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Zugehörigkeit, Sehnsucht und Heimat im Wirbel der Emotionen

Eine Buchbesprechung zu Fatma Sagirs "Alphabet der Sehnsucht"

Was ist dein Traum und was ist der Traum deines Vaters? Warum unterscheiden sie sich so sehr voneinander? Was fühlst du, wenn du an Siemens und VW Werke denkst? Schlägt dein Herz schneller, wenn du an sechs Wochen Sommerferien in der Türkei denkst? Welche Gefühle lösen Solingen und Hanau in dir aus? Und was fühlst du, wenn du in einem Raum bist, wo niemand außer dir schwarze Haare hat?

Fatma Sagiır, Tochter türkischer Gastarbeiter der ersten Generation, stellt sich in ihrem Buch Alphabet der Sehnsucht den ungestellten Fragen unserer Gesellschaft und begibt sich auf die Suche nach Antworten. Sie nimmt den Leser und die Leserin mit auf eine Reise in ihr tiefstes Inneres und lädt ein, ihren ganz eigenen Konflikt bestehend aus der Zerrissenheit zwischen Heimat und Fremde, zu ergründen.

 „Stamm, Zugehörigkeit, Herkunft. Das sind für mich begriffe aus Staub und Licht.“

Mit großen Gefühlen und noch größerer Lyrik fängt Fatma Sagir die Lebenswelt der ersten und zweiten Generation türkischer Gastarbeiter*innen Deutschland ein. Feinfühlig nähert sie sich der Sehnsucht, die ihr Vater aushalten muss ; denn die Fremde für den Vater, wird zur Heimat der Tochter und der Traum des Vaters von einer Rückkehr (dönüş), wird zum Alptraum der Tochter.

„Warten, auf ein Leben, ungelebt, das nicht mehr gelebt werden kann.“

Dieser Spagat, dass hin – und hergerissene Herz der ersten und zweiten Generation in Worte zu fassen, gelingt ihr vollkommen, denn sie erkennt den Konflikt und die Gemeinsamkeiten beider, die Träume die unterschiedlicher nicht sein könnten, die Sehnsucht die sie teilen und die Ohnmacht gegenüber des blanken Rassismus in dem Land, in dem sie leben, der sie vereint.

Das Alphabet der Sehnsucht verbindet Fatma Sagiırs autobiografische Erzählung mit Gedichten und Gedanken – Worte, die nicht gelesen, sondern gefühlt werden sollen. Für eine Generation, die nie gehört werden sollte, bedeuten Worte die Welt. Fatma Sagirs Alphabet der Sehnsucht wird zur Stimme all jener.

Geehrt werden in diesem Buch hunderttausende Frauen und Männer, die sich vor 60 Jahren auf eine Reise aufmachten, deren Ende nie Eintrat und deren Weg nun ihre Erben weitergehen.

„Wir tragen viele Welten in uns. Niemand scheint mit diesem Reichtum umgehen zu können.“

Text: Banu Pınar

Foto: Fatma Sagir

Fatma Sagir: Alphabet der Sehnsucht – Texte zum Vergessen, Paperback, 172 Seiten, ISBN-13: 9783952555804, Verlag: SchreibStimme.Kunath &Tóth, Uster, 2021, Preis: 16.90 Euro

www.fatmasagir.com

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