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Dinge und Orte

Fatma Sağır

Als Kinder konnten wir uns immer wieder, so wie es nur Kinder mit dieser Ausdauer tun können, über den Schriftzug auf unserem prall gefüllten Kühlschrank in der Türkei amüsieren. Wir sagten: Das ist zum Be-öm-meln. Nur Zweisprachige, also in der Regel unsere Cousins und Cousinen aus Berlin, die auch ihre jährlichen Sommerferien in Anatolien verbrachten, konnten das ebenso amüsant finden wie wir, denn bosch bedeutet in Türkisch „leer“. Mega-Witz.

In Deutschland stand kein Bosch. Irgendein no-name, ich glaube, es gab nicht einmal einen Schriftzug.

Die Gastarbeiter erster Stunde pflegten doppelte Haushaltsführung.

Töpfe, Pfannen, deutsche Markennamen. Stumme Zeugen einer Zeit, deren Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Auf blitzblanken Marmor-Arbeitsplatten, mit der Rage und Zielstrebigkeit einer türkischen Hausfrau, porentief sauber geschrubbt, unter Verwendung von Putzmitteln, die schon lange nicht mehr zugelassen sind.

Die besten Materialien, professionell verarbeitet. Hochmoderne, vom Tischler gebaute Einbauküchen, von denen meine Mutter in ihrer winzigen Resopal-Küche in Deutschland träumte.

Ich stelle mir vor, dass in jeder türkischen Stadt irgendwo eine vollausgestatte Wohnung, eine Küche, ein Wohnzimmer, mit prachtvollen Vorhängen, weichen Teppichen stumm wartet. Warten, auf jene, die da nicht mehr kommen werden. Warten, auf ein Leben, ungelebt, das nicht mehr gelebt werden kann. Die Gezeiten der Zeit leise und tosend über sie hinweggefegt.

Noch in seinem letzten Lebensjahr hat mein Vater schwarzen Marmor oder Basalt, jedenfalls einen hochwertigen Stein, aus Italien bestellt, um seine Küche in der Türkei mit einer respekteinflößenden Arbeitsfläche auszustatten. Benutzt hat er sie nie. Als sie endlich da war, war er bereits tot.

Sechs Wochen im Jahr guckten sich diese Gastarbeiter ihre Waschmaschinen (Miele), Kühlschränke (eben: Bosch), Radiogeräte (Grundig), Schreibmaschinen (Olympia), Staubsauger (AEG) stolz an. In dieses Sammelsurium deutscher Industriegeschichte der Nachkriegszeit reihten sich im Laufe der Jahre Toaster, Mixer, Wasserkocher, Mikrowellen und etliches mehr. Alles hatten sie über den Zeitraum von etwa 30 Jahren mit ihren Autos in die Türkei befördert, Schikanen am bulgarisch-türkischen Grenzübergang auf sich genommen. Meine Eltern hatten sogar einen eigenen Raum nur für das Geschirr und allerlei andere Waren, aufbewahrt in blauen Tonnen, die früher als Farbfässer in der Chemiefabrik dienten, in der mein Vater arbeitete. Aus ihnen ragten Teller mit Goldrand und Blümchenverzierung hervor. Tantiges Kaffegeschirr, aus dem ein Türke nie seinen Kaffee trinken würde. Überall stapelten sich Topf-Sets über das jede Berliner Wohnzimmer-Bar unmittelbar in Verzückung geraten würde. Schwere, rote Emaille-Töpfe, die für den Gasherd geeignet waren. Ich liebte es, durch dieses Zimmer zu stöbern, obwohl verboten, die Gläser und Tassen in die Hand zu nehmen, sie zu betrachten und zufrieden zu seufzen. Die Schreibmaschine war der einzige Gegenstand, den ich aus diesem Zimmer herausnehmen und benutzen durfte. Sie war quitsch-grün und klein. Eine Reiseschreibmaschine. Irgendwann haben meine Eltern dieses Zimmer aufgelöst.

Wie viele Migranten-Eltern, warfen auch sie nichts weg. Unser Keller ist bis heute vorbildlich aufgeräumt und beinahe archivarisch organisiert.

So warf meine Mutter zwar nichts weg, aber irgendwann kamen die bunten Töpfe aus der Mode. Vielleicht erkannte sie auch, dass niemand von uns in der Türkei heiraten, dort leben und Töpfe aus den 70er Jahren benutzen würde. So packte sie immer mal wieder einen Kochtopf ein und überreichte ihn einem jung vermählten Paar im Dorf. Sie verschenkte auch die gesamte türkische Aussteuer, die sie für uns Mädchen in jahrelanger Arbeit hatte anfertigen lassen. Doch auch sie musste erkennen, dass Spitzendeckchen und Häkelborten aus einer anderen Zeit, einem anderen Lebenstraum stammten.

Diese Marotte, alles aufzubewahren, nahm bisweilen sonderliche Züge an. Da war die Sache mit den Smirnoff T-Shirts.

Einer meiner Brüder war in der Event-Branche tätig. In seiner Wohnung in Deutschland stapelte sich Promotions-Kram: Kugelschreiber, Käppis, Schlüsselanhänger und eben kistenweise dunkelblaue Damen-T-Shirts in der Größe S, mit dem Schriftzug der Wodka-Marke Smirnoff quer über der Brust.

An einem Ferientag verbrachten wir Zeit in dem Heimatdorf meiner Eltern. Auf der staubigen Dorfstraße liefen uns Kinder entgegen. Die T-Shirts kamen mir bekannt vor. Im streng puritanisch-muslimischen Dorf hatte der Pragmatismus meiner Mutter offenbar deutlich über die allgemeine Alkohol-Abneigung gesiegt, oder, mein Bruder der Schelm, hatte ihr nicht gesagt, wofür die Werbung galt. Ich schwieg. Der Smirnoff Schriftzug hüpfte uns jedenfalls auf etwa einem Dutzend Kinderleibern entgegen. Das sind doch ganz gute Shirts, sagte meine Mutter zufrieden.

Die Sehnsucht nach einem bequemen Leben machte die Gastarbeiter zu wahren Bauunternehmern mit Visionen. Ihre Häuser statteten sie mit Solar- und Gasenergie aus.

Von allem nur das Beste, um es später, „wenn wir zurückgehen“ zu benutzen, um es „gut und bequem“ zu haben.

Während in Deutschland karge Wohnungen, in schäbigen Wohngegenden, Verzicht und buchstäblich der Sparstrumpf auf sie warteten. Meine Eltern trauten keiner Bank. Ihr Geld bewahrten sie anfänglich tatsächlich Zuhause auf. Auf unseren Autoreisen in die Türkei nähte meine Mutter D-Mark-Scheine in ein Unterhemd ein, das sie dann am Leib trug.

Alles, alle Luxusartikel, auch der gute Ali-Instant-Kaffee von Aldi, wurde ohne mit der Wimper zu zucken mehrere tausend Kilometer auf einen anderen Kontinent gezerrt. Jedes Kaffeegedeck ein Szenario, das gelebt werden wollte. Jedes Küchengerät, das ein bequemes Leben versprach.

Vollständig eingerichtete Räume warteten geduldig hinter verschlossenen Türen und verdunkelten Fenstern auf den Sommer. Dann, wenn sie kommen. Die Gastarbeiter. Wenn sie sie öffnen. Wen sie über die glatten Arbeitsflächen streichen, wenn sie den kalten Stein an den Händen und den weichen Teppich an den nackten Füßen spüren, wenn sie wissen, dass sie wieder Abschied nehmen werden von diesem Leben, das sie nie ganz gelebt, nur kurz bewohnt und dann bis zum nächsten Sommer abgeschlossen haben, den Schlüssel an einem besonderen Bund, aufgehängt an einem altmodischen deutschen Schlüsselkasten, einen Moment zu lang in der Hand gehalten haben. Sich ins Auto gesetzt und losgefahren sind. Richtung Zurück. In ihre gebrauchten Möbel und schrecklich-scheußlichen Tapeten. Kulissen eines Lebens, das sie durchliefen, weil das eigentliche Leben woanders verharrte. Von Sommer zu Sommer.

Noch heute warten manche Häuser und ihre Küchen auf den Sommer. Die Küchen, mit ihren Bosch Kühlschränken, Miele Öfen. Ein Herd ist das Herz des Hauses sagt man in der Türkei und wenn ein Unglück geschieht, oder jemand stirbt, dann ist „Sein Herd ist erloschen.“

Jetzt, im Alter, könnten sie kommen, die Gastarbeiter, könnten durch ihre Häuser schreiten, in ihren Küchen kochen, müssten nicht warten, dass der Sommer kommt. Müssten nicht das Licht herbeisehnen. Müssten nicht schrottreife Autos über den Balkan fahren. Müssten nicht mit Zollbeamten hadern. Könnten fliegen. Könnten es endlich bequem haben. Könnten sich an ihren Küchentisch setzen und von vergangenen Zeiten erzählen.

Stimme und Copyright Audio: Max Hoffmann (max.hoffmann-sprecher@mein.gmx)




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Ich chille, also bin ich frei