Im ständigen Chaos aus “dort sein wollen” und “hier sein müssen”, scheint unserer Flexibilität eigentlich nur eines im Wege zu stehen: die Grenze. Als Antagonist von Freiheit und Kreativität ist die Grenze ein alter Bekannter, sie nervt zugegebenermaßen. Ob im physischen Kontext mit Passkontrolle oder verkleidet als Denkblockade. Wäre sie ein Mensch, sie wäre ein Türsteher. Im künstlerischen Sinne jedoch spielt jegliche Art von Limit eine wichtige Rolle: An die Grenze gehen, heißt, seine eigene zu erkennen. Ohne Grenzüberschreitung kein Fortkommen. Ein künstlerischer Prozess ist gekennzeichnet vom Einsturz und Wiederaufbau seiner eignen Gedankengebäude.

Ich hatte das Glück, eine Person zu treffen, die sich ebenso von Grenzen bedrängt fühlt wie ich und daher um sich herum erstmal aufgeräumt hat, anstatt sich in einen vorgegeben Berufskittel zu zwängen: Tuğçe Tuna arbeitet nicht nur zwischen Performance, Tanz und Therapie, zwischen Istanbul, Salzburg und Berlin, sondern bringt auch Menschen, die an Rollstühle gefesselt sind zum Tanzen. Sie arbeitet unter anderem als Body-Readerin, interdisziplinäre Performerin und zeitgenössische Tänzerin.

Inmitten des Hin- und Hers der Wohnorte und mit dem Gefühl, ständig Menschen zu treffen, die einen Koffer in der einen Hand und einen Pass (oder auch keinen) in der anderen haben, kreuzten meine Wege also die einer Person, die sich ganz und gar dem Konzept „Bewegung“ verschrieben hat.

Die belgisch-türkische Choreografin, Body-Readerin und Tanztherapeutin lehrt Contemporary Dance, Komposition/Improvisation und Movement Techniques in der Türkei und in Europa. Seit 1993 lehrt sie an der Mimar Sinan Universität der Künste in Istanbul, arbeitet jedoch auch seit 2002 als Gastdozentin an der Tanzakademie SEAD in Salzburg. Ihre Performance „displacement“ räumte den Jurypreis auf dem Arena Festival 2013 in Erlangen ab, auf dem Theater Festival der IKSV in Istanbul ist sie Stammgast.

Für den kunstinteressierten Vernissageflaneur mag Performancekunst erstmal ein etwas abschreckender Begriff sein, verbindet man doch oft damit komplexe bis lächerliche Auftritte moderner Künstler, die nicht davor zurückschrecken, sich vor dem Publikum zu verletzen oder unverständliche Laute von sich geben. Doch Tuğçe Tuna benutzt ihren Körper nicht als Hammer, um einem verschreckten Publikum Botschaften einzuprügeln, sie definiert den ihren für sich als „the space in which one lives and practices their own politics“.

Jeder Körper hat seine individuellen Grenzen, aber wie wir alle wissen, sollten und können Grenzen flexibel sein. Für Tuğçe gehörte die Arbeit mit geistig und körperlich eingeschränkten Menschen zu den lehrreichsten und inspirierensten Aufgaben der Choregografie: jeder Körper kann auf seinem individuellen Wege transformiert und verändert werden, um eine eigene Dynamik zu entwickeln. Als Body-Readerin macht Tuğçe es sich zur Aufgabe, diese körpereigenen Limits und Kapazitäten zu finden und aus Grenzen Möglichkeiten zu schaffen.

Seit 1996 arbeitet Tuğçe an der Mimar Sinan Universität, an der sie auch promovierte, im Bereich Contemporary Dance. In der türkischen Kunstwelt ist es natürlich nicht leicht mit interdisziplinären Ansätzen zu arbeiten, aber die Reduzierung auf die Definition „Dance Instructor“ hindert Tuğçe Tuna nicht daran, ihr Berufsfeld stetig auszudehnen und zu einem Handlungsspektrum zu machen. Ihre Aufgaben als Body-Readerin beinhalten Projekte mit Kindern, Erwachsenen aller Alterssparten, Herkünfte und sozialen Backgrounds.

In ihren eigenen Inszenierungen sucht Tuğçe, die ihre Doktorarbeit über das Verhältnis von Körper und Raum geschrieben hat, vakuumähnliche Räume, die in ihrer Leere unter dem Gewicht ihrer eigenen Geschichte fast zusammenbrechen: leerstehende Museen, eine alte Schule in Beyoğlu, das verlassene Gefängnis in Bayrampaşa. „Ich möchte mich befreien von der Einschränkung durch das Konzept Bühne“, sagt sie. Außerdem erzählt niemand charmantere Geschichten über den Zahn der Zeit und die historischen Events, die Istanbul & Co geprägt haben, als diese stimmungsvollen Ruinen.

Wie diese, zugegeben sehr philosophisch angehauchten Projekte in der Praxis aussehen? Hier ein Beispiel: Aktuell arbeitet Tuğçe an der Perfomance „the worst job/psycho/soma_tic“ . Namensgeber, Thematik und Location sind hier übereinstimmend. Bei Soma ( auch: lateinisch für Körper) handelt es sich um eine der größten Kohleminen in der Türkei, in welcher sich letztes Jahr ein furchtbarer Unfall ereignete, bei dem 300 Menschen starben. Das Projekt beinhaltet Performance und Workshops für und mit den Menschen der Umgebung Soma und professionellen Tänzern. Die intensive Belastung von Tänzern einerseits und Minenarbeitern andererseits verbindet die Teilnehmer unter dem Titel „my worst job“, die finale Vorführung wird im Black Theater und den Minen selbst stattfinden.

Sowohl Tanztherapie als auch Performancekunst ist in der Türkei nicht grade eine große Nummer, daher beschränkt sich Tuğçes Arbeit innerhalb des Landes haupsächlich auf Istanbul. Da Regierung und private Institutionen wenig finanzielle Unterstützung bieten, sind die Hauptsponsoren vor Ort die Modern Dance Academies (MDA) in Ankara und Istanbul. Die Projekte sind zum Großteil ein Produkt freiwilliger Tänzer und Performer, deren Engagement im Nachhinein mit einem Anteil der Eintrittsgelder und beeindruckten Gesichtern entloht wird. „Wir sind eigentlich Krieger im Kampf für die Performancekunst in der Türkei. Es ist eigentlich eine Performance an sich, sich die Bedingungen, Zuschauer, die Genehmigung für bestimmte Orte und so weiter zu erkämpfen“, scherzt Tuğçe.

Als Performancekämpfer gibt man aber so schnell nicht auf, daher können wir uns erstmal auf „the worstjob/soma_tic“ freuen. Wie es weiter geht, wird sich zeigen.

Materielle Einschränkung und mangelndes Verständnis für Performancekunst mag ein Hindernis sein, schränkt aber im Gegensatz zu geographischen Grenzen keinesfalls die Bewegungsfreiheit einer Tänzerin ein, im Gegenteil.

Text und Illustration: Fatima Spiecker