Der Design&Photography Workshop von Don’t Wait lud Ende Mai 2015 dreizehn Studierende aus Deutschland und dem Iran nach Istanbul ein. Dort konnten sie über zehn Tage einen Einblick in die Stadt und ihre Vielfalt bekommen und zu eigenen Projekten inspiriert werden.

Diese Woche stellen wir die Projektarbeiten der Studierenden Santtu Laine, Joshua John Dwortzak und Simone Behrmann vor. Jede und jeder von ihnen wurde auf sehr unterschiedliche Weise durch Istanbul und ihre Menschen, Fassaden, Gassen und Realitäten beeinflusst und inspiriert. Hier möchten wir euch kleine Ausschnitte aus den Arbeiten zeigen.

Santtu Laine (Dokumentar- und Portraitfotografie)

Santtu Laine ist auf Dokumentar- und Portraitfotografie fokussiert und setzte sich im Rahmen des Design&Photography Workshops von „Don’t Wait” mit LGBTI-Rechten in der Türkei auseinander. Auf die Frage wie er auf diese Projektidee gekommen ist, antwortet er: „Auf der einen Seite ist die Türkei ein sehr religiöses und konservatives Land, auf der anderen Seite aber leben hier viele Transgenderpersonen”, und fügt hinzu, dass er erfahren habe, dass Istanbul eine Art Zufluchtsort für viele Transgenderpersonen aus arabischen Regionen sei.

Durch sein Projekt in Istanbul möchte er ein Bewusstsein über LGBTI-Rechte schaffen und versuchte hierzu zunächst Kontakt zu Transgenderpersonen herzustellen. Durch seine Recherchen fand er heraus, dass in Tarlabaşı, ein Stadtviertel in Beyoğlu, viele Transgenderpersonen leben. „Ein interessantes Projekt, vor allem so ohne jegliche Sprachkenntnisse”, sagt Santtu und erzählt von seinen ersten Erkundungen in Tarlabaşı. Er hat die Menschen zunächst auf Englisch angesprochen, ist dabei jedoch auf Misstrauen und Ablehnung gestoßen. Als nächstes versuchte er es mit der Hilfe von Google Translate und kam den Menschen zumindest ein stückweit näher. Als er dann durch einen Kontakt Hilfe von einer Übersetzerin bekam, konnte er den Menschen die Absichten seines Projektes erklären. Schritt für Schritt konnte er Kontakt zu einigen Transgenderpersonen in Tarlabaşı aufbauen und ihr Vertrauen gewinnen.

Während seines Projektes erzählt Santtu, habe er erfahren, dass Gewaltakte auf Transgenderpersonen zur Normalität geworden seien und zeigt uns die Fotografien, auf denen Narben in den Gesichtern der Portraitierten zu erkennen sind. Nach einer Woche intensivem Kontakt, so sagt Santtu, freuen sich die Menschen, die er kennen gelernt hat, jetzt sogar, wenn er vorbeikommt. Ohne jegliches Misstrauen wird er empfangen und freundlich begrüßt.

Auf die Frage, ob er gerne weitere Projekte in Istanbul machen würde, antwortete er mit: „Definitiv. Es gibt viele spannende Themen in Istanbul. Man muss nur die Augen offen halten.” Eine der Transgenderpersonen in Tarlabaşı hat ihm sogar schon vorgeschlagen, eine autobiografische Dokumentation zu machen.

Joshua John Dwortzak (Design)

Joshua John Dwortzak hat sich in Istanbul in erster Linie mit Design beschäftigt und sich hierzu in einer Gruppe von Design-Studiernden mit dem lokalen Lemur Store im Stadtteil Kadiköy in Verbindung gesetzt.

Der Lemur Store gibt jungen Künstlern und Künstlerinnen die Möglichkeit, ihre Designs zu printen, zu verkaufen und bekannt zu machen. Bei der Entwicklung eines Designs wurde Josh insbesondere durch den Besuch bei einer Jeansmanufaktur inspiriert. Er setzte sich gezielt mit dem Farbstoff des Indigo, mit der Jeansstoffe gefärbt werden, auseinander und informierte sich über das Pigment und die tiefere Bedeutung der Farbe für die Türkei. Folglich wurde die Indigoblüte zu Joshs maßgeblichem Designgeber für seine spätere Umsetzung. Die Aufgabe der Design-Gruppe bestand darin, alt und neu ineinander verfließen zu lassen. Josh sagt, er habe deshalb die Indigoblüte als traditionelles Pattern gewählt und modern, frisch interpretiert, indem er die freiliegenden Blüten an die türkische Ornamentik angelehnt hat.

Fasziniert war er in Istanbul außerdem von der Vogelpopulation auf den Dächern dieser großen Stadt. Besonders sind ihm die Raben und Möwen aufgefallen, die in einem ständigen Konflikt zu sein schienen, so Josh. Diese Faszination führte dazu, dass er einen ausgerissenen Rabenflügel in sein Design integriert hat. „Der ausgerissene Flügel steht symbolisch für die eingeschränkte Freiheit, die ich Zeit meines Aufenthalts hier wahrgenommen habe”, sagt er und fügt hinzu, dass es gleichzeitig auch ein mögliches Symbol für optimistische Veränderungen sei. Josh hat uns seine Zeichnungen in seinem Notizbuch und erste Entwürfe der Umsetzung auf seinem Laptop gezeigt. In Zusammenarbeit mit dem Lemur Store ist zunächst eine T-Shirt-Kollektion geplant, aus der später eine ganze Kollektion entstehen soll.

Simone Behrmann (Fashion)

Simone Behrmann hat während ihres Aufenthaltes in eines der Fashion-Shootings in Balat mitgewirkt. Im Mittelpunkt stand die eine Winterkollektion, die es zu inszenieren galt.

Bevor das Shooting angefangen hat, hat sie erst einmal den Stil der Designer und Designerinnen, die auf einen Stilbruch zwischen Moderne und Tradition Wert legten, kennen gelernt. Im Rahmen des Fashion-Shootings hat Simone in Balat durch ihre Fotografien eine kleine Geschichte entstehen lassen, in der es um ein Mädchen geht, das Istanbul kennen lernt bzw. sich den Weg durch Istanbul sucht. „Ich habe mich dabei auf das Suchen konzentriert. Ein Mädchen, das ihren Weg sucht. Dazu habe ich versucht, nachdenkliche Stimmung einzufangen, bei der nicht ganz deutlich ist, wo sie jetzt hinwill.”

Auf die Frage, wie sie diese nachdenkliche Stimmung erzeugt hat, antwortet Simone, dass sie dem Model grob mitgeteilt hat, was sie sich vorstellt. Durch den gegebenen Freiraum konnte das Model sie selbst sein und Simone die beabsichtigte nachdenkliche Stimmung einfangen.

Maßgeblich inspiriert wurde sie bereits vor ihren Fotografien, und zwar von Balats verlassenen, teilweise schon zerfallenen Häusern und veralteten, engen Gassen. „Man geht eine Gasse entlang und man weiß nicht, was am Ende der Gasse kommt, was man sehen wird”, sagt Simone und zeigt uns ihre Fotos des Shootings. Dabei verrät sie uns, dass sie gerne persönlich arbeitet, das heißt, dass ihre Arbeiten oft einen Teil von ihrer eigenen Persönlichkeit enthalten.

Jedes der Projekte ist aus ganz verschiedenen Inspirationen heraus entstanden. Maßgeblich geprägt wurden diese Inspirationen, wie wir erfahren haben, durch Istanbul. Istanbuls Gassen und Häuser, Traditionen, gesellschaftliche Realitäten, Farben und Menschen. Die Studierenden haben aus ihren Inspirationen und persönlichen Blickwinkeln resultierend neue Geschichten kreiert, Realitäten gezeigt oder illustrativ dargestellt. Jede und jeder auf ihre und seine eigene Art und Weise und mit eigenem Stil.

Mehr über den Workshop von Don’t Wait findet ihr in dem Artikel “Workshop von Don’t Wait in Kooperation mit MAVIBLAU“. Weitere Interviews mit den Studierenden findet ihr hier.