Ein Tisch, zwei Stühle und eine Leinwand, die mit visuellen Rissen aus Vergangenheit und Gegenwart um sich schmeißt. Das ist der Schauplatz von “Türkland”, einer Leseperformance, die einen persönlichen Blick darauf wirft, was es bedeutet, das (Aus-)Wandern in sich zu tragen. Türkland ist ein autobiografischer Text von Dilşad Budak-Sarıoğlu, der in dem Theater Entropi Sahne zu einer einfühlsamen, nachdenklich machenden und auch humoristischen Performance entwickelt wurde. Am 17.12. findet die nächste Vorstellung in Kadiköy statt. 2018 geht Türkland dann in Deutschland auf Tour.

Gemeinsam mit den beiden Schauspielerinnen der Leseperformance, Ilgıt Uçum und Dilşad Budak-Sarıoğlu, haben wir über die Entstehung, post-migrantische Gefühlswelten und persönliche Geschichten auf der Bühne geredet. Sie beide studierten Jura, bevor es sie ans Theater zog. Die eine in Deutschland, die andere in der Türkei. Für Türkland stehen sie nun gemeinsam auf der Bühne.

MAVİBLAU: Wie kam es dazu, dass ihr Türkland auf die Bühne gebracht habt?

Dilşad: Der Artdirector der Entropi Sahne, Yurdaer Okur, fördert mit dem “Entropi Stüdyo” junge Menschen und ihre Projekte. Mit der stellvertretenden künstlerischen Leiterin Irem Aydin habe ich mich ziemlich schnell gut verstanden und wir beschlossen, zusammen zu arbeiten. Sie hat mich dazu ermutigt, meine persönlichen Erlebnisse, die ich in einem autobiografischen Roman aufgeschrieben habe, als Leseperformance vorzustellen.

Ilgıt: Ich habe Dilşad durch meine Arbeit am “Entropi Stüdyo” kennengelernt. Ihr Text und ihre Erlebnisse haben mich sehr berührt und wir haben dann gemeinsam die interessantesten und aufregendsten Passagen herausgesucht und angefangen, an ihnen zu arbeiten.

Dilşad, wieso hast du deine persönlichen Erlebnisse aufgeschrieben?

Dilşad: Mit Türkland suche ich eigentlich eine Antwort auf die Frage meiner Identität. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und nach dem Studium in die Türkei gezogen. Ich habe dann in einem Anwaltsbüro gearbeitet und die Arbeit dort beendet, weil ich mit der türkischen Arbeitsweise schwer zurecht kam. Zu der Zeit habe ich mich dann immer öfter gefragt, warum ich so große Schwierigkeiten habe, in diesem Land zu arbeiten. Gleichzeitig kam auch nach der Rückkehr in die Türkei ganz viel Ärger gegenüber Deutschland in mir hoch und der Schmerz der Diskriminierung, die ich dort erfahren habe. Und plötzlich habe ich mich beiden Ländern gegenüber sehr fremd gefühlt. Mit diesem Gefühl wollte und musste ich mich tiefer beschäftigen. Das umfasst jedoch Themen wie Identität, Heimatland und Zugehörigkeit, die so komplex sind, dass mir das Schreiben darüber leichter fiel. Ich habe intuitiv begonnen, auf Türkisch zu schreiben, obwohl ich mich im Deutschen sicherer fühlte. Aber so konnte ich das Türkisch für mich nochmal neu entdecken und perfektionieren. Für die Leseperformance habe ich den Text dann begonnen auf Deutsch zu übersetzen und gemerkt, dass vieles anders ausgedrückt werden muss. Ich frage mich manchmal, ob ich in den beiden Sprachen der gleiche Mensch bin. Im Deutschen bin ich direkter, weil es sich da so gehört. Im Türkischen muss ich aber, um den gleichen Ton zu treffen und Inhalt zu vermitteln, etwas anders ausholen. Auch inhaltlich habe ich das Gefühl, eine große Transferleistung erbringen zu müssen, um verstanden zu werden. Der deutsche Leser ist, meiner Meinung nach, dem türkischen Leser gegenüber konservativer. Er bevorzugt die westliche Weltanschauung, die er gewohnt ist, gegenüber den Ideen des Ostens und kann eine andere Perspektive dann schnell ablehnen. Ich suche deswegen bei der Übersetzung in beide Sprachen nach dem jeweils geeignetsten Stil um wirklich das zu vermitteln, was ich ausdrücken will.

Der Text gibt ja dein Leben und sehr persönliche Gedankengänge von dir wieder. Ist es schwierig, diese sehr persönlichen Dinge auf der Bühne zu präsentieren?

Dilşad: Ja, manchmal sogar peinlich. Aber es war einfach nötig, meiner Meinung nach. Die Aufarbeitung deutsch-türkischer Migration ist in der Türkei und Deutschland noch nicht zur Genüge behandelt und reflektiert worden. Dabei brauchen wir gerade jetzt die Schlüsse, die wir aus der Erfahrung ziehen können. Die Türkei durchlebt aufgrund ihrer heterogenen ethnischen Identität und durch historische Krisen ein Identitätschaos. Und auch in Deutschland verändert die große Zuwanderung die Identität des Landes nachhaltig. Wenn wir diese Prozesse nicht bewusst angehen, werden wir aus diesem Umbruch nicht das Potential hervorkitzeln, sondern Probleme mitproduzieren. Gerade wir “Dazwischen-Gebliebenen” wissen, wie dieses Problem des inneren Konfliktes sehr schnell zu einem chronischen werden kann, wenn man sich damit nicht auseinandersetzt.

Ilgıt, war das Thema deutsch-türkische Identität neu für dich?

Ilgıt: Ich habe sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits Verwandte in Deutschland. Ich bin mit den Geschichten groß geworden, in denen mir erzählt wurde, wie meine beiden Großväter ihre Familien zurückließen, um nach Deutschland gehen zu können. In der Türkei gibt es die Bezeichnung: “Die schmerzhafte Heimat Deutschland”.  Damals hatte ich das so verstanden, als ob der Schmerz denen zuteil wurde, die hier bleiben mussten. Erst als meine Cousine Özlem aus Deutschland für ein Praktikum nach Istanbul kam und wir ein paar Monate zusammengelebt haben, ist mir aufgefallen: Sie wurde in beiden Ländern nicht wirklich akzeptiert, sie war immer dazwischen. Weder Türkin, noch Deutsche. Und ich habe sogar die Situation indirekt gefördert, weil ich ihren deutsch-türkischen Dialekt komisch fand und mich darüber lustig gemacht habe. Nachdem ich dann auch noch Dilşad kennengelernt und ihre Texte gelesen habe, habe ich gemerkt, dass die Auswanderung zwei Seiten hat. Die, die ausgewandert sind, hatten genauso große Schmerzen, wie die, die hier geblieben sind. “Die schmerzhafte Heimat Deutschland” hat beiden Seiten den gleichen Schmerz hinterlassen.

Die Leseperformance habt ihr nun schon vor kleinem Publikum getestet. Wie ist eure Wahrnehmung? Wird Türkland von Leuten aus Deutschland und der Türkei unterschiedlich verstanden?

Ilgıt: Ich denke, dass Deutsche und Türken die Performance mit ähnlichem Bewusstsein aufgenommen haben. Jedoch können manche Abschnitte je nach Herkunft und Kultur unterschiedlich wahrgenommen worden sein. Was für den einen ein Schmerz ist, kann bei dem anderen Schamgefühle erzeugen.

Dilşad: Wahrscheinlich konnten beide Seiten dadurch mehr über sich und über den anderen erfahren. Es ist aber auch möglich, dass sich der eine oder andere dadurch angegriffen fühlt, weil ich natürlich beide Seiten kritisch beleuchte. Bis jetzt haben wir von”Bio”-Deutschen und “Bio”-Türken das Feedback bekommen, dass sie viel Neues über die Erlebnisse und die psychische Situation der Auswanderer gelernt haben und die Auswanderer haben sich verstanden gefühlt. Außerdem fanden sie es gut, dass es sowohl tragische als auch komische Komponenten gab. Was mich am meisten überrascht hat war, wie positiv die Tatsache aufgenommen wurde, dass ich über meine persönliche Geschichte rede. Ich hatte eher befürchtet, dass ich deswegen kritisiert werde.

Was wünscht ihr euch, sollen die Menschen von Türkland mitnehmen?

Dilşad: Verständnis und Empathie. Außerdem hoffe ich natürlich, dass sie danach konkrete Entscheidungen fällen und die Haltung gegenüber dem “Anderen” ändern. Das müssen wir immer wieder tun. Auch ich kämpfe mit Vorurteilen. Wir müssen uns das einfach immer wieder bewusst machen und Geschichten der Vielfalt erzählen und zur “Normalität” machen.

Ilgit: Ich bin mir sicher, dass jede und jeder Verwandte oder zumindest Bekannte hat, die Auswanderer sind. Ich möchte, dass den Menschen bewusst wird, dass diese Auswanderer mehr als nur die Menschen sind, die zum Beispiel jeden Sommer leckere Schokolade und Geschenke mitbringen. Die Auswanderer nach Deutschland haben nicht so komfortabel gelebt, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir müssen aufpassen, die Dinge nicht nur aus einem Blickwinkel zu sehen oder auf einen Aspekt zu reduzieren.

Was ist nun euer Plan mit Türkland?

Dilşad: Wir wünschen uns, dass in beiden Ländern sowohl ein Dialog über die “Deutschländer” als auch über Minderheiten und den Umgang mit ihnen generell geführt wird. Mit Türkland laden wir zum Dialog und der Auseinandersetzung mit der eigenen Perspektive ein.

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Interview: Zeynep Ünal
Bilder: Navid Linnemann