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Alles andere als schwarz und weiß

“Bir Başkadır” als nuanciertes Gesellschaftsportrait

Diesen Dezember gibt es zwar nicht besonders viel zu unternehmen, aber dafür bleibt umso mehr Zeit, um gemütlich Netflix zu gucken. Zum Glück gibt es dort momentan eine spannende neue Produktion zu sehen: „Bir Başkadır“, auf deutsch mit „Acht Menschen in Istanbul“ betitelt. Und genau darum geht es: eine Gruppe von Menschen, die erst mal nichts anderes gemeinsam haben als ihren Wohnort.

 „Ich werd mal reinschauen“, sagt die Psychologin Peri. „Aber ich gucke auf keinen Fall eine ganze türkische Serie!“ In der schicken Bar in Cihangir schwimmen Fische durch ein riesiges Aquarium, das auf dem Tresen steht. „Guck es nicht, das ist was für einfache Leute“, winkt die Schauspielerin Melisa ab, „aus Anatolien, aus den Gecekondular“. Einen Augenblick später ist sie von Fans umgeben, macht lächelnd Fotos mit ihnen.

Die Ironie dieses Dialogs innerhalb einer türkischen Serie bleibt nicht verborgen. Wer hier jedoch abgenudelte Istanbul-Aufnahmen und vorhersehbare Lovestories erwartet hat, so wie wir es z.B. in „The Protector“  gesehen haben, wird positiv überrascht. “Bir Başkadır” ist ein auf poetische Weise erzähltes Drama, was mit der klassischen Dizi, der Seifenoper, wenig zu tun hat. Die Geschichte folgt dem Leben von acht Menschen innerhalb zweier Istanbuler Welten: Einer dörflichen Gemeinschaft in Beykoz, wo die Meinung des Hodschas zählt, und dem urbanen Şişli, wo man sich nach dem Yoga auf einen Kaffee trifft. Regisseur und Drehbuchschreiber Berkun Oya versucht hier den großen Wurf: Diese Widersprüche zusammenzubringen.

Meryem, überzeugend gespielt von Öykü Karayel, ist dabei die Grenzgängerin im Metrobüs, mit dem sie zwischen dem ärmlichen Haus ihres Bruders und ihrem Putzjob in der luxuriösen Hochglanz-Wohnung eines DJs hin und her pendelt. Als sie beginnt, wegen ihrer wiederkehrenden Ohnmachtsanfälle bei Peri in Therapie zu gehen, fällt es ihr schwer, sich gegenüber der Psychologin zu öffnen. Kein Wunder, denn Meryem steht ziemlich unter Stress und möchte eigentlich nur zwei Dinge: 1. ihre Nichte aus der Schule abholen und 2. heiraten. Die ebenfalls eher unglückliche Akademikerin Peri kann ihrerseits nicht anders, als sich bei ihrer Supervisorin über Meryems Kopftuch auszulassen. Sie schaut verächtlich auf “die konservativen Leute” herab, ist aber auch viel privilegierter.

Die religiöse, traditionelle Familiengemeinschaft hier, das liberale, individualisierte und mondäne Istanbul dort – ganz so einfach ist es nicht in der achtteiligen Miniserie. Die Neurosen, aber auch tiefgreifenden Probleme der teils sehr ambivalenten Charaktere werden in psychologisch dichten Szenen sorgsam dargestellt. Es werden zwar Vorurteile erfüllt , wie z.b. der jähzornige und herumkommandierende große Bruder, aber auch immer um viele Nuancen erweitert. Mit Faszination verfolgt man, wie letztendlich alle in ihrem eigenen Kopf feststecken und sich die gleichen zwischenmenschlichen Probleme und Wünsche durch jede Bevölkerungsschicht ziehen. Es geht um Themen wie Gewalt und Verlust, es geht um Eltern, die nur das Beste für ihre Kinder wollen, und deren Kinder, die ihre eigene Vorstellung davon haben, was das beste ist. Nicht ohne Humor werden diese Konflikte inszeniert, z. B. zwischen zwei Schwestern, die sich einfach immer wieder – im wörtlichen Sinne – an die Gurgel gehen müssen.

Irem Aydın, die in Istanbul groß geworden ist, ist  Regisseurin und Autorin und macht aktuell in Berlin das Projekt „Waves“ für Maviblau. Auch sie hat “Bir Başkadır” gesehen. „Mir hat die Serie sehr gut gefallen. Die schauspielerischen Leistungen, Regieführung und Art Direction fand ich überzeugend”, meint Irem. “Es gibt einen gewissen theatralischen Touch, zum Beispiel die Closeups der Gesichter. Landschaften und die Gentrifizierung der Stadt werden auf ästhetische Weise dargestellt, aber nicht romantisiert wie bei anderen Netflix-Produktionen.“

Trotzdem stimmt auch sie der Kritik daran, wie unterschiedliche Akzente eingesetzt werden, zu, die unter anderem von unseren Kolleg*innen von Vesaire aufgegriffen wurde. „Es stimmt schon: Wenn in der Serie eine Frau Kopftuch trägt, hat sie automatisch einen Akzent, was besonders bei den beiden Schwestern auffällt,“ meint Irem zu diesem Thema: Die gläubige Schwester hat einen Akzent, während die atheistische Schwester akzentfrei spricht. „Das ist ein bisschen klischeehaft – und es zeigt, dass der Regisseur und Drehbuchschreiber der Serie eben nicht zu dieser sozialen Gruppe gehört. Er ist aber insgesamt ein bisschen gemeiner zu den säkularen Leuten – und ich denke, es macht Sinn, dass er mit seiner eigenen Bevölkerungsschicht strenger ins Gericht geht.“

Ihr Fazit: „Die Serie schafft es meiner Meinung nach, die Gemeinsamkeiten zwischen  säkularen und konservativen Leuten zu zeigen. Und das, obwohl die Unterschiede in den letzten Jahren polarisiert wurden und die Politik versucht, sich die Differenzen zu nutze zu machen. Aber ich denke, wir haben haben auch vieles gemeinsam, es ist nicht schwarz und weiß.“

Schließlich guckt die Psychologin Peri die „Dizi“ ihrer schauspielernden Freundin doch noch. „Die Serie war – naja, wie diese Serien halt sind. Aber du, du warst gut.“ Am Ende gibt es Annäherungen zwischen den Figuren – aber es bleiben auch tiefe Konflikte, die nicht so einfach überbrückt werden können. Das offen zu zeigen, ist die große Leistung von “Bir Başkadır”.

Text: Eva Feuchter

Foto: Netflix

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