Letzte Woche stellte Chefket das Video zu seiner neuen Single „Gel Keyfim Gel“ ins Netz, welches die Herzen aller Freunde des deutsch-türkischen Kulturaustauschs direkt höher schlagen lässt. Denn der Rapper vermischt in dem Song mit Marsimoto die beiden Sprachen, am Ende rappt Marsi auf Türkisch. Dass es gerade der Künstler ohne türkische Wurzeln ist, der die türkischen Zeilen rappt, ist noch eine Seltenheit. Gleichzeitig aber auch ein guter Anlass für MAVİBLAU, einmal auf die Suche zu gehen, wann bereits andere deutsche Musiker*innen die türkische Sprache nutzten.

Im Song dient „Gel Keyfim Gel“ als Titel und als Hook. Chefket selbst übersetzt den sehr beliebten türkischen Ausdruck mit „Bei dir läuft“ und so ist auch sein ganzer Song an all jene gerichtet, die es sich mit einem Glas Çay gemütlich machen wollen. Die Strophen des Songs werden von Chefket und Marsimoto auf Deutsch gerappt, doch im Outro kommt es noch einmal zum Wechsel der Sprache. Hier rappt Marsimoto auf Türkisch und übernimmt dabei Zeilen von Barış Manços Song „Dere Boyu Kavaklar“ (1975):

„Hadi gülum yandan yandan yandan
Biz korkmayız ondan bundan.“

(Komm schon, meine Rose, von der Seite, von der Seite, von der Seite
Wir haben keine Angst vor jenem oder diesem.)

Für all diejenigen, die sich mit türkischen Tänzen noch nicht so gut auskennen, sei an dieser Stelle erwähnt, dass hier mit „von der Seite“ der Tanz gemeint ist, der häufig aus der Hüfte heraus und in seitlichen Bewegungen getanzt wird. Diese Hommage an Barış Manço passt perfekt zum übrigen Songtext, in dem es schließlich um das lockere Lebensgefühl und das Sich-nicht-stressen-Lassen geht. Chefket und Marsimoto sind aber nicht die ersten, die Deutsch und Türkisch mischen.

Deutschrap verbindet

Für Alpa Gun steuerte Sido im Song „Sor bir bana“ (Frag mich mal) eine ganze Strophe auf Türkisch bei. Alpa Gun selbst nutzt Türkisch nur für den Refrain, seine Strophe rappt er auf Deutsch. In der Deutschrap-Szene sind generell viele türkische Einflüsse zu erkennen. Eko Fresh und Haftbefehl, die oft türkische Wörter in ihre Texte mit einbauen, sind da weitere bekannte Beispiele.

„Evet hier ist Sido dinle ve kes lan
Her bir satirim dillere destan
Kendimi bildim bileli hep Hip Hop dedim
Sende mi Rap’ci oldun? Iyi bok yedin!
Burasi cok serin nede olsa almanya
Hele bir yaz oldumu verilir antalya
Biraz deniz havasi, istanbulun kizlari
Bize yemek bölümü yanina birde Raki
Biktim bu caddelerden ve cok üzdüm anami
Ama simdi Star oldum bak birak attim havami
Ha almanya ha türkce nede olsa damardan
Iste burda maskeli adam Sido ve Alpa Gun

(Ja, hier ist Sido, hör mir zu und sei still
Jeder meiner Sätze ist eine Legende
Solange ich mich kenne, habe ich immer scheiße gebaut
Bist du auch Rapper geworden? Hast du echt gut gemacht!
Hier ist es sehr kühl, ist ja auch Deutschland
Und wenn es Sommer ist, kommt Antalya
Ein bisschen Meerklima, die Mädchen von Istanbul
Für uns auch noch Rakı zum Essen dazu
Ich habe es satt von diesen Straßen und meine Mutter war öfters wegen mir traurig
Und jetzt bin ich Star geworden, lass mich doch angeben
Egal ob Deutschland oder Türkisch, hauptsache durch die Adern
Und hier sind der Mann mit der Maske, Sido und Alpa Gun)

Ein Hamburger am Bosporus

Der beständige Wunsch nach neuen künstlerischen Wegen und ein Hochzeitsgag führten Mario Rispo eines Tages dazu, sich eine Karriere als Sänger türkischer Kunstmusik (Türk Sanat Müziği) aufzubauen. Auf seinen Konzerten in der Türkei und Deutschland fasziniert er seine Zuhörer mit klassischen Texten und Instrumenten. Darunter Tanbur (Langhalslaute), Kanun (Zither) und Ney (Rohrflöte). Fragt man  türkische Zuhörer, so können diese es zunächst nicht glauben, dass ein Deutscher so sicher türkische Lieder singen kann.

Mystische Turksprachen

Das letzte Beispiel in unserer Liste ist gar nicht auf Türkisch. Doch die Pagan-Folk-Band „Faun“ aus der Nähe von München nutzt für ihre Balladen und mittelalterlich klingenden Tanzlieder Sprachen und traditionelles Liedgut aus den unterschiedlichsten Regionen. Für „Oyneng yar“ wurde Uigurisch verwendet, das zu den Turksprachen gehört und in der Türkei als „uigurisches Türkisch“ (Uygur Türkçesi) bezeichnet wird. Wenn es auch nicht dieselbe Sprache ist, so kann man den Text von Faun doch durchaus verstehen.

„Bu bahçede kimler bar
oyneng yar, oyneng yar
Ben menim sevgen yarimsen,
oyneng yar, oyneng yar“

(Wer ist in diesem Garten
Tanz Geliebte*r, Tanz Geliebte*r
Du bist meine geliebte Hälfte

Tanz Geliebte*r, tanz Geliebte*r)

Ob Rap oder Pagan-Folk: Deutsche Künstler*innen, die auf Türkisch singen, bereichern die Musikvielfalt und tragen außerdem noch zur kulturellen Verständigung bei. Wir sind gespannt, wer diese noch schmale Tradition fortsetzt. Und wer weiß: Vielleicht wird ja auch eine Helene Fischer mal das wunderbare Türkisch entdecken?

 

Text: Navid Linnemann
Foto: Chefket – Gel Keyfim Gel


Andersrum funktioniert es übrigens auch: Zum Beispiel brachte der Rockmusiker Cem Karaca 1984 das Album „Die Kanaken“ raus. Dies war das erste Album, das von einer türkischen Musikgruppe bei einer regulären deutschen Plattenfirma auf den Markt kam. Einen Artikel darüber findet ihr hier.