Wenn man Istanbul zum ersten Mal besucht, fallen einem sofort die vielen Straßenkatzen auf. Sie sind ein Teil des Stadtbildes. Die Katzen liegen gemütlich an sonnigen Plätzen, streichen Teetrinkern um die Beine, stolzieren über die Straßen und Dächer dieser Stadt. In vielen Ecken Istanbuls sieht man Katzenhäuschen, mehrstöckig sogar, die vom Bezirk oder Privatleuten aufgestellt werden. An manchen Hauseingängen stehen kleine Trinkgefäße und Futterhaufen, an denen sich die Katzen bedienen können. Es gibt unzählige von ihnen, den Katzen Istanbuls. Nachts hört man manchmal Kampfschreie oder Klagelaute. Jetzt, wo es kälter ist, sieht man öfter zugeschwollene Katzengesichter, abgemagerte Leiber, zerrupftes Fell. Lebt man lange in dieser Stadt, so gewöhnt man sich irgendwie an den Anblick, oder schaut halt weg. Manche tun das nicht und nehmen sich der Tiere immer wieder an.

Nina kam 2005 nach Istanbul und ging dann nie wieder richtig weg. Zusammen mit Tobias begann sie, sich um die Katzen in ihrem Umfeld zu kümmern, ihnen Futter zu bringen. Und daraus entstand dann mehr: Tierarztbesuche, Impfungen, Aufnahme von kranken Tieren über einen gewissen Zeitraum und sogar Vermittlungen von Katzen nach Deutschland.

“Irgendwie sind wir da so reingerutscht”, sagt Nina. Und aus dem Impuls zu helfen entstand letztendlich die Plattform Streetcats Istanbul, eine Facebookseite, und seit Oktober auch eine Webseite, auf der man den Werdegang von bestimmten Katzen verfolgen, kranken Tieren Medikamente und Augenoperationen bezahlen kann oder auch selbst eine Katze für einen kurzen oder längeren Zeitpunkt zu sich nehmen kann.

Doch welchen Katzen nehmen sich Streetcats Istanbul an? Es gibt so viele Katzen, die krank sind, hungern und auch in Istanbuls Straßen umkommen. “Das ist eigentlich Zufall”, sagt Nina. “Da wo wir Not sehen, greifen wir ein und versuchen, etwas zu ändern.” Das können ausgemergelte Katzen aus der Nachtbarschaft sein oder verwundete Katzen, die einem auf der Straße über den Weg laufen. Es kam auch öfter vor, dass Nina und Tobias von Bekannten Anrufe bekamen. Sogar Fremde wenden sich inzwischen an die Plattform. Einmal, so erzählt Nina, habe sie nur ein Foto von einer kranken Katze und den Bezirk, in dem sie gesichtet wurde zugeschickt bekommen. Nina fuhr los und suchte stundenlang nach der Katze auf dem Foto. Sie fand sie, verhalf ihr gesund zu werden und entließ sie dann wieder in die Freiheit. “Wir können nicht jeder Katze helfen. Wir können uns aber dem Leid gegenüber öffnen und dort helfen, wo wir es sehen. Ich habe mir aber auch abgewöhnt zu denken: was passiert, nachdem ich geholfen habe? Wenn man sich das fragt, dann könnte man verzweifeln. Aber ich glaube, jede kleine Hilfe zählt. Und eigentlich können wir im Kleinen viel tun. Und den Katzen um uns herum ein glücklicheres Leben ermöglichen.”  Und dass es viele gibt, die in ihrem Umfeld helfen wollen, das zeigt die Resonanz, die diese Plattform bis nach Deutschland hin erfährt.

Mit Streetcats Istanbul wollen Nina und Tobias das Bewusstsein für die Katzen in Istanbul schaffen aber auch konkrete Anleitung bieten, wie Katzen auf der Straße geholfen werden kann. Sei es von der Ferne aus oder vor Ort. “Viele Erasmusstudenten kommen zum Beispiel nach Istanbul und wollen helfen. Die sind für das Leid der Tiere hier noch sensibilisiert und wollen etwas tun. Aber sie wissen oft nicht was und wie.” Für solche Menschen will Streetcats Istanbul Ansprechpartner sein. Doch auch aus Deutschland können Menschen helfen. “Wenn man Katzen mag und helfen will, ist es egal von wo. Und durch die Sprache und Verbindung nach Deutschland, sprechen wir natürlich auch die Menschen dort an.” Damit auch Menschen von weit weg sich der Katzen annehmen können, hat ihnen Nina die Tiere virtuell nahe gebracht. Auf der Webseite Streetcats Istanbul, werden Katzen und ihre Charaktere vorgestellt und Fotos werden hochgeladen, sodass die Menschen sich mit den Tieren vertraut machen können. Gleichzeitig gibt es einen virtuellen Shop in dem man per Mausclick bestimmten Katzen Futter, eine warme Decke oder eine Impfung bezahlen kann.

So ist man dann auf virtuelle Weise ganz nah dran an den Straßenkatzen, die in Istanbul zuhause sind. Doch Nina und Tobias haben auch Geschichten zu erzählen, bei denen die Katzen den Weg nach Deutschland gemacht haben.

Mollie zum Beispiel ist eine Katze, die in Bremen ein Zuhause gefunden hat. Ihre Besitzerin erzählt von einer unerschrockenen Katze, die gleich nach dem langen Weg im Flieger ihre neue Umgebung mit Freude einnahm. “Sie liebt es im Garten zu spielen oder durch die Nachbarschaft zu streifen. Oft begleitet sie uns, wenn wir mit unserem Hund spazieren gehen.  Und wenn wir tagsüber nicht da sind, weiß sie genau, wo sie in der Nachbarschaft ihre Streicheleinheiten und Leckerlies bekommt.” Den Winter und das kalte Wetter mag Mollie allerdings immer noch nicht. Da ist sie ganz Istanbulanerin. Wer Streetcats Istanbul unterstützen möchte, der kann auf der Webseite näheres erfahren.

Fotografie: Bora Yeter