Am 22. April fand in der Işık Okulları zum 11. Mal der Chamisso Lesewettbewerb statt, bei dem sich 65 Schüler aus insgesamt 26 Schulen Istanbuls im Deutschlesen verglichen. MAVIBLAU durfte einen Juroren aussenden – was für eine Ehre! So schickte die Redaktion mich in die Privatschule nach Maslak und dort geradewegs in das Büro des Schuldirektors, wo erst einmal geplaudert und Çay getrunken wurde. Die Jury bestand aus einer bunt gemischten Truppe von Menschen, die abwechselnd Türkisch und Deutsch sprachen und sich gut gelaunt auf den Wettbewerb freuten.

Im großen Hörsaal versammelt, begrüßten zwei Schüler alle Teilnehmer und Veranstalter abwechselnd auf Deutsch und Türkisch, wobei wir erfuhren, dass der Wettbewerb nach dem Dichter Adelbert von Chamisso benannt wurde. Nach einigen Willkommensworten durch den Schuldirektor fand die Einteilung der Juroren statt. Ich folgte der mir zugesprochenen Gruppe in einen kleineren Hörsaal und sollte sogleich sechzehn Schüler des Jahrgangs 11 bewerten. Ausschlaggebend für die Bewertung waren die Kriterien Betonung, Aussprache und Lesetempo, mit denen zunächst ein selbstgewählter Text präsentiert wurde.

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Es war eine ungewohnte Perspektive, die ich da einnahm, bin ich doch zuletzt selbst noch Schülerin gewesen – nun ist meine Rolle eine andere. Die zwei Frauen, zwischen denen ich saß, waren Deutschlehrerinnen an türkischen Schulen und somit weitaus geübter in der Benotung von Schülern, doch auch ich gewöhnte mich schnell daran, die Vortragenden innerhalb einer Minute mit einer Zahl zwischen 1 und 5 zu versehen. Schnell noch einmal vergegenwärtigen: In der Türkei bedeutet 5 sehr gut und 1 sehr schlecht. Zunächst versuchte ich noch die abgedruckten Texte in meiner Mappe mitzulesen, ließ davon aber schnell ab und verließ mich nur auf das Gehörte. Ein Auszug aus “Der Fischer und seine Frau”, Textstücke über König Ludwig II oder eine Zugfahrt von Stuttgart zum Bodensee, eine Beschreibung des Alexanderplatzes in Berlin und den Anfang des Märchens “Rumpelstilzchen”. Rum-pel-stilz-chen – puh, dachte ich, Hut ab vor allen, die Deutsch lernen.

Im zweiten Durchgang durften die Schüler einen ihnen unbekannten Text vom Stapel auf dem Lesepult ziehen und mussten sich den nie zuvor gelesenen Wortansammlungen auf dem Blatt stellen. Was sie auch tapfer und im wahrsten Sinne des Wortes ausgesprochen gut bewältigten! Ich war völlig begeistert von der Qualität ihrer Sprachkenntnisse und dem Selbstbewusstsein, mit dem die Jungs und Mädels auf der kleinen Bühne ihre Texte vorlasen.

Die Entscheidung für die drei besten Leser fiel in der Runde der vier Juroren nicht ganz ohne Diskussion – was vor allem auf der durchweg guten Leistung der Wettbewerbsteilnehmer beruhte. Gekührt und mit einer kleinen Trophäe belohnt wurden die drei besten Leser der Jahrgangsstufen 9, 10 und 11 und auch die Gastgeberschule durfte prämierte Schüler auf die Bühne schicken, worüber alle natürlich sehr erfreut waren. Die Stimmung war fröhlich und familiär. Am Ende wurde auf dem sonnendurchfluteten Schulhof noch ein Gruppenfoto geschossen und die Schüler genossen sichtlich die abfallende Anspannung, die vor dem Wettbewerb auf ihnen gelastet hatte.

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“Deutsch ist schwierig!”, erzählte mir der 17-jährige Yiğit Eren, der seit sechs Jahren Deutsch lernt und beim Wettbewerb den zweiten Platz seines Jahrgangs machte. “Vor allem die Aussprache“, betonte er und gab lachend ein lang gezogenes hartes „R“ von sich. Ich merkte, dass es ihm deutlich schwerer fiel, frei mit mir zu sprechen, als es auf der Lesebühne den Anschein gemacht hatte, immer wieder driften wir ins Englische ab. Helin (16) kam ihm zu Hilfe und beantwortete meine Fragen mit etwas mehr Sicherheit auf Deutsch. Sie ist letztes Jahr bereits für einen Monat in Düsseldorf gewesen und möchte unbedingt bald wieder dorthin fahren um ihre Freunde zu besuchen. Sie mag Deutschland sehr, das konnte man ihrem strahlenden Gesicht ansehen. “Was gefällt dir so gut an Deutschland?”, wollte ich von ihr wissen. “Ich mag Deutschland, weil es so schön grün ist, dort gibt es so viel Wald und die Menschen sind so modern und gebildet. Das Leben dort ist relaxed, man kann anziehen, was man möchte, alles ist lockerer.” Die Natur, sowie die Modernität und Aufgeschlossenheit der Menschen macht Deutschland sehr reizvoll, da sind sich die beiden Jugendlichen einig. Im Gegensatz zu Yiğit, der davon träumt, sein Studium in Deutschland zu machen, möchte Helin allerdings lieber in Schottland studieren. Beide sind sie voller Zuversicht auf die Zukunft und als ich mich verabschiedete, konnte ich ganz viel davon mitnehmen.

 

Text & Bilder: Sabrina Raap
Redaktion: Jonas Wronna