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90 Minuten (post)migrantische Musikgeschichte

"Aşk, Mark ve Ölüm" als Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur

“Aşk, Mark ve Ölüm” (Love, Deutschmarks und Death) heißt der Dokumentarfilm, der dieses Jahr den Berlinale Panorama Publikumspreis erhalten hat und seitdem voller Erfolg durch das Land tourt. Am 29. September ist offizieller Kinostart. Serap Yilmaz-Dreger, Host unsere Podcasts “Erinnerungenschaften”, hat sich mit Regisseur Cem Kaya getroffen und über die Verknüpfung von (post)migrantischer Erinnerungskultur und Musik und seine filmische Auseinandersetzung mit dem Thema gesprochen.  Das Gespräch gibt es zum Hören, sowie eine Kurzfassung und das ausführliche Skript zum Nachlesen. 

Cem Kaya ist geboren 1976 in Schweinfurt und arbeitet als Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und Editor. Er studierte Kommunikationsdesign an der Merz Akademie in Stuttgart und produzierte dort für seinen Abschluss den experimentellen Found-Footage-Kurzfilm "Do not listen". 2010 veröffentlichte er mit "Arabesk" seinen ersten Dokumentarfilm in voller Länge, und auch bei dem investigativen Film 77sqm_9:26min über den NSU Mord an Halit Yozgat arbeitete er als Kameramann. Wir sprechen mit Cem am Jahrestag von der Ermordung von Enver Şimşek, am 09. September. 
Die ganze Folge zum Hören:

Cem, dein Dokumentarfilm “Aşk, Mark ve Ölüm” feierte auf der Berlinale 2022 seine Premiere und gewann dort auch den Panorama Publikumspreis. Wie ging es dir eigentlich am Tag der Premiere?

Da war viel Aufregung, aber auch viel Organisatorisches natürlich. Man muss ja dieses riesige Team und die Protagonisten und Protagonistinnen irgendwie organisieren, weil es eine große Gala gab. Und da sind Leute angereist von überall aus Deutschland.  Es war eine schöne Premiere, genauso wie die Screenings danach, die waren ja auch immer voll und der Film hat sich schnell rumgesprochen.

Wie wird man eigentlich als Kommunikationsdesigner irgendwann Regisseur und Drehbuchautor?

Ich kam von der Illustration also vom Zeichnen zum Grafikdesign, von dort zur Animation, von der Animation zum Film. Das sind ja alles immer Zufälle im Leben. Ich habe mich für ein Thema begeistert und brauchte einen Weg, dieses Thema erzählen zu können. Da war mir jedes Mittel recht. Wenn es dann eine Ausstellung gewesen wäre, wäre ich vielleicht Künstler geworden. Ich habe mich für dieses filmische Format irgendwann mal interessiert und bin dann halt Filmemacher geworden.

Wenn wir nochmal auf deinen neuen Dokumentarfilm zu sprechen kommen, kannst du in drei Sätzen sagen, worum es eigentlich geht? 

Es geht um migrantische Musik aus der Türkei in Deutschland. 60 Jahre. Also die Entwicklung der Musik der Einwanderer, seit den Anfängen bis in die zeitgenössische Popmusik hinein.

Warum eigentlich Musik? Wie hast du dieses Thema erschlossen? 

Also das ganze habe nicht ich erfunden: 2015/16 war dieses Thema, vor allem die Musik von Türkeistämmigen in Deutschland,  in aller Munde.

Ich hatte damals keine konkreten Pläne, einen weiteren Film zu machen. Aber ich habe damals schon in Deutschland zum Thema Arabesk-Musik gefilmt. Ich wollte wissen, wie sich arabeske Musik und die Szene in Deutschland entwickelt hat und musikalisch verändert hat. Und deswegen sind viele Protagonist*innen, die jetzt in “Aşk, Mark ve Ölüm” sind, Leute, die ich auch damals schon für “Arabesk” gefilmt hatte.  Arabeskmusik ist dabei natürlich auch eine migrantische Musik, weil das mit der Binnenmigration in der Türkei zu tun hat. Bedingt duch die Landflucht, die in den 50er Jahren begonnen hat, weil die Industrialisierung um die Großstädte der Türkei stattgefunden hat:  Die Menschen, dieses arme Proletariat, dass dann in die Großstädte gewandert ist und in den Gece Kondus gelebt hat, haben eine neue musikalische Ausdrucksform gebraucht. Und darüber ist Arabesk als popkulturelles Phänomen entstanden. Vielleicht war es daher sogar ganz gut, dass ich erst diesen Film gemacht habe, um die Dynamiken in der Türkei zu zeigen. 

Die Ausschnitte aus den Fernsehsendungen, die in Aşk, Mark ve Ölüm gezeigt werden, waren sehr neu für mich. Würdest du sagen, dass das Material einen “Never seen before”-Moment bei der Zielgruppe ausgelöst hat oder auslösen wird? Wie unangetastet waren diese Archive, die du dir da angeschaut hast?

Also unangetastet kann man nicht sagen, es wurde ja alles im deutschen Fernsehen veröffentlicht. Aber dadurch, dass wir in den 60er Jahren anfangen mit unserer Archivsuche und dann in den 2000ern aufhören, ist das einfach ein riesiges Archiv. Wenn man das irgendwie zusammenrafft in 90 Minuten und einen Film getaktet so hintereinander schneidet, gibt es ein ganz anderes Gefühl. Dann hat man das Gefühl, dass es eigentlich so viel gab. Aber wenn du das auf die 60 Jahre legst, ist das eigentlich sehr wenig. Und jetzt, wo wir das mit den neuen Technologien, mit der Reichweite, die wir haben, noch mal zeigen, hat es natürlich den Effekt, dass die Leute das zum allerersten Mal sehen und dass das auch viele Leute ganz arg ermächtigt, weil sie auf einmal so eine eigene Geschichte bekommen. So ging es uns auch während der Recherche. Das war für uns persönlich auch total bewegend, dieses ganze Archivmaterial über das Alltagsleben der Migranten und Migrantinnen, also unser Leben. Dieser ganz normale Alltag, das ganz Selbstverständliche irgendwie. Dass das auch dokumentiert wurde und nicht immer nur dieses Elend, die Ausbeutung und all die Sachen, die man immer assoziiert, wenn man Gastarbeiter, Ausländer, Migration etc. zum Thema gemacht hat.

© Marie Konrad

Wir sitzen ja auch jetzt gerade hier in deiner Wohnung umgeben von vielen Medien. Wie ist deiner Meinung nach die Dynamik zwischen diesem materiellem Erbe und per se der Erinnerungskultur? Würdest du sagen, es beginnt schon einfach mit dem Besitz einer Schallplatte Erinnerungskultur?

Ich weiß nicht, ob, wenn man eine Videokassette in der Hand hält, das eine Form von falsch verstandener Nostalgie ist und ob man wirklich Spaß dran hat, eine Videokassette in den Videorekorder zu stecken und den Film vom Video zu gucken. Ich selber hatte natürlich sehr viel Spaß daran, weil ich ja Dinge auf diesen Medien entdecke. Dinge, die ich normalerweise, wenn ich so einen Film auf YouTube angucken würde, nicht sehen würde.  Auf einer Videokassette, da sind ganz andere Trailer drauf, da ist lokale Werbung drauf, manchmal gibt es da Bugs, die allein unglaublich witzig und interessant sind. Das sind die Dinge, wonach ich suche und deswegen ist das für mich auch schön, diese Kassetten zu haben.

Beim Materiellen geht es ja auch um manifeste Orte, wie beispielsweise den Türkischen Basar damals in Berlin, in der heutigen U2-Station der Bülower Straße, der auch sehr sichtbar war. Gleichzeitig reden wir von Nicht-Sichtbarkeit in der deutschen Gesellschaft. Wir erklärst du dir diese Ambivalenz?

Für mich hat der Film auch eine emotionale Achterbahnfahrt visualisiert. Diese Achterbahn war wie ein roter Faden. War dir das wichtig, dass man diese emotionale Ebene mit drin hat?

Ja, klar. Du kannst keinen Film machen, den du nur mit Informationen vollstopfst. Oder ein Film, der nur traurig ist. Oder ein Film, der versucht, nur lustig zu sein. Funktioniert ja nicht. Man ist nicht immer lustig. Also manche Pointe nutze ich halt ab. D brauchst du eine Dramaturgie. Das entwickelt sich auch organisch und hängt auch von meinen Gefühlen ab: Was fühle ich, wenn ich das sehe? 

Wir hatten das Glück, dass wir einfach unglaublich gutes Material gefunden haben. Wir wussten nicht, ob wir das wirklich so organisch ineinander verweben können, um dieses Gesellschaftliche mit der Musik zu kombinieren. Wir erzählen im Grunde 60 Jahre migrantische Geschichte mit den Zäsuren wie zum Beispiel 19773, Ölkrise, Anwerbestopp, 1982 Kohl-Regierung und alles, was danach kam – die Pogrome in den Neunzigern, Wiedervereinigung usw. Das hat ja im migrantischen Leben immer ganz andere Prozesse ausgelöst. Erst im Schnitt, in der Produktion oder in der Mache des Filmes haben wir diese ganzen gesellschaftlichen und politischen Prozesse und dieses Ineinanderverweben begonnen und waren dann auch erstaunt, dass das sehr gut funktioniert hat. Aber es hat auch immer deswegen gut funktioniert, weil die Musik so politisch und so reflektiert war.

Wir wollten unbedingt einen Film erzählen, der unsere Geschichte hier mit erzählt, weil die auch nicht erzählt ist . Und das haben wir Gott sei Dank über Musik dann auch vermitteln können, weil die Musik trägt.

Hätte dein Film eigentlich auch “Hüzün, Discofolk und Rassismus” heißen können? Wie bist du auf auf Aşk, Mark ve Ölüm gekommen?

Aşk, Mark ve Ölüm ist ein Lied von Ideal. Das haben die in phonetischem Türkisch auf ihrer letzten Platte vertont, auf der Bi Nuu, 1984 . Und sie haben Aras Ören, den großen deutschen Schriftsteller, der auf Türkisch schreibt und in Berlin lebt, dgefragt, ob er ihnen die Lyrics schreiben würde. Da sollte es um Liebe, um Geld und um den Tod gehen. Aras Ören hat dann dieses Gedicht geschrieben, im Auftrag für Annette Humpe und die Band, die das vertont haben. In diesem Gedicht geht es um die Liebe zur D-Mark und er erzählt das, was vielleicht bei den Gastarbeitern vor allem in der ersten Generation im Kopf vorging: Ich gehe dahin, ich arbeite, komme zurück. Und er sagt: Nein, du gehst dahin, arbeitest dich tot und kommst gar nicht zurück. Deswegen Liebe, D-Mark und Tod. Und wir haben das dann auf den Film adaptiert und haben eine Dreiteilung im Film gemacht und das hat unglaublich gut funktioniert. 

Hast du dich durch die Doku verändert? Spürst du schon, dass es was mit dir gemacht hat?

Das habe ich schon im Prozess gespürt, natürlich verändert man sich dadurch. Also erstmal haben wir gemerkt, dass wir eine Geschichte haben, die viel, viel bunter und vielschichtiger ist, als wir es selbst gedacht hätten hier in Deutschland. Und dann auch, dass wir sehr heterogen sind. Das ist auch eine Sache, die ich unglaublich wichtig finde, dass man nicht eine migrantische Masse und diese eine türkische Kultur hat, sondern es gibt zum Beispiel auch die politische, kurdische Musik, die wir im Film nur andeuten. Es gibt so viel und so viel Unterschiedliches. Also auf die Frage hat es was mit dir gemacht? Natürlich hat das was mit dir gemacht. Ich habe so viel gelernt in diesem Prozess und nicht nur durch Archivfilme. Wir haben natürlich auch unglaublich viel Literatur, Akademie und Schießmichtot alles gelesen, Gespräche mit Zeitzeugen…Das waren fünf Jahre, das ist wie ein Studium.

Cems Literaturtipp: Manuela Bojadzijev - Die windige Internationale


Interview: Serap Yilmaz-Dreger

Fotos: Marie Konrad

Redaktion: Marlene Resch


Den Spielplan für Aşk, Mark ve Ölüm findet ihr hier.

Ihr selbst setzt euch mit dem Thema Erinnerungskultur auseinander und habt Lust mit uns darüber ins Gespräch zu kommen? Schreibt uns gern marie.konrad@maviblau.com.

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