Als die zwölf syrischen Frauen nachmittags den kleinen, gemütlich eingerichteten Raum in Beyoglu betreten, steht das süße Baklava schon auf dem Couchtisch und der heiße Tee dampft aus den kleinen Gläsern. Doch bevor sie sich setzen, gehen sie ans Ende des Zimmers. Auf einem großen blauen Tisch liegen Wollknäuel in den verschiedensten Farben, vier unterschiedliche Rottöne sind neben gelb und pink ordentlich aufgereiht. Jede der Frauen wählt eine Farbe, nimmt sich eine Stricknadel und setzt sich auf eines der Sofas. Dies ist das Produktionszentrum von „Knitstanbul“, einer sozialen Kleidungsinitiative aus Istanbul, über die syrische Geflüchtete handgemachte Wollprodukte verkaufen können.

Seit drei Jahren treffen sich hier Frauen, die aus unterschiedlichen Regionen Syriens kommen und vor dem Krieg geflohen sind. Während ihre Männer sich meist schon auf den weiteren Weg Richtung Westen gemacht haben, bleiben sie mit den Kindern in der Türkei und müssen dort für ungewisse Zeit warten. So ging es auch Samah aus Aleppo, die mit ihrem Mann und drei Kindern nach Istanbul floh. Istanbul sollte ein Zwischenstopp auf dem gefährlichen Weg Richtung Deutschland sein. Weil ihr Mann nicht das Leben der ganzen Familie riskieren wollte, nahm er die beiden Söhne mit sich und ließ Samah und die gemeinsame Tochter in Istanbul zurück. Mehr als ein Jahr lebte die Familie getrennt, verbunden durch die Hoffnung auf ein neues Leben in Deutschland. Halt gab Samah damals die Arbeit bei „Knitstanbul“, das wöchentliche Stricken mit den Frauen, die alle in einer ähnlichen Situation sind.

Dies ist mehr als nur ein Nebeneffekt des Projekts: Die Strickerinnen und freiwilligen Helfer*innen teilen ihre Geschichten bei Tee, Baklava und Stricknadel, unterstützen sich gegenseitig und wirken wie eine große Familie. Außerdem können die syrischen Frauen mit den gestrickten Produkten etwas Geld verdienen. Über Plattformen wie Etsy und Instagram verschicken die Helfer*innen die Waren auch nach Europa.

Die kluge Idee zu „Knitstanbul“ hatte die englische Journalistin Malika Brown. In der Zeit, wo in Syrien noch kein Bürgerkrieg ausgebrochen war, arbeitete sie in Damaskus und zog kurz vor Kriegsbeginn mit ihrer Familie nach Istanbul. Als 2015 immer mehr syrische Geflüchtete die Türkei und auch Istanbul erreichten, wollte Malika, ihren alten Nachbarn helfen, sich in Istanbul einzuleben und Geld zu verdienen. Sie begann zu überlegen und erinnerte sich an ihre alten Nachbarn in Damaskus, die ihr damals Stricksachen für Ihre Kinder geschenkt hatten. Mit ein paar Wollknäueln und Hilfe von Freunden ging die Suche nach syrischen Flüchtlingsfrauen los, die stricken konnten. Da Mädchen in Syrien das Stricken meist schon in der Kindheit beigebracht wird, fand Brown schnell Frauen, die Lust auf das Projekt hatten.

Malika Brown (links) spricht mit zwei syrischen Frauen über einen Kinderpullover.

Sobald ein Produkt verkauft wird, geht der komplette Erlös an die Strickerinnen. Die Frauen von „Knitstanbul“ motiviert es, sich die gestrickten Mützen auf den Köpfen von deutschen, französischen oder österreichischen Kindern vorzustellen. Sie scherzen sogar untereinander, dass die Strickware es vor ihnen nach Europa geschafft hat. Dorthin, wo sie selber schon jetzt so gern wären.

Samah hat diesen Weg mittlerweile hinter sich. Sie und ihre Tochter sind auf legalem Weg in Deutschland bei ihrem Mann und den zwei Söhnen angekommen. Im neuen Zuhause bekommt Samah sogar gelegentlich Bestellungen von Menschen, die bereits Strickware von ihr gekauft haben. Leider sind dort die Wollpreise im Vergleich zur Türkei viel teurer, was das Projekt langsamer wachsen lässt. Trotzdem strickt Samah weiter. Noch alleine, aber mit der Hoffnung, dass sie bald wieder mit ihren Freundinnen von „Knitstanbul“ zusammen stricken kann.

 

Text: Esra Korur Bal (Gastautorin)
Fotos: Esra Korur Bal (Belgeselab


Weitere Informationen zu „Knitstanbul” findet ihr auf Facebook, Etsy oder Instagram.


Auch in Mardin sind viele Geflüchtete angekommen. Darum hat das Goethe-Institut dort eine “Fliegende Bibliothek” eingerichtet. Marie hat sich das Projekt vor Ort angeschaut, hier geht’s zum Artikel.