Das kollektive kulturelle Gedächtnis prägt Denkmuster. Hinsichtlich des Verhältnisses Österreich/Türkei spielen aus österreichischer Perspektive die Türkenbelagerungen nach wie vor eine wichtige Rolle, obwohl vielschichtige und intensive Beziehungen zwischen dem Habsburgerreich und dem Osmanischen Reich gepflegt wurden. Gemeinsam war den Vielvölkerstaaten auch, dass sie nach dem Ersten Weltkrieg an Größe und Einfluss verloren und nach neuen nationalen Identitäten suchten. Auch wenn das Verhältnis zwischen den Großreichen nur bedingt auf die heutigen Nationalstaaten übertragen werden kann, haben historische Bezüge nach wie vor hohe Relevanz in den Debatten. Aber das kollektive Gedächtnis ist sozial konstruiert und daher wandelbar – neue Aspekte können diesen Referenzrahmen also verändern.

Was ich aus der Schule noch weiß

Im kollektiven Gedächtnis Österreichs, aufbauend auf Erinnerungen aus dem Geschichtsunterricht und etwas, das sich Allgemeinwissen nennt, ist das Verhältnis zwischen dem Osmanischen Reich und dem Habsburgerreich relativ rasch erzählt: die Türken (Osmanen) bedrohten die Habsburger unentwegt, rangen ihnen Gebiete am Balkan und in Ungarn ab, ritten weiter nach Norden bis die Heere schließlich vor den Toren Wiens standen. Zwei Belagerungen, 1529 und 1683, überdauerten die Wiener, gerettet wurden „wir“ beide Male von außen. Wien, das Tor zu Westeuropa, das Bollwerk des Okzidents gegen den Orient.

So zwangen bei der ersten Türkenbelagerung der einsetzende Winter und eine schlechte Versorgung das osmanische Heer zum Rückzug, bei der zweiten Belagerung rettete der Polenkönig Jan Sobieski die eingekerkerten Wiener. Tu felix Austria. Dem Mythos zufolge haben die Wiener das Beste aus der Belagerung gemacht: aus den zurückgelassenen Kaffeesäcken wurde Kaffee gekocht – der Ursprung der Wiener Kaffeehauskultur. Aus osmanischen Kanonen wurde die Pummerin, die größte Glocke des Wiener Stephansdoms, gegossen. Weiter 1914: der habsburgische Kronfolger Franz Ferdinand fiel in Serbien einem Attentat zum Opfer, die Türken zogen an der Seite Österreichs und Deutschlands in den ersten Weltkrieg. Dann der Wirtschaftsboom der 1960er Jahre und einem damit einhergehenden Arbeitskräftemangel: Gastarbeiter wurden geholt, etwas später kamen sie dann von selbst. Schon bald stellte sich heraus, dass die türkischen Gäste vielfach blieben.

Instrumentalisierung der Türkenbelagerungen

Schließlich wird Österreich 1995 EU-Mitglied. Seither setzen sich Politiker wie Wähler mit der Frage auseinander, ob die Türkei ein EU-Mitglied werden könnte und sollte. Österreich fiel dabei durch eine äußerst skeptische Haltung auf, Vertreter der katholischen Kirche brachten gar die „3. Türkenbelagerung“ durch Gastarbeiter und deren Familien auf – nationalistische Politiker verwenden diese Sujet noch immer. Aktuell scheinen die ÖsterreicherInnen mehr an der politischen Entwicklung in der Türkei interessiert zu sein, als an EU-Ländern. Auseinandersetzungen zwischen Türken und Kurden in Österreich, die Finanzierung und Organisation islamischer Schulen, Kindergärten und Moscheen, Wahlauftritt türkischer Politiker, Demonstrationen und andere Vorkommnisse werden medial wie politisch intensiv diskutiert. Aber wieso? Wirken die Ereignisse aus dem 16. und 17. Jahrhundert immer noch im kollektiven Gedächtnis nach? Türkisches Bedrohungsszenario, österreichischer Abwehrmythos? Wieso ist es nicht gelungen, das kollektive kulturelle Gedächtnis mit neuen Informationen zu füttern? Weil es politisch scheinbar nicht gewollt war – jede Zeit und jede Strömung instrumentalisierte den Abwehrkampf 1683 für ihre jeweiligen Zwecke.

Das kollektive Gedächtnis ist wandelbar

Das kollektive kulturelle Gedächtnis basiert auf Erzählungen, wird aus historischen Orten und Denkmälern gespeist, zeigt sich in Museen, Büchern, Archiven. Ausgewählte Ereignisse oder Epochen treten in den Vordergrund, andere werden vernachlässigt. So wird im kulturellen Gedächtnis aus konkreten historischen Ereignissen eine zeitenthobene Geschichte, die in ritualisierten Erzählungen und Bildern überliefert wird. Damit haben die historischen Bezüge nach wie vor hohe Relevanz in den Debatten, auch weil das kulturelle Gedächtnis immer wieder mit aktuellen, lebendigen Ereignissen verbunden werden muss, um aktuell zu bleiben. Historische und kulturelle Bilder und Traditionen sind aber nicht in Stein gemeißelt. Im Gegenteil – sie sind häufig sozial konstruiert und damit wandelbar. Um diesem kollektiven Gedächtnis zu entkommen, muss man (neue) Geschichten (wieder-)entdecken. Hier ein kleiner Anfang.

Eine Relativierung der Erinnerung

Das Habsburgerreich und das Osmanische Reich blicken auf lange freundschaftliche Kontakte zurück. Die Eroberungsversuche Wiens durch die Osmanen, die in zwei Belagerungen gipfelten, konnten relativ rasch beendet werden. Die erste Türkenbelagerung, die aufgrund des einsetzenden Winters nur 18 Tage dauerte, schien nach den erfolgreichen Eroberungen in Ungarn eher eine osmanische Machtdemonstration zu sein. Die zweite Belagerung begann am 14. Juli 1683 unter Großwesir Kara Mustafa Pascha und endete mit der Schlacht am Kahlenberg gegen das Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Johann III. (Jan) Sobieski am 12. September 1683. Berüchtigt waren die Osmanen, die im Umland von Wien ganze Ortschaften plünderten und verwüsteten, deren Bewohner töteten, vertrieben oder verschleppten. Auch in Wien selbst waren viele Opfer zu beklagen. An diese Belagerung wird mit über 100 Denkmälern, Gedenktafeln und Gemälden in ganz Wien erinnert.

Die Gründung des ersten Wiener Kaffeehauses fällt zwar in die Zeit der Türkenbelagerung, hat aber nichts mit ihr zu tun. Johannes Diodato, ein 1640 in Istanbul geborener Armenier, eröffnete 1685 das erste Kaffeehaus in Wien. Dieser sollte für Kaiser Leopold I. die Silberversorgung im Kaiserreich sichern, die nach der Ausweisung der Juden aus Wien 1669 zusammengebrochen war. Zu diesem Zweck hielt sich Diodato bis 1671 in der Türkei auf, wo er Kaffeebohnen und deren Zubereitung kennen lernte. Auch soll er als Spion in Belgrad tätig gewesen sein. Jedenfalls erhielt er 1685 als Belohnung für seine Dienste das Privileg, als einziger Händler in Wien Kaffee zu verkaufen – das erste Kaffeehaus wurde in der heutigen Rotenturmstraße im ersten Wiener Gemeindebezirk eröffnet. Diodato verstarb 1725 in Wien, ein kleiner Park im 5. Bezirk erinnert heute an seine Verdienste. Und die Pummerin, die größte Glocke in Österreichs wohl bekanntester Kirche, wurde tatsächlich 1711 zum Teil aus osmanischen Kanonen gegossen. Ironischerweise stürzte sie 1945 bei einem Brand herab und zerstörte dabei das 1883 zum 200-jährigen Gedenken errichtete Türkenbefreiungsdenkmal im Stephansdom. Beide, Denkmal und Glocke, wurden restauriert und befinden sich wieder an ihren angestammten Plätzen.

Neues Interesse am interkulturellen Austausch

Nach der Beendigung der großen Kriege des 17. Jahrhunderts ergaben sich neue Möglichkeiten des Handels und der politischen Beziehungen, insbesondere mit dem unmittelbar an die Habsburger Monarchie angrenzenden Osmanischen Reich. Im 18. Jahrhundert breitete sich gar eine Faszination für Orientalismus in Europas Königshäusern aus, freundschaftliche Beziehungen wurden zwischen den Herrscherhäusern gepflegt. Die Annäherung passiert auf wirtschaftlicher, militärischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene.

So gründete Maria Theresia die 1754 nach französischem Vorbild die „ K.K. Orientalische Akademie der morgenlandischen Sprachen“ in Wien, aus der die renommierte Diplomatische Akademie hervorgegangen ist. Bis ins späte 19. Jahrhundert leisteten die Studierenden und Lehrenden der Akademie wichtige Beiträge auf dem Fachgebiet: Sammlungen von Dokumenten und Schriftstücken, Wörterbücher und Übersetzungen von rund 2000 osmanischen Sprichwörter gehören dazu. Die Kaiserin besuchte immer wieder türkischsprachige Theateraufführungen der Zöglinge der Orientalischen Akademie, ließ sich gar mit ihrer Tochter in türkischer Tracht porträtieren. In der Musik fand „alla turka“ Verbreitung, besonders die Militärmusik wurde nach dem Beispiel der „Mehterhâne“ (türkische Militärkapellen) neu gestaltet. Komponisten ließen sich davon inspirieren, so auch Mozart, der die osmanischen Einflüsse in „Entführung aus dem Serail“ oder dem „Alla turca“-Marsch auslebt.

 Naturforschung und der Rote Halbmond

Der Türkische Rote Halbmond und das Naturhistorische Museum wurden von einem Wiener Arzt und Naturforscher mitbegründet: Karl Eduard Hammerschmidt floh in Folge der Märzrevolution 1848 in das Osmanische Reich, konvertierte zum Islam, nannte sich fortan Abdullah Bey und gründete 1869 gemeinsam mit Kırımlı Aziz Bey und Marko Paşa den Roten Halbmond. Nach einer Aussöhnung mit dem Habsburgerreich gelang es ihm sogar, wertvolle Objekte für das von ihm gegründete Naturhistorische Museum in Istanbul zu erhalten. Das Museum war an der Militärmedizinischen Akademie, heute der Haydarpasa Campus der Marmara Universität, angesiedelt. Es wurde 1918 bei einem Brand zerstört und nicht wieder aufgebaut, sodass aktuell kein Naturkundemuseum in der Türkei existiert. 2015 gestaltete Tayfun Serttaş eine Ausstellung dazu im Space X in Istanbul.

Medizinische Versorgung und Bildung

Das Österreichische St. Georgs-Krankenhaus besteht seit 1872 im Istanbuler Stadtteil Galata (Beyoğlu) und behandelt Patienten in 10 verschiedenen Sprachen. Die Gründung des Krankenhauses geht auf die Choleraepidemie von 1872 zurück. Während dieser Epidemie kamen zwei Barmherzige Schwestern aus Graz und begannen in einer Baracke mit der Krankenpflege. Weitere Schwestern folgten und unterstützten die Gründerinnen bei der Behandlung der Patienten, ungeachtet von Nationalität oder religiösem Bekenntnis. Das Avusturya Sen Jorj Hastanesi ist eines von zwei verbliebenen Ordensspitälern der Türkei, es versorgt mehr als 70.000 Patienten im Jahr, Arme und Geflüchtete kostenlos. In der Aufnahme und bei der persönlichen Betreuung von Patienten sind Schwestern aus Österreich und anderen Ländern tätig.  Die Nonnen unterrichten auch im Österreichischen St. Georgs-Kolleg, das 1882 gleich neben dem Krankenhaus vom Kölner Lazaristen Conrad Stroever für die deutschsprachige Kolonie in Istanbul gegründet wurde. 1889 übernahmen österreichische Lazaristen und die Barmherzigen Schwestern die Schule und führten sie als katholische Privatschule und Waisenhaus für deutschsprachige Kinder. In den folgenden Jahren wurde die Grundschule sukzessive ausgebaut und für alle Kinder geöffnet, bereits 1913 konnte die Reifeprüfung abgelegt werden. Nach dem ersten Weltkrieg bis zur Machtübernahme Atatürks blieb die Eliteschule geschlossen, 1938 wurde sie in „Deutsches St. Georgs-Kolleg“ umbenannt, 1944 geschlossen, 1947 wiedereröffnet. Aktuell werden rund 550 vorwiegend türkische SchülerInnen von 38 österreichischen SubventionslehrerInnen (vom öst. Bildungsministerium finanziert) und 25 türkischen LehrerInnen unterrichtet – außer Türkisch und den türkischen Kulturfächern in deutscher Sprache.

Atatürks Architekt

Der Tiroler Architekt Clemens Holzmeister hinterließ im 20. Jahrhundert Spuren in der Türkei. Als in der jungen Türkei die neue Hauptstadt Ankara geplant wurde, sollte sie zum Ausdruck der Modernisierung der Gesellschaft werden. Als Vertreter der „europäischen Moderne“ erhielt auch Holzmeister, neben einigen anderen österreichischen und deutschen Architekten um 1927 eine Berufung in die Türkei. Er war bis Mitte der 1930er Jahre mit dem Ausbau des Regierungsviertels befasst, darunter einige Ministerien, eine Kriegsschule, eine Bank und die österreichische Gesandtschaft. Holzmeisters „sachliche Monumentalität“ brachte ihm Atatürks Wertschätzung ein, dieser ließ sich auch sein eigenes Palais inklusive Inneneinrichtung von ihm errichten. 1938 erhielt Holzmeister den Auftrag zum Bau des Parlamentsgebäudes.

Noch während der Anfangsplanung erfolgte der Anschluss Österreichs an NS-Deutschland, Holzmeister wurde aus der Akademie in Wien entlassen und verbrachte die Kriegsjahre in der Türkei. Er übernahm einen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule in Istanbul. Das große Projekt des Parlaments kam erst 1963 zum Abschluss und war Holzmeisters letzte Arbeit in der Türkei.

Geschichte freilegen in Ephesos

Eine weitere Verbindung der Großreiche stellen die Ausgrabungen in Ephesos dar, die ab 1895 vom Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) geleitet wurden. Otto Benndorf, Archäologe an der Universität Wien, erhielt 1893 die Erlaubnis für ein Grabungsprojekt – mit der Genehmigung und einer großzügigen privaten Spende nahm eine der größten archäologischen Unternehmungen auf dem Gebiet der heutigen Türkei ihren Anfang. Die Arbeiten wurden aufgrund der Weltkriege ausgesetzt und erst in den 1950er Jahren wiederaufgenommen. Sie wurden seither vom ÖAI unter Beteiligung türkischer und internationaler Forschungseinrichtungen durchgeführt, im Sommer wurde allerdings in Folge politischer Spannungen das österreichische Ausgrabungsteam gesperrt.

Neue Geschichten für eine differenzierte Sichtweise

Diese Auswahl an Geschichten zeigt exemplarisch die vielfältigen Verbindungen zwischen dem Habsburgerreich und dem Osmanischen Reich bzw. Österreichs und der Türkei. Dabei fällt auf, dass der Austausch eher selektiv und einseitig stattfand, so betrieben die Osmanen keine Schulen, Krankenhäuser oder Moscheen in Wien. Erst mit dem Zuzug türkischer GastarbeiterInnen und deren Familien kamen türkische (Lebens-)Kultur, Organisationen und Institutionen nach Österreich. Jede Nation und jede Kultur führte zu jeder Zeit ihre Institutionen mit, betrieb im Zielland Einrichtungen für ihre Staatsangehörigen. Auch wenn die Belagerungen Wiens prägend waren für das kollektive Gedächtnis und diese Schemata teilweise immer noch verwendet werden, so müssen auch die positiven Geschichten und freundschaftlichen Beziehungen in den Blick rücken. Die Verbindungen waren stets von einem Auf und Ab gekennzeichnet, die Befindlichkeiten einzelner HerrscherInnen oder PolitikerInnen beeinflussten sie oft entscheidend. Die Interaktion und Kooperation, sei es auf wirtschaftlicher, institutioneller oder gesellschaftlicher Ebene, ist aktuell enger als je zuvor – was sich aber, wie uns die Geschichte ebenso lehrt, schnell ändern kann.

Text: Elisabeth Nindl
Bilder: Fatima Spiecker