Ab in den Matsch. In dem Atölye Çamur, dem Schlamm-Workshop von NaturPirat geht es darum: Dreckig werden. Rummatschen. Die nackten Zehen in die Erde graben, Klumpen aus Lehm zusammenpanschen, damit Lehmhäuser und Lehmskulpturen basteln und sich komplett in dieser Arbeit verlieren.  Denn: Eine solche Auseinandersetzung mit der Erde und der Natur, die ist in einer Riesenstadt wie Istanbul eine Seltenheit.
“Hier werden Appartement-Kinder groß, die in den ersten Jahren das Haus kaum verlassen”, erzählt Gitte Vogel-Şirin, Mitbegründerin von NaturPirat. “In unseren Workshops können sie rauskommen, sich ausleben und kreativ werden.”
Wir sitzen am Rande eines Waldstückes – in Istanbul ein Ort der Seltenheit – vor den Gebäuden des UNIQ-Istanbul Kulturzentrums. Dieses Zentrum hat zusammen mit Xtrem Aventures Istanbul den Workshop gesponsort. Während der Woche kamen Schulklassen aus unterschiedlichen privaten und öffentlichen Schulen vorbei. Am Wochenende ist der Workshop nun offen für jedermann.

Viele Eltern haben die Gelegenheit genutzt und sind mit ihren Kindern vorbeigekommen. In zwei markierten Quadraten wird der Lehm hergestellt. Hier vermischen die Kinder Stroh, Sand, lehmige Erde und Wasser und formen den Matsch zu tennisballgroßen Klumpen. Diese Klumpen werden dann dorthingebracht, wo andere schon mit Ästen und Zweigen Gerüste gebaut haben, welche dann vom Matsch ummantelt werden. Eda Cizioglu, die Zweite im Bunde des Projektes NaturPirat koordiniert dort eine Bande kleiner Kinder auf türkisch, deutsch und englisch – was gerade so funktioniert – die munter mit dem Lehm rummanschen und mit Pinseln die Massen verkleben. Unter ihnen ist auch der fünfjährige Deniz. Konzentriert zieht er seine Pinselstriche. Deniz’ Vater erzählt mir, dass er von einem Freund – bei NaturPirat läuft die Werbung bis jetzt vor allem durchs Hörensagen – von dem Workshop erfahren hat und sofort begeistert war. “Zwar haben wir einen kleinen Garten, aber doch nicht genug Platz, damit Deniz dort wirklich so ausgelassen spielen kann”, sagt er.  Er ist mit seinem Sohn hergekommen, um ihm das Spielen in der Natur zu ermöglichen, abseits vom Lärm und Stress der Großstadt.

Dass die Istanbuler Großstadtkinder sich mit dem Spielen im Dreck erst vertraut machen müssen verstehe ich, als ich eine Mutter beobachte,  die ihr dreijähriges Kind zu einem der Quadrate bringt, in denen rumgematscht und Lehm gemixt wird. Das Mädchen traut sich nicht, mit den nackten Füßen in die matschige Masse zu treten. Da helfen auch die Überzeugungsversuche der Mutter nicht. Das Misstrauen gegenüber dem Unbekannten ist noch zu groß. Doch ist der erste Schritt überwunden, spielen die Kinder stundenlang im Matsch, bauen an ihren Lehmhäusern herum, gestalten große Skulpturen selbst, arbeiten miteinander und planschen dann am Ende beim Saubermachen ausgelassen mit ihren Füßen in den bereitgestellten Wasserbehältern.

Der Schlamm-Workshop von NaturPirat erfreut sich in Schulen und Organisationen für Kinder großer Beliebtheit. In der Natur zu sein, sich mit beiden Händen zu betätigen, der Fantasie freien Lauf zu lassen und mit Stöcken, Sand und Wasser etwas zu bauen, das regt die Fantasie, die Teamfähigkeit und Selbstständigkeit der Kinder an. Und die nackten Hände und Füße in Schlamm zu vergraben, das macht auch einfach glücklich. Auf dem Land oder in grüneren Städten ist das Barfußgefühl und der Umgang mit der Erde vielleicht keine Seltenheit. In Istanbul aber, einer Betonstadt mit über 15 Millionen Einwohnern dicht an dicht, ist das tatsächlich Luxus.

Gitte und Eda bringen nun seit gut einem Jahr den Schlamm an den Mann. Entstanden ist das Ganze spontan und war erst einmal auch Selbstzweck für Gitte, Landei aus Deutschland, die in Istanbul selbst Wald und Erde vermisste und ihrem Sohn mehr bieten wollte als ein paar Quadratmeter Beton. Jetzt profitieren viele Istanbuler Kinder von Gittes Sehnsucht. Allein in dieser Workshop-Woche haben ungefähr 170 Kinder ihre nackten Füße in Gittes und Edas Schlamm gesteckt und ein bisschen Erdboden zwischen den Zehen gefühlt.