Die Antwort auf die Frage, wo die Hauptfiguren arbeiten, gab dem Film einen Titel: Für „Wir sitzen im Süden“ portraitierte Martina Priessner vier Menschen, die in Istanbul für deutsche Firmen telefonieren. Oft unfreiwillig hat es sie aus Deutschland in die Türkei verschlagen. Während in der deutschen Öffentlichkeit das Wort „Passdeutsche“ noch Konjunktur hat, wirft der Film aus dem Jahr 2010 ein Schlaglicht auf das genaue Gegenteil: auf Deutsche, denen zum „richtig Deutschsein“ höchstens der Pass fehlt, dieser aber dafür umso schmerzlicher. Die Doku überlässt das Wort allein den ProtagonistInnen, deren Lebensgeschichten vielleicht gerade deshalb einen so bleibenden Eindruck hinterlassen.

Murat, Fatoş, Bülent und Çiğdem verbindet vor allem eine Vergangenheit in Deutschland und eine Zukunft in der Türkei, auf den ersten Blick eine eher lose Verbindung. Die konkretere Gemeinsamkeit ist ihr Beruf, alle arbeiten in Callcentern deutscher Firmen. Die Großraumbüros in Istanbul sind Dreh- und Angelpunkt der Handlung, doch die Arbeit rückt schnell in den Hintergrund und dient in erster Linie als Kulisse für komplexe Antworten auf die alte Frage nach Zugehörigkeit und Identität. Von den vier Portraitierten hat nur Çiğdem „den bordeauxfarbenen Pass in der Tasche“. Es dürfte kaum ein Zufall sein, dass sie als einzige nicht mit der neuen Heimat fremdelt. Sie hat sich für das Leben in Istanbul entschieden und kann jederzeit nach Deutschland zurück- bei den anderen kann von Wahlheimat keine Rede sein.

Fatoş, die man spätestens bei dem Jubel über das lang ersehnte deutsche Visum ins Herz schließt, und Murat, der die Musik für den Film eingesungen hat und nicht nur mit den Reaktionen auf seine Homosexualität hadert, wurden von ihren Eltern in deren Heimat gelockt. Um die all zu selbstständigen Kinder auch dort zu halten, entsorgten die Eltern deren deutsche Pässe.
Bülent hat den Weggang seines Vaters nie ganz verdaut und fand in der Gang „Turkish Power“ endlich „so ´ne Art Familie“. Die kriminelle Laufbahn führte letztendlich zur Abschiebung aus Deutschland.
Weder Eltern noch Behörden wollen wahrhaben, dass die Türkei für alle drei nur noch ein besseres Urlaubsland ist.

Trotz der unfreiwilligen Entwurzelung bleiben Schuldvorwürfe außen vor. Der Film setzt ganz darauf, dass die Erzählenden den Film tragen. Stellenweise wünscht man sich dann doch die ein oder andere Nachfrage, wenn beispielsweise in der Unterhaltung zwischen Fatoş und ihren Eltern die Ausreise mit keinem Wort zur Sprache kommt. Doch die Bühne gehört allein den vier RückkehrerInnen, von weiteren Akteuren erfährt der Zuschauer kaum den Vornamen. So entsteht zwar eine gewisse Nähe zu den Hauptpersonen, über eineinhalb Stunden hinweg vermag dieser Stil aber nicht pausenlos zu fesseln.

Die Stärken zeigen sich besonders, wenn jeder und jede den eigenen Zwist mit Istanbul reflektiert und die Beziehung zu Deutschland. Zwischen „mich nervt das teilweise sogar, wenn ich hier auf Deutsche treffe“ und „du bist auf einmal wie in Deutschland, ich hab mich voll wohl gefühlt“ ist dabei fast jeder vorstellbare Standpunkt vertreten, gleichzeitig ist das Wort „Standpunkt“ angesichts der Dynamik der Bikulturalität fast unangebracht. Wohl nichts bringt die Absurdität der Reduktion dieses Facettenreichtums auf ein simples „Deutsch-Türkisch“ besser auf den Punkt als Fatoş im Callcenter. Am Telefon muss sie sich, trotz unüberhörbarem Schwarzwälder Dialekt, mit dem Namen Ilona Manzke melden, die Frage nach dem Standort mit „Wir sitzen im Süden“ beantworten.

All dem Facettenreichtum zum Trotz bleibt Fatoş am Ende doch nichts anderes übrig als ein weiterer Gang zum deutschen Konsulat, wo ihr Antrag auf ein Touristenvisum bereits dreimal abgelehnt wurde. Dieses Mal hat die Schwarzwälderin Erfolg. Murats und ihr Besuch in Deutschland läuten das Ende des Films ein. Zum ersten Mal seit Langem wieder an den Schauplätzen ihrer Kindheit wird beiden schnell und schmerzlich bewusst, dass es nur ein Wiedersehen auf Zeit ist. Wenn dann beide zurück in Istanbul wieder in den Alltag finden müssen, den eigentlich alle ziemlich satt haben, bleibt für den Zuschauer, die Zuschauerin doch ein beklemmendes Gefühl.
Gerade wegen des bordeauxroten Passes, den man meist gedankenlos in der Tasche hat.

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Wie es anderen RückkehrerInnen ergeht, davon erzählt auch der Film “Hadi Tschüss”, über den wir hier berichten. Über die Bedeutung des Passes bei einem Aufwachsen inmitten mehrerer Kulturen geht es in diesem Artikel über ein außergewöhnliches Fotoprojekt.

Text: Simon Feyrer
Bilder: pangeafilm/ZDF