Der Veranstaltungsraum im Istanbuler Kulturraum “Supa” steht unter Strom. Die Leute haken sich mit den kleinen Fingern ein und stellen sich zum traditionellen Halay auf. Die Runde wird immer größer, mehr Menschen drängen sich in den Kreis. Der Boden vibriert. Aus westlichen Instrumenten ertönen anatolische Klänge. Die Schritte der Tanzenden werden parallel zur Musik immer schneller. Nach einigen Minuten geht mir die Puste aus und ich ziehe mich aus dem Kreis heraus. Die anderen tanzen weiter. Ich schaue rüber zum Musiker, dessen Musik uns heute Abend für einige Stunden aus dem gewohnten Trott rausreißt. Er strömt eine faszinierende und hoch ansteckende Energie aus. Die eigens für ihn entworfene elektronische Gitarre, bestehend aus drei Griffbrettern, hält er mit erstaunlicher Leichtigkeit. Seine Sneaker strahlen schneeweiß unter seinen schwarzen Pluderhosen hervor.

Ich hatte das Vergnügen, Ali Ekber Aydoğan von der Musikgruppe “Derdiyoklar” im Sommer 2017 nach einem seiner Konzerte in Burgazada kennenzulernen. Damals verabredeten wir uns für ein Interview, doch es kam besser: Ali Bey trat auf unserer Musikveranstaltung “Let’s Anatolian Rock It!” im April 2018 auf.

Ein paar Stunden nach meiner Anfrage über WhatsApp erhalte ich die erhoffte Zusage. Es hätte wohl keine passendere Musikgruppe für diese Veranstaltung geben können. “Derdiyoklar İkilisi” ist eine in den späten 70er-Jahren in Deutschland gegründete, türkischsprachige Folkgruppe. Bekannt wurde sie vor allem durch ihren – für die damalige Zeit – ungewöhnlichen Musikstil, der aus einer Mischung anatolischer und westlicher Musik mit elektronischen Einflüssen bestand. Ihre mehrstimmig vorgetragenen Lieder galten in Deutschland wie auch in der Türkei als Protestmusik, da sie in ihren Werken eine gesellschaftskritische Haltung einnahmen. Schon früh thematisierten sie Probleme türkischer Einwanderer in Deutschland wie Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung. Noch heute treten sie häufig im deutsch-türkischen Kontext auf.

Der in Malatya, einer kleinen Stadt im Südosten der Türkei, geborene und aufgewachsene Ali Ekber Aydoğan beschließt, nach seiner Rückkehr vom Militärdienst das Land zu verlassen und sein Glück in Deutschland zu versuchen. So kommt er Anfang der 70er Jahre in die BRD und gründet hier nach einiger Zeit gemeinsam mit Ihsan Güverçin die Disco Folkband “Derdiyoklar İkilisi”. In den ersten Jahren treten die Musiker auf verschiedenen türkischen Festen auf, um sich finanziell über Wasser zu halten. Damit machen sie sich jedoch in kurzer Zeit einen Namen. Schon bald erreichen sie ein sehr heterogenes Publikum, denn “Musik kennt keine Grenzen! Musik ist universell”, sagt Ali Bey. Die insbesondere in der deutsch-türkischen Community recht bekannten und beliebten Musiker erreichen den erhofften Erfolg in der “Heimat” leider nicht. Das liegt in erster Linie an den Vermarktungsstrategien der Plattenfirma “Türküola”, bei der sie unter Vertrag standen und die die Musiker eher im Ausland als im Inland fördern. Den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht die Gruppe in den 80er Jahren, als sie insbesondere am deutsch-türkischen Kassettenmarkt hohe Verkaufszahlen erzielt.

Ganz im Sinne von “Man sollte aufhören, wenn’s am schönsten ist“ trennt sich die Gruppe 1986, die Musiker gehen eigene Wege. Ali Bey setzt seine Musik gemeinsam mit dem Schlagzeuger Mehmet Tanis als “Derdiyok Ali“ fort, doch auch diese Verbindung löst sich 1999 mit dem Ausscheiden von Tanis. Seither führt Ali Bey seine Musik alleine fort. Mit der Digitalisierung alter Schallplatten und Kassetten werden viele vergessene Werke von der neuen Generation in der Türkei wiederentdeckt. Auch die Stücke der Gruppe Derdiyoklar, die einst viele türkischstämmige Jugendliche in Deutschland musikalisch inspirierte und motivierte, kamen Jahrzehnte später wieder hervor und hatten einen Einfluss auf viele Nachwuchsmusiker, auch in der Türkei.

Ali Bey nippt mittlerweile an seinem Kräutertee. Er ist nur minimal erschöpft nach seinem zweieinhalbstündigen Auftritt. Zum wiederholten Mal bedanke ich mich, dass er und sein Schlagzeuger so kurzfristig für die Veranstaltung aus Nürnberg angereist sind. Mit einer lockeren Handbewegung bringt er mich zum Schweigen und sagt: “Musik muss geteilt werden mit denen, die nach ihr suchen.“

Text: Neslihan Yakut
Redaktion: Sezen Demirkaya
Fotos: Aliş Hüseyin Karataş


In der Reihe “Auf einen Çay mit …” treffen wir immer wieder Persönlichkeiten, die die deutsch-türkischen Beziehungen kulturell prägen. So haben wir uns zuletzt zum Beispiel mit dem Schriftsteller Gerrit Wustmann und der Sängerin Sema Moritz unterhalten.