Wann wir merkten, dass wir Orientalisten waren? Wahrscheinlich beim Postkartenschreiben.

Wer als Westeuropäer*in ein Erasmussemester in Istanbul verbringt, lernt schnell, dass er oder sie ein bisschen anders ist und dass dieses Anderssein einen nicht geringen Einfluss auf das eigene Leben hat. Kaum ein Erasmus-Abend kommt ohne die Klagen darüber aus, wie anstrengend es doch sei, immer als Yabancı erkannt zu werden und bei „schlitzohrigen“ Simitçi drei statt einer Lira für einen Sesamkringel zahlen zu müssen. Die Reflexion über eigene Privilegien findet dagegen deutlich seltener statt – am ehesten wohl noch in den Geschichten über ungeahndete Regelverstöße.

Edward Said und die Bibliothek des Orientalismus

Will man sich mit dem Verhältnis von Ost und West und seiner eigenen Rolle darin auseinandersetzen, hat wohl kaum jemand mehr zu sagen als Edward W. Said. Die Erfahrung, während seiner Karriere oft der einzige „Orientale“ zu sein, waren für den 1935 in Jerusalem geborenen, in Ägypten aufgewachsenen und in England und den Vereinigten Staaten ausgebildeten Said Anstoß zu seinem Buch „Orientalismus“. Das 1979 erschienene Buch ist eines der Gründungsdokumente der sogenannten “Postkolonialen Studien”, in dem Said das Verhältnis zwischen Westen und Osten reflektiert. Dieses Verhältnis wird bestimmt durch den Orientalismus, der letztendlich die Richtlinien des westlichen Umgangs mit dem Orient festlegt und die Trennlinie zwischen den beiden Regionen zieht. Entscheidend für Said ist es hier, dass diese Trennlinie zwischen westlichem Okzident und östlichen Orient bei Weitem nicht so klar verläuft, wie es Medien, Politik und Wissenschaft glauben machen wollen. Er sieht in der Unterscheidung weniger eine geografische Realität als vielmehr ein Konstrukt, das es den Europäer*innen (sowie später auch den Amerikaner*innen) erlaubt, die eigene Identität klar von einem negativ konnotierten „Anderen“ abzugrenzen.

Diese Konstruktion bekommt als ein Diskurs eine enorme Wirkungsmacht. Innerhalb des Diskurses bilden die vielen über den Orient verfassten Texte eine Art Bibliothek des Orientalismus, auf die sich jede*r, der/die über den Orient schreiben möchte, gewollt oder ungewollt beziehen muss. Der Grundtenor dieses Gesamtwerks unzähliger Autoren, ist die normative Unterscheidung zwischen einem rationalen, modernen, aktiven und schöpferischen Okzident und einem irrationalen, trotz großer historischer Errungenschaften unterentwickelten, triebgesteuerten und passiven/femininen Orient. Die Entstehung dieser Bibliothek zeichnet Said von der Antike über die Neuzeit bis zum heutigen Tage nach. Während in der Antike der Osten vor allem für mysteriöse und unerschlossene Barbarenreiche stand, wurde ein feindlicher Islam und die Bedrohung Europas durch eine arabische beziehungsweise osmanische Invasion im Mittelalter zum wichtigsten Kriterium der Abgrenzung. Mit der zunehmenden militärischen Macht Europas und den Anfängen der britischen und französischen Kolonialreiche diente die Forschung über den Orient immer mehr dazu, die europäischen Herrschaftsansprüche mit einer vermeintlichen Kenntnis der Orientalen und ihrer Unterlegenheit zu rechtfertigen.

Damit war die Kolonialzeit zugleich auch die Blütezeit der Orientalistik, also der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Orient durch westliche Forscher. Große Projekte dieser Zeit, wie die Ägypten-Expedition Napoleons oder der Bau des Suez-Kanals, wurden immer durch orientalistische Schriften und Forscher begleitet. Die enge Verbindung von Wissen und (Besatzungs-)Macht zeigt sich u.a darin, dass viele der Besatzer auch selbst Autoren orientalistischer Texte waren. Wenn also der britische Stadthalter in Ägypten Lord Cromer über „den Orientalen“ schreibt, dass er „so etwas wie Logik überhaupt nicht kenne“ und dass deshalb die britischen Besatzer die Grenzen ihrer Untertanen bei der Herrschaftsausübung bedenken sollten, dann ist er Orientalist und Kolonialist zur gleichen Zeit. Der Orientalist erklärt, dass alle Orientalen eigentlich gleich (unterentwickelt), also auf die dieselbe Art und Weise regierbar seien und, dass er selbst – im Gegensatz zum europäischen Gelehrten – nicht in der Lage sei, seine eigene Natur zu erkennen oder gar zu ändern. Daraus folgt schließlich, dass nur er, der orientalistisch gebildete Kolonialherr, aufgrund seines Wissens über den Orientalen in der Lage sei, diesen zu regieren und den Orient zu gestalten. Am Ende basierte so auch die Zerschlagung des Osmanischen Reiches einschließlich der gescheiterten Aufteilung der Türkei und die anschließende Grenzziehung im Nahen Osten auf diesen Annahmen.

Der Orientalismus lebt!

Said sieht den Orientalismus aber keineswegs als ein mit dem Ende des Kolonialismus verschwundenes Phänomen an. Vielmehr hat er sich auch an die Veränderungen des späten 20. Und 21. Jahrhunderts angepasst. Kennzeichnend für den heutigen Orientalismus sind vor allem die anhaltende Sprachlosigkeit der Orientalen und die enorme Verbreitung und Wirkungsmacht von stereotypen Darstellungen des Orientalen sowie insbesondere des Arabers in der Popkultur. Die Sprachlosigkeit resultiert daraus, dass auch im 21. Jahrhundert zumeist westliche Autor für ein überwiegend westliches Publikum über die östlichen Regionen und ihre Bewohner*innen schreiben. Während also die Orientalen selbst kaum zu Wort kommen und demnach sprachlos bleiben, kann sich auch der/die einfache westliche Betrachter*in kein unvoreingenommenes Bild machen. Der Orient muss für diese durch die Forscher*in zum Sprechen gebracht werden. Die Problematik dieser Tatsache lässt sich sehr gut an der – für die meisten wohl absurden Vorstellung – einer mehrheitlich türkischen Forschergruppe zu deutscher Kultur und Gesellschaft verdeutlichen. Natürlich ist die heutige wissenschaftliche Literatur nicht mehr so offen rassistisch und orientalisierend wie die Texte britischer Reisender des 19. Jahrhunderts, gleichzeitig wird in wissenschaftlichen Texten auch heute noch von orientalischen Despoten, dem Gewaltpotential des Islams und der arabischen Mentalität gesprochen. In der Popkultur wiederum gehen die Rollen nicht westlicher Darsteller*innen kaum über die des gütigen Scheichs oder Sprengstoffgürtel tragenden Terrorist*innen beziehungsweise die der geheimnisvollen Haremsdame oder die eines vor Zwangsheirat geflüchteten Opfers hinaus.

Unsere Erfahrungen mit dem Orientalismus

Diese Theorie klingt so weit weg? Das hat nichts mit mir zu tun? Ich habe keine Vorurteile? Naja, so einfach ist das nicht. Aus einer Gesellschaft wie der europäischen kommend, in der orientalistische Konzepte massiv präsent sind, kann man sich im Denken nicht einfach losgelöst sehen, was wiederum zu eigener (wenn auch unbewusster) Reproduktion solche Bilder führt. Das schließt uns hier Schreibende mit ein und darf nicht als moralischer Vorwurf gegen Einzelne, sondern als Kritik an einem umfassenden Diskurs verstanden werden. Ein Diskurs, der auch von türkischer Seite übernommen, verinnerlicht und selbst reproduziert wird. Es geht bei dem Teilen unserer Erfahrungen auch nicht darum, Unterschiede oder problematische Zustände zu negieren oder zu relativieren, es geht darum, die alltägliche Wirkmächtigkeit des orientalistischen Diskurses darzustellen, auf den sich gegenseitig jederzeit bezogen werden kann.

So können wir unsere Eindrücke mit einer ganz klassischen Gesprächsfigur, die uns begegnete, nämlich die Heroisierung sogenannter eigener kulturellerer Eigenschaften mit der gleichzeitigen Abwertung der anderen Kultur beginnen. Dies zeigte sich an der Vorstellung, dass beispielsweise Deutsche diszipliniert, zuverlässig und pünktlich wären, wohingegen in der Türkei das meiste nach „gut-dünken“, mit viel Verspätung und schlecht organisiert ablaufen würde. Damit einhergehend erlebte man ebenfalls immer wieder Gegensatzkonstruktionen von rational handelnden Deutschen und irrational agierenden Türk*innen. Wo immer man auf schlechte Organisierung und Unpünktlichkeit traf, wurde sich auf diesen Diskurs bezogen. Nach spezifischen Gründen oder lediglich partikularer Fehlorganisation wurde gar nicht erst gefragt, die festgelegte Schablone funktionierte zu gut und einfach. Als klassische Beispiele der Desorganisation ging es dann beispielsweise um die regelmäßigen Stromausfälle, das Verkehrschaos auf den Straßen oder „kreative“ Lösungen von Autoschäden mittels Panzertapes. Der gut organisierte ÖPNV oder strukturelle Gründe wie mangelnde finanzielle Mittel fanden in den Erzählungen keine Beachtung.
Der Orient als Konstruktion des Irrationalen sowie Sexualgesteuerten drückte sich ebenfalls in Bildern vom triebgesteuerten türkischen Mann und der leicht zu habenden Frau aus. So fanden Gespräche darüber statt, wie einfach es für Europäer wäre, türkische Frauen zu „erobern“, so als wären sie passive Objekte. Während bei europäischen Männern eine gewisse positiv konnotierte Erwartungshaltung vorlag, kam es teilweise zur gleichzeitigen, negativen Deutung des türkischen Mannes als triebgesteuerter Charakter. Die Vorstellung, dass Probleme wie patriarchale Gesellschaftsstrukturen und Unterdrückung der Frau nur ein Problem der Türkei sei und nicht ebenfalls, wenn auch in einer anderen Form, im eigenen Land, fügte sich in eine Vorstellung über eine rückwärtsgewandte Kultur ein. Dies zeigte sich auch häufig in Gesprächen über Kopftücher und der Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft.

Wie oft die türkische Gesellschaft im orientalistischen Konstrukt als passive und in einer sich nicht ihrer selbst mächtigen Position gesehen wird, stellt sich im „Erasmus Social“-Programm exemplarisch dar. Bekannte, die selbst beteiligt waren, erzählten, wie aufregend es gewesen sei, dass Erasmusausflüge organisiert wurden, bei denen „wir europäische Studierende“ zu „den hilfsbedürftigen Menschen“ gekarrt wurden und diesen für ein paar Stunden „helfen“ konnten. So besuchte mensch dann die „armen anatolischen“ Kinder, unterrichtete diese für paar Stunden, spielte mit ihnen und machte gemeinsame Fotos. Verbunden wurde eine dieser Aktionen mit dem Aufruf, die tolle, vielfältige Kultur Europas zu denen zu bringen, die sie sonst nie kennen lernen würden. Hierbei kam es zu einer äußerst paternalistischen sowie neokolonialen Blickweise auf Menschen, die angeblich auf Hilfe von den besonderen, kulturell privilegierten Europäer*innen angewiesen. Sie selbst werden nicht als selbstständige Akteur*innen, sondern nur als passive Objekte wahrgenommen, die dadurch verstummten.

Ein weiterer Teil orientalistischer Denkweise, der häufiger in Gesprächen geäußert wurde, ist die Frage der sogenannten Authentizität und darin beinhaltenden Gegensatzkonstruktionen von westlicher und traditioneller, hiesiger Kultur. So bestand bei Teilen der Erasmusteilnehmenden der Wunsch nach dem Kennenlernen „authentischer“ türkischer Kultur. Was das genau war, blieb meist chiffrenartig, doch in der Regel waren dies Vorstellungen über die „echte“ türkische Kultur als traditionelle, arme und/oder konservative. Es wurde dabei implizit der Teil offener, multikultureller, „moderner“ Lebensweisen als das nicht-authentische und damit nicht als das kulturell eigene zugesprochen. Ähnliches fand sich in dem Gegensatzdenken westlich-nichtwestlich/traditionell wieder. Es ist offensichtlich, dass sich die Türkei mit der Staatsgründung Atatürks an westlicher Kultur ausgerichtet hat, zugleich besteht in dieser Gegensatzdenkweise jedoch auch ein Ansatz, das Eigene an dieser „westlichen Kultur“ abzuerkennen und nicht der Türkei und ihrer Geschichte zuzusprechen. Dies wurde teilweise bei Aussagen auf die Spitze getrieben, bei denen es darum ging, dass der Westen die Kultur in die Türkei gebracht hätte und diese nun von den reaktionären Kräften zunichte gemacht werden würde. Es fand sich auch in Aussprüchen wieder, in denen Atatürk als einer von „uns“ (der westlich, zivilisierten Gesellschaft) bezeichnet wurde. Neben dem, dass dabei wieder der Eigenwert Atatürks für die türkische Geschichte abgesprochen wird, findet keinerlei kritische Auseinandersetzung mit dessen nationalistischen, diskriminierenden und undemokratischen Regierungshandlungen statt. Die traditionellen Gesellschaftsteile wurden sodann meist mit einem reaktionären Islam verbunden. So ist gerade auch die Perspektive auf den Islam häufig von orientalistischen Konstruktionen verstellt, in denen dieser vereinheitlicht und nur als rückwärtsgewandt, fundamentalistisch, frauenverachtend oder gefährlich wahrgenommen wird. Wissen über die Vielseitigkeit sowie progressiven Bewegungen innerhalb des Islams bestanden allzu oft nicht.

Auf orientalistische Bilder wurde jedoch auch von türkischer Seite zurückgegriffen. So reproduziert natürlich der Tourismus, der nach wie vor abhängig von westlichen Touristen ist, diese Bilder passend zur Kundschaft, indem zum Beispiel gestellte Gruppenfotos als Sultan mit Haremsdamen angeboten werden. Genauso traten die Reproduktionen in den alltäglichen Erlebnissen auf, wenn zum Beispiel manche türkische Studierende, Dozierende in der Uni oder türkische Freund*innen von der trägen und unzuverlässigen türkischen „Mentalität“ berichteten und die leistungsfähigen und disziplinierten Europäer*innen beschworen oder die lokale ESN-Gruppe mal eine Bauchtanzveranstaltung, mal ein paternalistisches “Social Project” organisierte.

Egal auf welcher Seite Bezug auf diesen Diskurs genommen wurde, zeigte sich immer wieder seine Wirkmächtigkeit. Der Widerspruch bei nebenläufigen, als „Scherz“ gemeinten, in der Peergroup gefeierten Aussagen oder organisierten, problematischen Events blieb und bleibt schwierig. Der Diskurs verhält sich damit wechselseitig, er wird von beiden Seiten mit konstruiert. Die festen, vorgegebenen Kategorien funktionieren zu einfach, sie werden gefüllt mit einzelnen Erfahrungen und gestützt von dem vorgegebenen kulturellen Wissen über das „Andere“.

Wie oben schon erwähnt, haben diese Denkweisen strukturelle Gründe und sollten deshalb nicht als moralische Vorwürfe verstanden werden. Aus einer europäisch sozialisierten Perspektive kommend, in der Rassismus besonders gegen Muslim*innen und anderes xenophobes Gedankengut immer populärer werden und die politische Diskussionskultur prägen, wundert es nicht, wenn gewisse Bilder davon (wenn teilweise auch unbewusst) reproduziert werden. Dies zeigt jedoch auch die Notwendigkeit, stetig über gesellschaftliche und eigene Vorstellungen über die türkische Kultur kritisch zu reflektieren sowie Mut zum Widerspruch gegenüber dem herrschenden Diskurs zu haben.

Und wie nun eine Postkarte schreiben?

Da sind wir also und schreiben Postkarten an Eltern, Großeltern und Freunde. Die Karten zeigen die Hagia Sofia, die Sultan Ahmet Moschee oder den Basar im goldenen Licht und sie alle rufen bei den Daheimgebliebenen die Vorstellungen vom fernen Orient hervor. Auch der Inhalt unserer Karten knüpft natürlich schnell daran an. Wir berichten vom Muezzin-Ruf, der uns morgens aus dem Schlaf reißt, sprechen von unserem Leben auf der Schwelle des Orients und machen vielleicht noch einen Witz über den „neuen Sultan“ in Ankara. Ohne es zu wollen, reproduzieren wir alte Orientbilder in den Köpfen anderer Menschen und treten in die Fußstapfen der Orientalisten, die ihren europäischen Landsmännern und Frauen die fremde Welt erklärten.

Aber was nun? Können die paar Sätze einer Postkarte den Orientalismus widerlegen? Nein, deshalb ist es ja soviel einfacher, sich einiger Klischees zu bedienen. Aber gerade in Zeiten, in denen die Berührungsängste zwischen der Türkei und Deutschland wieder zunehmen, ist es wichtig, Klischees und einer vermeintlichen Fremdheit nicht das Wort zu reden. Unsere nächsten Postkarten jedenfalls handeln von der bunten, lauten und unglaublich mutigen Demo zum Weltfrauentag oder der alten Dame (mit Kopftuch), in deren Kiosk mensch auch weit nach zehn Uhr abends noch eine Flasche Raki bekommt. Keine Abweichungen von der Norm, sondern ganz normal!

Text: Malte Spielmann & Tim Wolff
Bild: Maximiliane Wittek

Redaktion: Judith Blumberg