Eine Frau um die Fünfzig lacht laut auf, als das schmutzig grüne Wasser gegen die Wand klatscht. Sie hat die Ärmel ihres karierten Mantels hochgekrempelt, eine Sonnenbrille hält die blonden Haare zurück. Glücklich schaut sie in die Gesichter um sie herum, greift zum nächsten Becher mit Schmutzwasser und spritzt es gegen die nächste freie Stelle an der Wand. Auch dieses Mal zieht das Wasser Schlieren auf seinem Weg Richtung Boden. Noch feuchte Malereien der vorherigen Besucher*innen werden verwischt. Signaturen verlaufen, verschwinden aber nicht. Das Wasser, ursprünglich zum Reinigen der Pinsel gedacht, wird an der Wand zur Kunst. Die graugrünen Flecken sind dem daneben gemalten Fahrrad, den auf Türkisch geschriebenen Wörtern für Liebe und Himmel, der Sonne, der Lokomotive und einem großen Wal ebenbürtig.

„Özlem“, der erste Part einer dreiteiligen Ausstellung von Erdoğan Altındiş, trägt den Untertitel „İçimdeki çocuk – Das Kind in mir“. Doch das Kind im Künstler wird schon draußen auf der Straße erlebbar, lange bevor man in die Ausstellung in der Suriye Pasajı im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu eintaucht. In kräftigen bunten Farben hängen Drachen über dem hohen Eingangsportal der Passage. „Drachen“, sagt Erdoğan Altındiş, „sind etwas Schönes, klar. Als Bild, als Foto sind sie schön. Aber diese Drachen sind im Prinzip nur Mittel zum Zweck.” Er möchte versuchen, das Kindliche im Menschen zu wecken. Damit die Besucher*innen die Vorurteile gegenüber anderen, die sie als Kinder nicht hatten, vergessen können. Einmal in die Ausstellung eingetaucht, passiert das sehr leicht. Jede*r, die*der kommt, findet sich in der Ausstellung wieder. Die Besucher*innen haben gemeinsam Spaß. Oder, wie die Frau im karierten Mantel beweist, einfach mit sich selbst.  

„Was verbindet die Menschen in der Türkei wirklich? Die Kindheit.“

Der Ausgangspunkt für „Özlem“ sei durch dieses Spielen entstanden, sagt Erdoğan. So ist jeder Raum der Ausstellung einem anderen Thema gewidmet. Zunächst geht es zum Beispiel in “Chaos in Istanbul”, “Grenzland” und “München” um die Kindheit des Künstlers. Gezeigt werden Spielzeuge aus der Zeit in Kayseri, eine Installation des Gartens der französischen Schule in Istanbul, ein Stockbett in München. In den anderen Räumen nähern sich die Besucher*innen auch der Entwicklung, die das Kind Erdoğan Altındiş durchlebte. Neben den Installationen stehen Gemälde, wie jenes von den auf einem Trümmerhaufen posierenden Fußballfreunden. Verbunden werden die Räume auf dem Boden durch einen Stadtplan der Metropole am Bosporus, das Goldene Horn ist aus Tausenden glitzernden Murmeln geschaffen: Ein Symbol zur Verbindung zwischen dem heutigen Leben des Künstlers und seiner Kindheit.

Es gibt auch audiovisuelle Inhalte. Darunter ein Film, der auf der gegenüberliegenden Seite des Atriums auf eine Leinwand projiziert wird. Kleine Objekte, die jeweils eine eigene Geschichte erzählen, mischen sich unter das große Ganze. Erdoğan beobachtet, wie die Besucher*innen sein Angebot annehmen, und am Beispiel seiner Kindheit, in ihre eigene eintauchen: „Viele Leute musst du nur kurz anschubsen, dann entsteht sofort eine Kommunikation untereinander. Die Leute tauschen sich aus, sie sprechen über ihre Kindheit, woher sie kommen, was sie erlebt haben.“

Viele laufen zunächst ganz andächtig und langsam durch die Ausstellung. Manche verbringen mehr als zwei Stunden vor Ort. „Heute war wieder eine Frau da, die war so angetan von dieser Ausstellung, dass sie Tränen in den Augen hatte.“ Der Architekt und Künstler Erdoğan Altındiş möchte mehr als nur von seiner eigenen Kindheit erzählen. Er möchte den Besucher*innen die Begegnung mit der eigenen Kindheit ermöglichen, sie mit in die Ausstellungen integrieren.

Erdoğans Frau Gabriele Kern-Altındiş hatte für das Team des gemeinsamen Unternehmens Manzara einen der Ausstellungsräume kurz nach der Eröffnung weiß gestrichen, damit dieser gemeinsam von den Teammitgliedern bemalt werden könne. Doch ein junges Paar, welches einen anstrengenden Tag hinter sich hatte, besuchte kurz vor dem Team die Ausstellung. Als Erdoğan etwas später dazu kam, fand er eine junge Frau von Farbe überströmt und strahlend glücklich vor ihm stehend. Die vorbereitete „Leinwand“ hatte sie zur Hälfte gefüllt und sagte, wie gut es ihr jetzt ginge. Wie glücklich sie darüber sei, all ihren Frust auf diese Weise rausgelassen zu haben. „Von diesem Punkt an ist die Leinwand in kürzester Zeit voll gewesen. Jeder, der gekommen ist, hat gemalt. Das hat mir gezeigt, dass da etwas ist bei den Leuten, das sie animiert, hier in dieser Atmosphäre etwas zu tun, etwas zu machen. Etwas, das von Herzen kommt, von innen.“ Darin zeigt sich der größte Erfolg für Erdoğan: Die Hindernisse werden überwunden, denn die Besucher*innen gehen zwar rücksichtsvoll und sehr bedacht durch die Ausstellung, aber dennoch nicht distanziert. Sie können und wollen selbst ein Teil der Ausstellung werden.

Auch die Drachen animieren die Betrachter*innen zur Interaktion. Die farbig leuchtenden Kindheitserinnerungen, die kreuz und quer in der Passage hängen, sind jeweils mit einer Schnur und einer speziellen Federung versehen. Wer daran zieht, fühlt sich unweigerlich in die eigene Kindheit zurückversetzt. „Dieses Gefühl des Drachensteigens haben wahrscheinlich 95 Prozent aller Leute“, vermutet Erdoğan. „Wenn man an diesem Drachen zieht, ändert sich die gesamte innere Stimmung. Ich glaube, wenn man als Kind einen Drachen steigen lassen hat, dann hat sich dass ins Unterbewusstsein eingebrannt. Genau wie bestimmte Gerüche, die immer mit schönen Momenten verbunden sind.“ Das seien die Momente, sagt der Künstler, in denen man die Freiheit in sich gespürt habe. Özgürlük!

Von der Sehnsucht zur Leidenschaft

Wenn man mit Sehnsucht nach etwas lebt, hat man den Wunsch, diesem Traum auch nachzugehen, sich seinen Wunsch zu erfüllen. Erdoğans Sehnsucht war es, seine beiden Kulturen miteinander zu vereinen, sie miteinander leben zu können. Er wollte einen passenden Ort dafür finden. Das gelang ihm mit dem Kauf einer Wohnung in Galata, als er vor 25 Jahren an den Bosporus kam. Hier, mit dem Umzug nach Istanbul, endet „Özlem“, die Sehnsucht, in Erdoğan Altındiş’ Biografie. Hier endet auch die Ausstellung.

Zeit also, das nächste Kapitel aufzuschlagen. „Tutku“, die Leidenschaft. Damit ist das Thema der zweiten Ausstellung gesetzt. Worum es darin gehen wird, erklärt Erdoğan so: „Wenn man seinem Traum nachgeht und glücklich ist, indem man realisiert, was man sich gewünscht hat, kann es durchaus passieren, dass es Überraschungen im Leben gibt.“ Diese Wendung in Erdoğans Leben kam in Form von Gästen aus Deutschland, die immer öfter zu ihm nach Istanbul reisten. Sie liebten die Stadt und die Architektur seiner Wohnung, blieben zur Untermiete und wurden zu Freunden. Eine zweite, eine dritte Wohnung kamen hinzu. Daher wird sich der zweite Teil der Trilogie den Gästen widmen, die Erdoğans Leben in Istanbul bereichern. Die Idee für die Ausstellung, die Anfang kommenden Jahres zu sehen sein wird, ist, zu zeigen, was aus Leidenschaft entstehen kann. Einen genauen Plan zur Umsetzung gibt es noch nicht. Macht aber nichts, denn „durch das Spielen komme ich näher zu einem konkreten Ergebnis“ 


, verrät Erdoğan Altındiş, „so habe ich es als Kind gemacht, so habe ich es als Jugendlicher gemacht und so habe ich als erwachsener Architekt Häuser gebaut.“ 





Die Ausstellung Özlem ist noch bis zum 19. April 2019 zu sehen. Weitere Informationen gibt es hier.

Text: Navid Linnemann
Bilder: Dilek und Navid Linnemann