Wir fahren mit der Fähre rüber nach Eminönü und treffen uns mit der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke, genauer gesagt mit Ceyda Özdemir, Projektmanagerin des Jugendbrücke-Büros in Istanbul, um sie und die Jugendbrücke näher kennenzulernen. Ceyda machte ihr Abitur an der Deutschen Schule in Istanbul, studierte Internationale Beziehungen an der Istanbul Universität und arbeitete anschließend 10 Jahre lang als Projektmanagerin im privaten Unternehmenssektor, davon einige Jahre im Corporate Social Responsibility Bereich. Dies öffnete ihr die Türen zum sozialen Arbeitsfeld. „Mein Wunsch war es, sozialen Nutzen zu produzieren und mich nicht ausschließlich auf profitorientierte Arbeit zu fokussieren“, erzählt uns Ceyda. So landete sie 2013 im Programmbüro der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke in Istanbul. Was die Jugendbrücke genau ist und wie man mitmachen kann, erzählte sie uns in einem Gespräch – ein Blick hinter die Kulissen.

Die Deutsch-Türkische Jugendbrücke ist…

…eine Initiative der Stiftung Mercator, die ihren Hauptsitz in Essen hat. Sie setzt sich für den deutsch-türkischen Jugendaustausch ein und intensiviert die Beziehungen beider Länder. Ziel ist es, Toleranz und Verständnis füreinander zu schaffen. Die Jugendbrücke wurde 2012 als gemeinnützige GmbH in Düsseldorf gegründet und ist im Familienministerium angesiedelt. Ein Programmbüro in der Türkei zu eröffnen, stand zur Diskussion und entstand schließlich in Kooperation mit der in Istanbul angesiedelten Jugendorganisation TOG (Toplum Gönüllüleri Vakfı) Stiftung Freiwillige der Gesellschaft, unter deren „Schirmherrschaft“ das Programmbüro Türkei der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke heute arbeitet. TOG ist die älteste und größte Jugendorganisation in der Türkei und arbeitet vorwiegend mit Studierenden. Gemeinsam engagieren sich die Mitglieder ehrenamtlich für gesellschaftsrelevante Themen und stellen gemeinnützige Projekte auf die Beine. „Bilim Tohumlari“ (dt.: Wissenschaftssaat) ist nur ein Projektbeispiel von vielen: hier besuchen Studierende Dörfer in der Türkei und führen mit Kindern kleine wissenschaftliche Experimente durch.

Die Deutsch-Türkische Jugendbrücke engagiert sich für…

…den Jugendaustausch zwischen jungen Menschen aus der Türkei und aus Deutschland und bringt sie durch verschiedene Austauschprogramme zusammen. Bevor die Aktivitäten der Jugendbrücke so richtig losgingen, fand ein reger Ideenaustausch statt: Es wurden runde Tische, bei denen zum einen deutsche und türkische ExpertInnen der Jugendarbeit und zum anderen junge Menschen zwischen 12 und 30 Jahren aus beiden Ländern zusammenkamen, organisiert, um gemeinsam zu überlegen, wie die Zukunft der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke aussehen könne. Die Ziele der Organisation sind, dass Jugendliche beider Gesellschaften sich gegenseitig kennenlernen, Freundschaften knüpfen, Vorurteile abbauen und die Zukunft Europas gemeinsam gestalten. Ein weiteres elementares Anliegen ist die Erhöhung der Mobilität der Jugendlichen. „Wenn wir uns Austauschprogramme zum Beispiel zwischen Deutschland und Polen oder Deutschland und Frankreich genauer anschauen, sehen wir, dass es hunderttausende gibt. Zwischen Deutschland und der Türkei hingegen gibt es nur ein paar hundert“, teilt uns Ceyda mit. „Das wollen wir ändern.“
Als es dann um konkrete Projektdurchführungen ging, entstanden vielseitige, soziale und kreative Projekte, in denen sich die Jugendlichen kennenlernen sowie individuell und gemeinsam entfalten können. In Antalya wurde zum Beispiel das Projekt „Get Things Moving“ durchgeführt, bei dem Sport als Methode für den sozialen Dialog eingesetzt wurde. In Köln wurde im Rahmen des Tanzprojektes „Bridging Rhythms“ eine Woche lang gemeinsam getanzt, Musik gemacht und das Eingeübte anschließend im Arkadaş Theater aufgeführt. In Çanakkale und Leipzig fand das Projekt „Creative Bridges Lab – Visual Storytelling“ statt, bei dem Jugendliche die Herausforderungen und den sozialen Wandel mit eigenen Fotografien eingefangen und dann ausgestellt haben.

Außerdem kann man bei der Jugendbrücke finanzielle Förderungen für deutsch-türkische Projekte beantragen. Bewerben können sich gemeinnützige Institutionen, wie zum Beispiel Schulen, Universitäten, Stiftungen, Vereine und Jugendzentren, mit Sitz in der Türkei oder in Deutschland. Wer also ein deutsch-türkisches Projekt im sozialen Bereich und/oder im Bereich von Kunst, Kultur und Sport auf die Beine stellen möchte, für den ist die Jugendbrücke die passende Anlaufstelle. Auch für das Schreiben eines Projekts steht sie in Form von Beratung zur Verfügung.

Mitmachen…

…kann man im Rahmen eines Europäischen Freiwilligendienstes (EVS), gefördert von der Europäischen Union. Aktuell ist Gizem Özcan aus Hamburg da. Seit Januar unterstützt sie tatkräftig die Aktivitäten der Jugendbrücke. Wie es dazu kam? „Bis zur 10. Klasse war ich mehr Deutsch als Türkisch. Ich bin an Weihnachten in die Kirche gegangen. Mit der türkischen Kultur hatte ich weniger zu tun“, erzählt uns Gizem. Nach dem Schulwechsel habe sich dann so einiges geändert: „Wir waren 24 Türken und 3 Deutsche in der Klasse“, in der sie, weil sie ja so gut Deutsch sprach, erst gar nicht als Türkin identifiziert wurde. „Unsere Deutschlehrerin hat uns auf Türkisch begrüßt. Da hab ich gemerkt, dass ich meine eigene Kultur eigentlich vermisse.“ Später entstand die Idee, in die Türkei zu gehen und etwas mit deutschem Bezug zu machen, um quasi die türkische und deutsche Seite miteinander zu verbinden. So stieß sie auf die Jugendbrücke, die sie als perfekten Anknüpfungspunkt wahrgenommen hat. Bis November 2016 wird sie im Programmbüro in Istanbul als Europäische Freiwillige arbeiten. Danach ist neue Unterstützung gefragt! Wer also an einem EVS interessiert ist, kann sich an die Programmmanagerin Ceyda wenden.

Besondere Momente…

…ereignen sich oft durch Zufälle. Einen Tag bevor wir sie interviewten, erlebte Ceyda solch einen. Ein Mann, der die Jugendbrücke näher kennenlernen wollte und Deutsch sprach, kam zu Ceyda ins Büro. Irgendwoher kannte sie ihn, aber sie kam einfach nicht drauf, woher. Der Groschen fiel, als der Herr seine Visitenkarte vorlegte: „Herr Stein?! …Sie waren mein Lehrer!“ Wohl wieder ein Beweis für die Dichte des deutsch-türkischen Netzwerkes.

Die Deutsch-Türkische Jugendbrücke setzt sich dafür ein, dass Jugendliche aus Deutschland und insbesondere aus der Türkei (sie haben es – das lässt sich nicht leugnen – diesbezüglich häufig schwieriger) die Möglichkeit der Mobilität bekommen, um sich kennenzulernen, ihre Beziehungen miteinander zu intensivieren und gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Diesen Einsatz sieht man nicht nur an den bisher verwirklichten Projekten, sondern auch Ceydas Worte und Gesten lassen spüren, dass die deutsch-türkische Jugendarbeit und somit auch die Jugendbrücke eine echte Herzensangelegenheit ist.

Informationen über die deutsch-türkische Jugendbrücke findet ihr hier.

Für weitere Organisationen, Vereine und Plattformen, die sich mit dem deutschsprachig-türkischen Austausch beschäftigen, schaut euch unsere MAVI-Map an und klickt euch durch die Marker.

 

 

Text: Tuğba Yalçınkaya
Bilder: Sabrina Raap
Redaktion: Marie Hartlieb

Online-Map: Mert Barış