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„The most important part is the feeling of the tattoo owner“

Tattooartist Ilayda Atlas über ihr künstlerisches Schaffen

Die Tattoo Szene in Istanbul wird ordentlich aufgemischt – der aufstrebenden Ilayda Atlas gelingt es, Körper mit ihrer einzigartigen Vision zu schmücken. 

Inspiriert von der Lehre der IKIGAI Philosophie, versteht Ilayda Atlas selbst ihre Tattoos als eine Verbindung japanischer Tradition mit Moderner Kunst – fine lining illustrative trifft auf jahrhundertealte asiatische Elemente. Ilaydas Herz schlägt dafür, sich ungeniert durch Kunst und Kreativität ausdrücken zu können und ihre Tattoos sprechen Bände.

Ihr Weg, zu einer in Istanbul ernstgenommenen Tattoo – Künstlerin war als queere Frau kein einfacher, aber mit großem Mut und starkem Willen erzeichnete sie sich die Achtung ihrer überwiegend männlichen Kolleg*innen und zählt nun zu den gefragten Tätowierer*innen der Stadt. Den völligen Gegensatz zur Kunstszene in Istanbul lernt sie auf einen ihrer Reisen nach Deutschland kennen und findet dort, wonach sie sich sehnte – ihr wahres künstlerisches Zuhause. Zum ersten Mal erfährt sie in Berlin Anerkennung, ohne dafür kämpfen zu müssen und die uneingeschränkte Entfaltung, Kunst als freie Ausdrucksform nutzen zu können, sagt sie.

„Die Menschen und Künstler*innen die ich in Berlin kennengelernt habe und die Ausstellungen die ich besucht (…) habe, haben mich in meiner Kreativität so sehr erfüllt, dass ich mich fühle, als würde ich dorthin gehören.“ 

Maviblau ist es eine große Freude der talentierten Ilayda Atlas Raum für ihre Worte zu geben …

Ich bin Ilayda Atlas, 25 Jahre alt, Istanbulerin und bin seit fast 4 Jahren Tattoo-Künstlerin. Die Tattoo Szene verändert sich rasant und entwickelt sich immer mehr zu einer Kunstform (…). Die Szene wird immer größer und bringt immer mehr junge und sehr talentierte KünstlerInnen hervor. Einer der Gründe, warum ich mit dem tätowieren begann, war der Wunsch mich frei ausdrücken zu können (…). Tätowieren ist mehr als nur Tinte auf die Haut zu bringen, es ist ein großer Prozess. Es reicht nicht zu sagen, ja ich habe ein Design erstellt und es tätowiert, denn es geht um die Beziehung zwischen Künstler und Kunde, es geht um die Gefühle dieses Menschen, das Vertrauen und die Verbindung zwischen uns während des ganzen Prozesses. Dieser Mensch ist dir völlig ausgeliefert und vertraut dir, und all diese Energie in dein Design einfließen zu lassen, dass ist die Verantwortung.

In der Türkei, wo Tattoos ohnehin tabuisiert werden (…), wo die Tattoo Szene im Untergrund zuhause ist, eher wenig Beachtung findet und von Männern dominiert wird, (…) traf ich mit meiner Art von Kunst auf große Widerstände und wurde stark verurteilt.

Ich fühlte mich verloren und fand in Istanbul nicht den Raum, um mich künstlerisch frei ausdrücken zu können, ganz im Gegenteil, ich fühlte mich wie unter Zensur. Zu dieser Zeit begann ich nach Deutschland zu reisen und sah dort, wie offen Menschen eigentlich sein konnten. Diese Reisen änderten meine Sichtweise völlig, denn was in meiner Heimat nicht anerkannt wurde, dass die kulturellen Schwierigkeiten mich als Künstlerin noch kreativer werden liesen, wurde in Deutschland als meine Inspirationsquelle gesehen. In Deutschland wurde ich nicht wegen meinem Geschlecht, meiner Berufswahl oder meiner Orientierung kritisiert (…). Ich gewann wieder an Selbstbewusstsein, konnte mich frei entfalten, künstlerisch aufblühen und ich begann meine mich inspirierende Lehre der IKGAI Philosophie in meine Designs einfließen zu lassen und hob meine eigene Kunst dadurch auf ein höheres Niveau (…). Ich fand nicht zerstörerische, sondern konstruktive Kritiker*innen und Anerkennung in Berlin und begann mich zu fühlen(…), als würde ich dorthin gehören. Schon immer wurde ich als merkwürdig betrachtet, da ich mich von klein auf mit Kunst befasste und eine kritische Meinung vertrat. Hier wurde ich aber zum ersten Mal nicht verurteilt und sah, dass ich mich nicht zu verstecken brauchte und dies gab mir das Gefühl, dass ich Zuhause war. Ich komme aus einer Kultur, die mir immer wieder weis machen wollte, du bist eine Frau, du kannst diesen Beruf nicht wählen, du kannst dich nicht so anziehen, warum suchst du dir nicht eine richtige Arbeit und wirst Ärztin oder Anwältin. Ein Glück kam ich in diese Stadt und ein Glück, dass ich diese Kultur kennenlernen und ein Teil davon sein konnte – ich habe mich hier gefunden. 

Ich bin glücklich ein Teil der Tattoo Szene zu sein (…) und dank Social Media über meine Heimat hinaus arbeiten zu können. Ich hoffe auf viele weitere Geschichten die ich in meine Darstellungen einfließen lassen kann.

Mehr von und über Ilaydas Arbeit findet ihr hier.

Übersetzung und Redaktion: Ezgi Beyazgül, Banu Pınar

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