Wer Türkisch lernen will, darf sich auf ein sehr logisches Sprachsystem einlassen. In der Schule lernte ich, dass Latein die logischste Sprache der Welt sei. Mittlerweile weiß ich, dass das fürs Türkische gilt!
Anders als indoeuropäische Sprachen kennt Türkisch keine dem Bezugswort vorangestellten Präpositionen wie „nach“, „außer“ etc. Das soll nicht heißen, dass es diese Wörter im Türkischen nicht gibt. Es gibt sie wohl, sie befinden sich nur hinter dem Bezugswort, also „spordan sonra“ (Nach dem Sport) oder „taksiden başka“ (Außer dem Taxi). Außerdem ist Vokalharmonie super wichtig! Jedes Wort ist der Vokalharmonie verpflichtet, es sei denn, es entstammt einer anderen Sprache, da wird dann schon mal ein Auge zugedrückt. Dieser Harmonie-Drang erklärt übrigens auch, wieso viele Nicht-Türken glauben, das Türkische bestehe nur aus Umlauten, mehrheitlich dem „ü“. Diese Vorstellung geht bei manchen Deutschen so weit, dass sie nur „ü“`s hören, wenn sie Türkisch hören. Meine deutschen Mitschüler*innen verpassten mir vielleicht deswegen den Spitznamen „ülü mülü gülü“.

Aber auch die vielen „ü“`s sind durchaus logisch, denn jede Endung wird mit dem letzten Vokal des Stammes abgestimmt: Aus der Grundform „sürünmek“ (kriechen) wird in der 1. Person Singular dann „sürünüyorum“ (Ich krieche), sage und schreibe 3 „ü“`s in einem Wort. Bei Gülüksrad würden nun viele Gitterfelder aufleuchten. Genau, Gülüksrad! Und Şinitzel! Und was essen Türken morgens? Richtig, Fürühşdük! Denn dass am Anfang eines Wortes zwei Konsonanten aufeinanderfolgen, ohne dass ein Vokal für die notwendige Harmonie sorgt: „olmaz“ (Geht nicht)!

Wenig grammatische Ausnahmen, dafür viele kreative Flüche

Der Türkisch-Lernende sei beruhigt! Anders als viele indoeuropäische Sprachen (Italienisch, Griechisch, Französisch, Kurdisch und Co.) gibt es bei der Konjugation türkischer Verben wenige Ausnahmen, eigentlich nur zwei, nämlich „yemek“ (essen) & „demek“ (sagen).
Seit der Einwanderung der sogenannten Gastarbeiter haben viele Deutsche Türkisch gelernt. Viele türkische Wörter und Übersetzungen schafften den Einzug in den deutschen Wortschatz. Zum Beispiel das türkische Wort für Schicksal: „kısmet“.

Das Türkische ist reich an Kraftausdrücken, Flüchen und besonders familienbeleidigenden Schimpfwörtern, und damit weit über die Grenzen der Türkei bekannt. Als 2008 die armenische Bevölkerung gegen den korrupten Präsidenten Serj Sarkisyan protestierte, wurde der zivile Ungehorsam von Tausenden Menschen auf den Straßen Armeniens von „hasssittir Sarkisyan“ (Verpiss dich, Sarkisyan!)–Rufen begleitet. Und genau diese Vielfalt an kreativen Kraftausdrücken lädt Türkisch lernende dazu ein, das türkische „ı“ richtig auszusprechen, denn sonst endet er wie mein deutschstämmiger Dozent in der Türkei, der den ganzen Kurs zum Lachen brachte, wenn er statt „sıkılıyorum“ („Ich langweile mich“) „sikiliyorum“ („Ich werde gefickt“) sagte.

Deutsche, die Türkisch lernen

Seitdem sich Istanbul immer mehr als coole europäische Hipster-Metropole etablierte, nahm die Anzahl an Türkisch-Lernenden kontinuierlich zu. Während meines einjährigen Studiums in der Türkei (2007/2008) boomte der Hype um Istanbul. Davon konnte ich als Türkisch-Lehrerin nur profitieren. Pro Woche bekam ich damals bis zu 10 Anfragen. Oft waren es deutsche oder russische Frauen zwischen 30 und 50, die türkische Männer geheiratet hatten und nun Türkisch lernen wollten, um sich mit ihren Schwiegermüttern unterhalten zu können. Oder junge Erwachsene aus deutsch-türkischen Familien, die in ihrer Kindheit kein Türkisch gelernt haben, und nun im Erwachsenenalter ihre türkischen Wurzeln entdeckten und die Sprache ihrer Vorfahren beherrschen wollten. Mehrheitlich waren es Frauen, Anfragen von Männern bekam und bekomme ich immer noch selten. Es gab allerdings auch andere Personengruppen, mit zum Teil spannenden Motivationsgründen, die sich an das Türkische heranwagten. Zum Beispiel die 50-jährige Sozialarbeiterin, die mit schwierigen türkischen Jugendlichen zu tun hatte und sich deren Respekt erkämpfen wollte.

Die Jungs aus dem Jugendtreff, den sie betreute, beendeten jeden Satz mit „Vallah, isch schwöha!“. Wann immer ich sie zum türkischen Small-Talk animierte und „İyi misin?“ (Geht es Dir gut?) sagte, war die Antwort: „Vallah, isch schwöha, iyiyim!“ (Ich schwöre, mir geht es gut!).

Şimdi – Jetzt

Aktuell habe ich nur noch wenige Türkischschüler*innen. Seit den Anschlägen auf türkische Urlaubsorte und den besorgniserregenden politischen Entwicklungen hat die Anzahl an Türkisch-Lernenden massiv abgenommen. Bekam ich früher noch 10 Anfragen in der Woche, sind es mittlerweile maximal 10 im Jahr. Die Beweggründe für das Erlernen der türkischen Sprache sind unterschiedlich. Alle eint aber die Begeisterung für die türkische Kultur und Sprache. Daher möchte ich Euch vier von ihnen gerne vorstellen:

Den Anfang macht Patricia Vöge, 37, aus Hannover. Sie besitzt ein Kleinunternehmen und will Einzelpersonen und Unternehmen auf dem Weg zu einem bewussteren und gesünderen Umgang mit sich und anderen helfen. Nach einem Türkei-Besuch vor vier Jahren wollte sie unbedingt Türkisch lernen, weil sie den Klang der türkischen Sprache so liebt und kontaktierte mich. Bei einem Glas Çay trafen wir uns und ich fragte sie nach ihren Eindrücken von der Türkei und der türkischen Sprache:

Wann und wieso hast du angefangen Türkisch zu lernen?
Angefangen habe ich vor vier Jahren. Kam bei einem Türkeibesuch mit der Sprache in Berührung. Ich lernte klassische türkische Musik kennen und wollte die Liedertexte und dazugehörige Literatur verstehen und mich bei meinen Türkeibesuchen mit den Menschen vor Ort verständigen. Dazu kommt, dass ich den Klang der türkischen Sprache LIEBE! Es hat etwas sehr Harmonisches und Wohlklingendes. (Lacht) Das muss wohl an der Vokalharmonie liegen.

Welche Assoziationen fallen dir ein, wenn jemand von der türkischen Sprache spricht?
Schöne Musik, Lieder und die Gedichte von Yunus Emre, die ich sehr mag. Auch Wohlklang. Wie gesagt, ich liebe den Klang der Sprache!

Welche Erfahrungen hast du mit dem Türkisch-Lernen?
Dass es eine sehr logische Sprache ist. Aber auch sehr komplex. Da es so strukturiert ist (anders als Französisch z.B.), kann man die Regeln prima lernen und anwenden. Das Umsetzen, also Sprechen, und Verstehen finde ich jedoch herausfordernd, wenn man es nicht auch mal bei einem längeren Türkeiaufenthalt umsetzen kann.

Warst du in der Türkei, und wenn ja, welche Eindrücke hattest du?
Ich war in der Türkei und hatte ganz gemischte Eindrücke. Mir gegenüber waren Menschen immer sehr offen. Teilweise habe ich aber auch noch sehr festgefahrene, patriarchalische Strukturen, die es ja auch hier gibt, gesehen. Vom Alltagsleben her hatte ich den Eindruck, dass der Alltag und das Leben in der Türkei grundsätzlich mehr „genossen“ wird. Es ist irgendwie eine ganz andere Welt, wenn man es mit deutschen Städten vergleicht. In den Großstädten der Türkei, die ich besucht hatte, wie Izmir, Ankara und Istanbul, vermischt sich Alt mit Neu, Tradition mit Moderne (mal so ganz pauschal gesagt). Das finde ich toll.

Was bringt Türkisch lernen?
Trainiert das Hirn, da man sich bei Türkisch mit einer neuen Denkweise anfreunden muss. Z.B. ein Wort kann alle Informationen enthalten, das Verb steht am Ende etc. Türkisch ermöglicht einem, mit vielen Menschen zu sprechen!

Die 27-jährige Technikerin Jessica Kuhn ist eine meiner weiteren Türkisch-Schülerinnen. Die Wahl-Rheinhessin aus dem Ruhrpott traf ich für Euch in den idyllischen rhoihessischen Weinbergen:

Wann hast Du angefangen, Türkisch zu lernen?
Mit 15 fing ich damit an. Danach habe ich sehr lange pausiert und vor einem Jahr habe ich wieder angefangen.

Wie kamst Du auf die Idee?
(Lacht) Mit 15 war meine erste große Liebe ein Türke: Onur. Der war voll süß! Er spielte Saz und arbeitete als Englisch-Lehrer. Ich war voll verschossen.
Als ich dann anfing, Fremdsprachenkorrespondentin zu studieren, sollte ich mich auf zwei Fremdsprachen festlegen. Ich entschied mich für Türkisch und Griechisch.

Türkisch und Griechisch? Eine spannende Mischung! Was sind die Unterschiede?
Die Grammatik ist im Griechischen viel schwieriger und komplexer. Die türkische Grammatik ist viel einfacher. Du kannst viele Sachen in einem Wort ausdrücken. Aber so einfach ist es trotzdem nicht. (Lacht) Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Aussprache falsch ist.

Was sind Deine bisherigen Türkei-Erfahrungen?
Als ich 15 war, war ich für zweieinhalb Wochen in der Türkei und lebte bei einer türkischen Familie. Das waren die schönsten Wochen meines Lebens. Alles war cool. Die Leute waren super cool und freundlich. Alle waren sehr offen und es war ein neues und aufregendes Land für mich. Da habe ich auch Onur kennengelernt. Ich war damals in Pamukkale. Mit den Töchtern meiner Gastfamilie bin ich heute noch befreundet, wir verstehen uns immer noch super. Damals gab es ja noch Messenger, darüber hielten wir Kontakt. Wir hatten ein englisch-türkisches Wörterbuch und dann noch mal ein englisch-deutsches für uns. Das war sehr lustig und natürlich konnten wir uns zusätzlich zu den zwei Wörterbüchern mit Händen und Füßen verständigen.

Helena Lechthaler (22) studiert Kulturpädagogik. Seit sie vor vier Jahren mit ihrem Freund Mehmet zusammengekommen ist, stieg ihr Interesse an der Türkei so weit, dass sie nun auch seit einem Jahr Türkisch lernt.

Welche Assoziationen fallen dir ein, wenn jemand von „Türkisch” spricht?
Früher, als ich noch keinen tatsächlichen Kontakt mit der Türkei hatte, wären meine ersten Assoziationen wahrscheinlich so die gängigen Vorurteile gewesen, auch wenn ich das nicht zugegeben hätte. Man bemerkt meistens nicht bewusst, dass man Vorurteile hat. Aber heute, nachdem ich seit vier Jahren regelmäßig die Türkei besuche, kann ich meine Assoziationen gar nicht auf einen Aspekt reduzieren, das „Türkische“ hat sehr viele Seiten.

Wann und wieso hast du angefangen Türkisch zu lernen?
So richtig angefangen hab ich vor einem Jahr. In der Oberstufe habe ich meine (türkische) beste Freundin kennengelernt, durch sie ist mir erst bewusst geworden, dass ich eigentlich keine Ahnung von der Türkei als Land habe. Im letzten Jahr der Oberstufe kam ein Austauschschüler aus der Türkei in unsere Klasse, er konnte mir die türkische Kultur aus einer anderen Perspektive und mit sehr viel Hintergrundwissen näherbringen. Nachdem wir zusammen gekommen sind, habe ich die Türkei regelmäßig besucht und langsam angefangen die Sprache zu lernen. Ich freue mich immer sehr über die Gastfreundschaft der Menschen und möchte diese Freundlichkeit durch die Sprache erwidern.

Welche Erfahrungen hast du mit Türkisch lernen?
Ich mag die türkische Sprache wirklich gern. Sie ist eine sehr logische Sprache, die gut aufeinander aufbaut. Bevor ich mir verschiedene Bücher zum Lernen gekauft habe, konnte ich schon allein durch die Endungen die gelernten Verben konjugieren, da alles sehr logisch nachvollziehbar war.

Was bringt Türkisch lernen?
Vor allem Freude, aber auch Möglichkeiten. Freude vor allem dadurch, dass man im türkischen Supermarkt immer angelächelt wird, auch wenn man nur seine drei Wörter vorsagt. Und eben durch die vielen türkischsprachigen Menschen, die in Deutschland leben, auch Möglichkeiten. Ich möchte in meiner Zukunft gerne interkulturelle Arbeit leisten, weshalb ich auch für meine berufliche Zukunft Türkisch lerne.

Hast Du Dich auch mit der türkischen Literatur beschäftigt?
Ich lese selten und da mein Türkisch noch nicht so gut ist, hauptsächlich deutsche Übersetzungen. Aber mir wurde vor langer Zeit Sabahattin Alis „Die Madonna im Pelzmantel“ gegeben und ich hab das Buch seitdem mehrmals gelesen.

Welches türkische Sprichwort gefällt Dir am besten?
Mit Sprichwörtern kenne ich mich nicht so gut aus, aber das Wort „sümüklü böcek“ („rotziges Insekt“) habe ich wirklich ins Herz geschlossen.

Franz Engelhardt ist 29 Jahre alt, stammt aus Erfurt und sein Medizin-Studium verschlug ihn nach Mainz an den schönen Rhein. Wie viele ist er der süßen Stadt sehr verbunden. Auch er lernt gerne Türkischwährend er mir seinen Klinik-Alltag auf Türkisch erzählt. Am Rhein, bei einer Flasche Mate, erzählt er mir von seinen Erfahrungen mit der türkischen Sprache:

Wieso hast Du Dich dafür entschieden, Türkisch zu lernen?
Oft lernen wir Sprachen, die wir in Deutschland nicht wirklich anwenden können. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, dass Türkisch mich hier voll weiterbringt. Wir haben Millionen von Türkisch-Sprechern, mit denen man sich dadurch unterhalten kann. Ich finde, dass Kinder in Deutschland in Schulen auch Türkisch lernen sollten. Ich finde es schade, dass es daran so wenig Interesse gibt.

Wann hast Du damit angefangen?
2015. Ich hatte vom legendären Türkisch-Dozenten Bahadır gehört. Er unterrichtete an der Mainzer Uni Türkisch. Seine Kurse waren bekannt dafür, dass sie sehr viel bringen und dass er ein sehr guter Dozent ist. Ich bin immer noch sehr von ihm begeistert. In der Türkei habe ich auch einen Kurs besucht. Die Gruppe war kunterbunt: Ein katholischer Pfarrer, britische Lehrer und Erasmus-Studis aus aller Welt lernten gemeinsam mit mir Türkisch. Eine tolle Erfahrung!

Du warst längere Zeit in der Türkei. Was hast Du dort gemacht?
An der Cerrahpaşa-Fakultät in Istanbul habe ich vier Monate ein Praktikum in der Chirurgie absolviert. Meine Erfahrungen aus dieser Zeit sind krass. Zum ersten Mal lernte ich eine Jugendkultur kennen, die so für Rechte, die für uns selbstverständlich sind, kämpfen muss, damit diese nicht weiter eingeschränkt werden. Und dabei eine tolle Kreativität entwickeln, die mir in unserer Jugendkultur oft fehlt. Zum ersten Mal sah ich dort eine junge Medizinerin, die in einer Ecke der Notaufnahme ein Buch von Tolstoi las. Ich habe viele junge Türken kennengelernt, die unglaublich gebildet sind und eine große Leidenschaft für Literatur haben. Das hat mich sehr beeindruckt.
Als ich in Istanbul war, gab es drei große Bombenanschläge. Auch etwas, was ich vorher noch nie erlebt hatte: Angst um sein Leben haben zu müssen. Als Mitteleuropäer kann ich weggehen, aber die Menschen dort müssen lernen, damit zu leben und das auszuhalten.

Hast Du Dich auch mit der türkischen Literatur beschäftigt?
Ja. Momentan lese ich ein Buch von Oğuz Atay. Mich begeistert das Motiv des Müßiggängers. Oft ist er ein junger Mann, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt.

Welches türkische Sprichwort gefällt Dir am besten?
„Kötüye hiç bir şey olmaz! “ („Dem Bösen passiert nichts.“ bzw. „Schlechten Menschen geht’s immer gut.“).

 

Text: Ilgın Seren Evișen
Illustrationen: Seda Demiriz
Redaktion: Aydanur Şentürk