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Die Stunde Null

– Filiz Yildirim


Ich erinnere mich noch sehr bildlich an meine Geburt: Ich wurde mit 19 Jahren geboren. Entgegen landläufiger Meinung liegt der Geburt nichts Schweres inne. Es ist ein Moment der Freiheit, der 1001 Möglichkeiten. Selbst nachdem sich der Schleier anfänglicher Euphorie legte, sah ich nur Verheißungsvolles, Verlockendes in der Morgendämmerung. Die ersten Schritte waren unbeholfen, so als liefe ich in zu großen Schuhen und ohne Fußstapfen, in die ich hätte treten können. Zögerlich wagte ich mich weiter voran, tastete den Weg vor mir vorsorglich mit den Fußspitzen ab, um sicherzugehen, dass es mir den Boden nicht unter den Füßen wegzog. Meine Hände ganz nah an meinem Körper, wusste ich doch, dass sie niemand ergreifen würde, um mich zu führen. Unentwegt blinzelte ich, um mich an das immer stärker werdende Tageslicht zu gewöhnen. Ich richtete mich auf und verspürte Schwindel angesichts der sich mir eröffnenden Welten.

Doch irgendwann beschlich es mich, wie ein leichtes Frösteln, gegen das anfangs noch die lila Lieblingsstrickjacke hilft. Dem Frösteln folgte ein Zittern, das ich mit Ofen und Wolldecken betäuben wollte. Zwecklos. Ich merkte, in mir selbst ruhte der Kälteherd. Die Wohlfühltemperatur des menschlichen Organismus liegt bei 37 Grad, ich kam gerade so auf 35 Grad. Ich wusste, ich musste dieses stille Abkommen, diesen Nichterinnerungspakt, den ich mit mir selbst eingegangen war, aufkündigen, um das 37-Grad-Ziel zu erreichen. In Häppchen, ganz sachte, erlaube ich mir das Erinnern wieder. 

Ein Anfang: 

Das Sommerloch

„Du bist in den Semesterferien auch immer unterwegs, oder? Hast du eigentlich je einen Sommer in Deutschland verbracht?“

Die Schulferien nehmen in Kindheitserinnerungen einen großen Platz ein, sie sind für viele eine unerschöpfliche Erinnerungsenergiequelle, von der sie ein Leben zehren können. Ich habe die Schulferien immer gehasst. Während meine Schulkameradinnen und -kameraden sich auf ein paar entspannte Wochen an der Nordsee, in Südfrankreich, den USA oder im heimischen Garten gefreut haben, kam für mich der letzte Schultag einem Volkstrauertag gleich. Ich stand auf Halbmast. Innerlich natürlich. Äußerlich schritt ich aufrecht über den Schulhof, ließ mir nichts anmerken, ritt mit auf der Welle verheißungsvoller, ereignisreicher sechs Wochen, die am liebsten ein ganzes Leben währen sollten. Instinktiv hatte ich damals wohl schon gewusst, dass es nicht „normal” war, das renovierungsbedürftige Klassenzimmer den eigenen vier Wänden vorzuziehen. Läutete die Klingel, schloss ich mich schnellen Schrittes der Masse an, die einer mir verwehrten und unbekannten Glückseligkeit entgegeneilte, nur um auf den letzten Metern vor der eigenen Haustür fernab aller Augen wie versteinert stehen zu bleiben. 

„Ja, habe ich, schön waren sie nicht“.

Das Feuerzeug

„Sei doch keine Spielverderberin, was ist schon so schlimm an einer Raucherkneipe?“

In der Unterhaltungssendung „Wetten, dass?“, die auch in meiner Kindheit gerne angeschaut wurde, gab es die Unterkategorie „Kinderwetten“. Ich wusste, wenn ich mal an der Show teilnähme, dann würde Thomas Gottschalk mich folgendermaßen ankündigen: „Die achtjährige Filiz Yildirim aus Wiesbaden wettet, dass sie 20 verschiedene Feuerzeugmarken am bloßen Hören erkennen kann!“ Und wenn ich dann neben ihm auf dem Sofa Platz genommen hätte, hätte der Moderator ganz neugierig gefragt: „Sag mal, wie kommt man denn auf so eine Wette?“

Ja, wie eigentlich?

Das Geräusch eines aufflackernden, aufzischenden – je nach Typus – Feuerzeugs gehörte so selbstverständlich zu der heimischen Geräuschkulisse, dass ich bis heute in der Lage bin, dieses Klicken inmitten eines Meeres an Lauten herauszuhören.

War der Glockenton für den Pawlowschen Hund Auslöser von Speichelfluss, löste das Geräusch eines aufflammenden Feuerzeugs bei mir eine Abwehrreaktion aus. Ich wusste, was folgen würde: der penetrante Gestank von Zigarettenrauch, ein Wortschwall an Beleidigungen, sollte ich es wagen, mich auf mein Zimmer zu flüchten, um dem Geruch wenigstens ein wenig zu entkommen. In meiner Not drapierte ich Klamotten entlang der Türunterkante, um dem blauen Dunst wenigstens etwas entgegensetzen zu können. Vernahm ich das Geräusch während ich im Bett lag, war das für mich das Signal, mir die Decke über den Kopf zu ziehen und bei sinkendem Sauerstoffgehalt auszuharren und abzuwarten. 

Während für viele meiner Freundinnen und Freunde der Glimmstängel ein Zeichen für Coolness war, ein Mittel, um in ihrem heilen Elternhaus wenigstens einen Hauch von Rebellion zu verbreiten, sah ich in der Zigarette nur Unterdrückung und Unfreiheit. Und das ist bis heute so.

„Ich habe 19 Jahre meines Lebens in einer Raucherkneipe verbracht, das reicht mir.“

Ein Piepsen, ich ziehe das Fieberthermometer unter meiner linken Achsel hervor. 35,5 Grad.

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Erinnerungen durch den Gedächtnisfilter