es gibt keine spielenden Kinder mehr auf der Straße. Wenn du heute ein Kind siehst, das Simit verkauft, weißt du, dass es arm ist.

Wenn ich in der Dorfstraße bin, vibriert immer noch der Boden. Die Möbel wackeln, denn die Traktoren sind noch größer geworden. Wie Monster donnern sie durch die Straße. Es gibt keine Kühe mehr und keine frische Milch. Auch das hellblaue Klettergerüst in der Sandkuhle ist fort, dort steht jetzt ein Einfamilienhaus.

Du hast nie wieder Pesmet gegessen. Das Gebäck gibt es nur noch in deiner Erinnerung in der Küche von deiner Oma.
Ich trinke meinen Tee ohne Zucker. Die Dose mit dem grünen Deckel gibt es nicht mehr.

Drei Stufen und dann die Straße.
Wir fragen uns beide, wo die Kinder geblieben sind.

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