Namen deuten auf Dinge. Namen deuten aber auch auf uns. Sie unterscheiden uns von anderen Mitgliedern unserer Familie, unseren Freunden. Namen erzählen etwas über uns und über diejenigen, die uns die Namen gaben. Obwohl alle Kulturen auf der Welt unterschiedliche Traditionen hervor gebracht haben, sind die Querverbindungen und gemeinsamen Ursprünge erstaunlich. Der Beginn einer Reise zu den Namen unserer Völker:

Mein Opa heißt Ernst. Ein schöner Name. Ernst ist kurz und prägnant. Ich kenne sonst niemanden, der diesen Namen trägt. Vor 100 Jahren wäre das noch ganz anders gewesen. Doch was mich am Namen meines Großvaters besonders fasziniert ist der Umstand, dass er eine eins-zu-eins-übertragbare Bedeutung hat. Ernst ist sowohl ein Substantiv als auch ein Adjektiv, dessen wir uns ganz normal bedienen. Im Deutschen ist der Gebrauch von Wörtern der Alltagssprache als Namen allerdings eine Ausnahme. Erst nach längerem Überlegen und mit der Hilfe von Facebook-Freund*innen bin ich auf die sehr übersichtliche Sammlung von Friede, Wolf, Rosa, August, und Wolke gekommen. Als modern lassen sich diese Namen jedoch nicht bezeichnen.

Ganz anders ist es bei türkischen Namen. Hier ist ein großer Teil der Vornamen auch in der Alltagssprache zu finden. Unter den zehn beliebtesten Namen für neugeborene Mädchen im letzten Jahr fanden sich beispielsweise Eylül (September), Defne (Lorbeer) und Nehir (Bach). Auch viele andere bekannte Namen haben alltägliche Bedeutungen. Die Jungennamen Barış (Friede), Savaş (Krieg) und Can (Leben) oder die Mädchennamen Yağmur (Regen), Toprak (Erde) und Dilek (Wunsch) sind weit verbreitet. Manche Namen passen auch für beide Geschlechter, so zum Beispiel Deniz (Meer) und Rüzgar (Wind).

Die Bausteine alter Namen 

Eine Gemeinsamkeit bei der Herkunft deutscher und türkischer Namen gibt es allerdings doch. Dafür muss ein wenig in die Vergangenheit geschaut werden. Denn die Ahnen beider (Sprach-)Völker setzten Namen aus einzelnen Wortgliedern sinnvoll zusammen. Bei den Germanen war dies sogar lange Zeit die einzige Quelle für Vornamen. Auch nach 2000 Jahren werden sie genutzt und feierten in den letzten Jahren sogar stellenweise ein Comeback. Bei einigen Teilwörtern, wie ‘hold’, ‘gud’, ‘hart’ oder ‘sieg’ liegt die Bedeutung auf der Hand. Andere Wörter werden im Hochdeutschen nicht mehr verwendet oder sind nicht so leicht herzuleiten. Dazu gehören ‘her’ (Armee, Heer), ‘ger’ (Speer), ‘bert’ (hell) und ‘run’ (Zauber). Doch die daraus zusammengesetzten Namen sind uns noch immer wohlbekannt, denken wir an Gerhart, Siegrun oder Berthold. Gleiches gilt für türkische Namen, die teilweise aus nicht mehr gebräuchlichen Vokabeln zusammengefügt sind. Ein gutes Beispiel ist hier die Silbe ‘er’. Sie bedeutete früher so viel wie Mann oder männlich und wird heute lediglich als niedrigster militärischer Rang benutzt. Doch in Namen lebt sie weiter und bildet hier viele Kombinationen. Aus dem Imperativ von olmak (sein) wird so Erol (Sei ein Mann!). Mit der Silbe ‘ön’ (vor-) wird ‘er’ zu Öner (der Erste [Mann]). Berühmt ist sicherlich auch der (ursprüngliche) Vorname Erdoğan, der mit dem Wortteil doğan (geboren) in etwa ‘als Soldat/Mann geboren’ bedeutet.

Sag mir, wie du heißt – Ich sag dir, wer du bist

Natürlich beschränken sich Vornamen in der heutigen Zeit nicht allein auf die eigene Tradition. Im Laufe der Jahrhunderte und besonders unter dem Einfluss anderer Kulturen wurden sowohl im Türkischen als auch im Deutschen viele Namen integriert. Religiöse Namen spielen dabei eine besondere Rolle. Seit dem 7. Jahrhundert, als sich die Christianisierung unter den Germanen durchgesetzt hatte, fanden auch biblisch-hebräische Namen und ihre Abwandlungen Einzug in den Sprachgebrauch. Johannes und seine Kurzformen Hannes, Hans und Johann sind dafür schöne Beispiele. Analog dazu wurden zahlreiche koranisch-arabische Namen unter Türken populär, nachdem sie Anhänger des Islams wurden. Ein interessantes Beispiel ist hier der Name Mehmet, der sich von Mohammed ableitet. Mehmet entstand als türkische Abwandlung, da sich Eltern nicht sicher waren, ob der Sohn später einmal dem Namen des Propheten mit besonderer Religiosität gerecht würde. Heute ist die Form Muhammed jedoch genauso weit verbreitet, wie die eingetürkte Variante. 2016 lag sie auf Platz 10 der beliebtesten Namen für Jungen. Nur einen Platz hinter Mehmet auf Platz 9.

Namen sind Kultur, Kultur sind wir zusammen

Zahlreiche römisch-lateinische Namen (Martin, Claudia), aber auch die modernen Namen aus Skandinavien (Björn), Frankreich (Nadine) und dem angelsächsischen Sprachraum (Jennifer, Mike) belegen eindrucksvoll, dass es bei kulturellem Austausch auch zur Integration von Vornamen kommt. Selbiges gilt für die türkischen Namen, die ihre Wurzeln auch im Persischen (Mert, Levent) und Griechischen (Filiz, Defne) haben. Umso verwunderlicher ist es jedoch, dass der bloße Kontakt mit anderen Sprachvölkern nicht ausreichend ist, exotische Namen bei den eigenen Kindern zu verwenden. Trotz der Globalisierung und der hohen Reisefreudigkeit der Deutschen finden sich kaum thailändische, indische oder chinesische Namen in Deutschland. Auch eine starke Einwanderung in den letzten 50 Jahren führte nicht dazu, dass die Namen der jeweiligen Migrationsgruppen sich mit denen der Deutschen mischten. Schade eigentlich, denn es würde die kulturelle Verbundenheit und ihren Austausch untereinander besser zum Ausdruck bringen, wenn ein paar deutschtürkische Kinder, die auf die Namen Enno oder Finja hören, und ein paar deutsche Kids, die Melek oder Cem heißen, zusammen in den Schulklassen sitzen würden. Kultureller Austausch beschränkt sich schließlich nicht auf Döner und Mercedes.

Wobei, ganz stimmt das auch wieder nicht. Denn es gibt tatsächlich ein paar Namen, die sowohl unter Türk*innen als auch unter Deutschen zu finden sind. Zumindest in ihren jeweiligen Formen. Sibel und Sibylle leiten sich beide aus der griechischen Mythologie ab. Yusuf und Josef haben einen gemeinsamen Ahnen im Hebräischen und Iskender und Alexander waren nicht nur zu Zeiten des großen Eroberers modern. Selbiges gilt auch für Yasemin und Jasmin, die nicht nur ihre metaphorischen Wurzeln in Persien haben. Wenn auch der heutige Austausch (bisher) wegfällt, so haben wir doch eine Überschneidung in unserer kulturellen Herkunft.

Wo die Reise heute hingeht

Am Anfang dieses Textes stand der Name meines Großvaters. Auch wenn diese Zeilen noch nicht das Ende des Beitrags bedeuten, so finde ich es schon jetzt auf eine schöne Art faszinierend, auf welche Recherchereise mich ein simpler Vorname geleitet hat. Zugegeben, mit Namen habe ich mich schon immer gerne beschäftigt und mein eingangs erwähnter Aufruf auf Facebook löste erstaunlich viele Kommentare aus. Es stellt sich die Frage, warum dem so ist. Vielleicht liegt es daran, dass Namen manchmal mehr über uns und unsere Herkunft aussagen, als uns lieb ist. Das bezieht sich nicht nur auf die geografische Herkunft, sondern beispielsweise auch auf die Religiosität oder politische Einstellung der Eltern. Bei der Religion scheint dies auf der Hand zu liegen. In der Türkei stellt man beispielsweise fest, dass alevitische Familien überdurchschnittlich oft ihre Söhne Ali oder Cem nennen. Auf der anderen Seite spielen Modeerscheinungen, die durch Massenmedien vermittelt werden, eine große Rolle. Stichwort Kevin. Auch politische Ansichten beeinflussen die Namensgebung stark. Söhne von Kemalisten tragen oft den Namen Kemal als Zweitnamen, um die Verbundenheit zu Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk auszudrücken. In den letzten Jahren kursierten in türkischen Medien immer wieder Meldungen, nach denen Eltern ihre Kinder Recep, Tayyip und Erdoğan nannten. So geschehen bei Drillingen, die im vergangenen Jahr in Sivas das Licht der Welt erblickten.

Was bleibt bist du, bin ich, sind sie

Unsere Namen sind etwas unglaublich Persönliches und Intimes. Dennoch tragen wir sie unser ganzes Leben mit uns herum und sehr offen vor uns her. Sie dienen zur Identifikation, sowohl im positiven als auch negativen Sinne. Unsere Namen deuten auf uns. Sie beschreiben uns vielleicht ein bisschen. Oder sind wir am Ende selbst unsere Namen?

Die Regisseurin Tessa Knapp veröffentlichte 2010 den Kurzfilm „99 Beautiful“, der eine Reihe Türkinnen und Türken zeigt, deren Namen eine direkt übertragbare Bedeutung haben. In wenigen Sätzen schildern sie, was sie mit ihrem Namen verbinden. Welche Schwierigkeiten sie mit der Entscheidung ihrer Eltern haben, kommt ebenso zur Sprache, wie die Kraft, die sie aus der zunächst rein objektiven Bezeichnung ihrer Person ziehen.

„Ich bin Can“, sagt da ein junger Mann in Karohemd und Pullunder. „Can bedeutet Leben oder jeden Atemzug, den man nimmt.“ Zunächst brechen seine Worte. Er schaut zu Boden und überlegt bevor er fortfährt: „Als ich ein Kind war sagte meine Großmutter, dass der Name vom Himmel auf denjenigen fällt, der ihn dann bekommt. Inzwischen sehe ich das so: Can ist nicht mein Name. Ich bin Can. Ich bin mein Leben.“

Text: Navid Linnemann
Redaktion: Aydanur Şentürk
Foto: Navid Linnemann, Eva Feuchter

Video: Tessa Knapp, 99 BEAUTIFUL, 2010