Es ist Freitag Mittag und ich komme – ein paar Gehminuten vom Taksimplatz entfernt – in der Nane Sokak 12 an, um mit Hülya von Katadrom und zwei deutschen Praktikantinnen, Jule und Nine, über das bald anstehende Changing Perspectives Short Film Festival (ICPSFF) zu sprechen. Da in Istanbul der Winter ja im April direkt vom Sommer abgelöst wird, setzen wir uns auf die wundervolle Dachterasse (in der Sonne sind es über 25°C) und ich bekomme Kaffee und Maulbeeren vom katadromeigenen Maulbeerbäumchen serviert. Als Nine und Jule später von einem „familiären Arbeitsverhältnis“ sprechen, nehme ich ihnen das gerne ab, aber dazu gleich mehr.

Die Katadrom – Arts, Culture and Social Politics Association sieht sich als Plattform für Kunst- und Kulturschaffende in Istanbul, aber nicht unbedingt aus Istanbul. Seit vier Jahren organisiert Katadrom das Changing Perspectives Short Film Festival, das vom 5. bis 8. Mai wieder an verschiedenen Orten in Beyoğlu stattfinden wird.

Mein Eindruck auf der Terasse: Irgendwie wirkt Katadrom wie eine organische, sich immer wieder wandelnde und vervollständigende Institution. Jule bringt das auf den Punkt: „Katadrom ist nicht auf der Suche oder will irgendwas sein, Katadrom ist vielmehr wie ein Magnet – Menschen, Ideen und Projekte kommen wie von selbst.“

Um auf die Frage, wie sie Anfang Februar ihren Praktikumsplatz hier gefunden haben, zu antworten, müssen Nine und Jule kurz überlegen – fühlt sich schon so lange her an! – und sprechen dann beide von Freunden, die von Katadrom, Hülya und Murat, den Zigarettchen auf dem Balkon und der spannenden Arbeit erzählten.

Die zwei Praktikantinnen aus Deutschland arbeiten offiziell als „Programmadvisors“. Während des Interviews kommt immer mal wieder jemand auf die Terrasse und möchte mit den beiden Fragen zum anstehenden Programmheftdruck oder zur Filmauswahl diskutieren.

Besonders die flachen Hierarchien gefielen ihnen gut, betonen die zwei. Man mache vieles gemeinsam, zum Beispiel die Auswahl der Filme, die Aufteilung in Sektionen, die Organisation des Festivals mit allem drum und dran. Gerade geht es in die heiße Phase: Jeden Tag stehen Jule und Nine in Kontakt mit den Filmemachenden, Programmhefte werden gedruckt, die Website aktualisiert. „Kein Tag wie der andere“, sagt Nine, wozu auch die immer offen stehende Türe beiträgt: Immer wieder mal schauen ehemalige Mitarbeitende, Neugierige, Filmschaffende vorbei und alle bekommen einen Tee oder Kaffee.

Durch ihr Praktikum haben die beiden deutschen Studentinnen auch Zugang zu einem großen Netzwerk: Katadrom organisiert nicht nur das Kurzfilmfestival, sondern in Kooperation mit internationalen Partnern werden weitere Festivals, Ausstellungen und andere Projekte verwirklicht: Zur Kulturszene Istanbuls gehören sie längst dazu.

„Wir sind professionelle Eventorganisatoren und Filmschaffende, und wir machen das hier vor allem, um jungen Menschen beizubringen, das alles einmal selbst zu machen“, sagt Hülya von Katadrom. „Ohne Praktikantinnen und Freiwillige würde hier nichts funktionieren“, betont sie. Die bleiben natürlich auch nicht von den Schwierigkeiten verschont: Da Katadrom auf Fördermittel angewiesen ist, kann oftmals bis zur letzten Minute nicht sicher gesagt werden, ob alles wie geplant ablaufen kann. „Dass das Filmfestival stattfindet, stand bis jetzt aber immer außer Frage.“ Und natürlich bleibt auch der Eintritt kostenlos. Im Gespräch mit Hülya kommen keine Zweifel auf, dass sie ihre Arbeit über alles liebt. In dem gemütlichen Büro wird jeden Tag zusammen eingekauft und gekocht, neben den Screening-Abenden gibt es Sit-Ins auf der Dachterasse und Hülya und Murat kümmern sich persönlich darum, dass jede der Praktikantinnen ein türkisches Sprachtandem bekommt.

Vor vier Jahren hatte die damals bei Katadrom beschäftigten Praktikantinnen Eigeninitiative ergriffen: Wenn Katadrom schon so viel rund um Film macht, warum dann nicht auch ein eigenes Kurzfilmfestival? Die Idee hinter dem Festival war es zu Beginn, Menschen, die sich temporär am Bosporus aufhalten, z.B. Austauschstudierenden, die Möglichkeit zu geben, ihre filmisch eingefangenen Impressionen einem Publikum zugänglich zu machen. Mit der Section Exchange Experience wurde die ursprüngliche Idee beibehalten, Filmschaffenden, die noch nicht so lange dabei sind, ein Forum zu geben.

2016 liegt bereits die vierte Edition des ICPSFF vor; der diesjährige Schwerpunkt ist Borders. Fremd sein, Globalisierung, Identität sind immer wieder Stichworte gewesen in der Geschichte des Festivals. „Und in diesen Zeiten, in denen wir leben“, sagt Hülya, „wo jeden Tag Menschen wegen Grenzen sterben, schien uns das Thema wichtig und angebracht.“ „Natürlich nicht nur im geopolitischen Sinne, sondern bezogen auf alle möglichen Grenzen, die wir haben: physisch, mental, sexuell – alles was einschränkt und beschränkt, aber auch die positiven Aspekte dessen: sich der eigenen Grenzen bewusst zu werden, diese zu überwinden“, sagt Nine. In der Diskussion um das Thema entstand die Idee, weder beim Screening noch im Programmheft Länder zu den Filmen nennen, „Wir leben im 21. Jahrhundert, es ist Zeit, dass wir diese Grenzen mal aus den Köpfen herausbekommen“, meint Jule. Wie die Zuschauer darauf reagieren, wird sich zeigen.

Direkt als deutsch-türkisches Filmfestival möchte Hülya das ICPSFF nicht bezeichnen, aber der Magnet Katadrom zieht anscheinend immer wieder deutsche Kulturschaffende an: es gibt überdurchschnittlich viele Filmeinsendungen aus Deutschland.

Neben dem eigentlichen Festivalprogramm gibt es noch begleitende Programmpunkte: das Festival wird eröffnet mit einer Fotografieausstellung von Charlotte Schmitz im Supa – einer wunderschönen, als Kunstraum hergerichteten Altbauwohnung in der Suriye Pasaji. Charlotte Schmitz hat Polaroids von Geflüchteten gemacht und diese darauf zu Wort kommen lassen. Auch von MAVIBLAU wird es einen Workshop geben.

Das Konzept ist ein Take Away Filmfestival: Das heißt, später geht das ganze Festivalpaket nach Berlin in Deutschland und Yogyakarta in Indonesien. Zum Glück haben wir es aber erst einmal in Istanbul.

Weitere Informationen, Programm unter: https://icpsff.com/

Text: Marie Lemser
Bilder: Katadrom
Redaktion: Franziska Müller