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Welt oder Westen?

Eine Rezension zu Gerrit Wustmanns „Weltliteratur“

Bevor die ersten Blätter von den Bäumen fallen, versuche ich die letzten Spätsommerabende so lange wie möglich wach zu bleiben und die Zeit vor dem Herbstanfang zu verlangsamen. Ich verlängere meine Abende gerne mit guten Lektüren und meine Liste mit Werken, die ich lesen möchte, ist seit der Lektüre von Gerrit Wustmanns „Weltliteratur“ noch länger geworden. (300, wie auf Wustmanns Schreibtisch sind es aber zum Glück noch nicht).

Eins vorweg: ich habe das Bedürfnis mich für dieses Buch zu bedanken und dafür, wie klar und eindeutig es formuliert und kritisiert, was längst überfällig ist: Wo Weltliteratur drauf steht, ist meist keine drin, sondern eigentlich ein ‘westlich’ geprägter Kanon. 

In der Zusammenstellung eines solchen Kanons wird die Subjektivität innerhalb dieses Prozesses meist nicht nur verschwiegen, sondern der Kanon auch noch als Allgemeingültig vorgestellt. Diese vorgetäuschte Objektivität eines Kanons der Weltliteratur prägt, ja manipuliert, Leseerfahrungen vom lesefähigen Alter bis in das Erwachsenenalter hinein. Auch die Schulzeit und die dort empfohlenen Lektüren spielen bei der Verfälschung des Begriffs Weltliteratur keine unwesentliche Rolle. Im Gegenteil. Es sollte bei der Zusammenstellung eines Kanons dringend mitgedacht werden, wie viele identitätsstiftende Leseerfahrungen, die nicht rein westlich geprägt sind, so einfach ausbleiben. 

Der Autor betont im Vorwort, dass in den meisten Zusammenstellungen der sogenannten „Weltliteratur“ Werken aus Asien, Afrika oder Lateinamerika kaum bis gar keine Beachtung geschenkt wird. Wustmann nähert sich in seinem Werk dem Begriff der „Weltliteratur“ aber eben genau über eine Annäherung über diesen geographischen Raum. Hierbei hütet er sich allerdings einen Kanon aufzustellen, mit dem er ausschließt. Viel mehr ist seine Zusammenstellung als eine längst überfällige Ergänzung zu verstehen, die selbst aber noch Lücken aufweist, da er sich selbstverständlich auf Werke seines Arbeitsschwerpunktes konzentriert: Iran und Türkei. So ein offener, selbstreflexiver und sympathischer Umgang mit Subjektivität bei der Auswahl von Leseempfehlungen, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, die vorgestellten Werke wären nicht lesenswert, ist eine bereichernde Leseerfahrung im Literaturbetrieb, die ich jedem ans Herz legen möchte. Sein Buch liest sich manchmal wie ein Gespräch mit dem Autor und manchmal wie ein literaturwissenschaftlicher Text. Dieser Wechsel im Duktus liest sich gut. 

Wustmann betont in seinem Buch, dass es in der Auseinandersetzung mit nicht rein westlich geprägter Literatur um noch mehr als um die Wertschätzung der Autor*innen geht, wobei dieser Aspekt natürlich zweifelsohne schon ausreichen sollte. Es geht aber auch um kulturellen Austausch, der schon beim Lesen beginnt. Hier bezieht sich Wustmann auf Goethes Gedanken zum Thema Weltliteratur: „’Literatur kann sich nur im Austausch und über Länder und Kulturgrenzen hinweg weiterentwickeln’“ und mit ihr die Menschen. Internationale Ereignisse dürfen nichts persönliches mehr sein, weil man zufällig davon betroffen ist, sie müssen für alle allgemeingültig werden. So sagt Wustmann: „Was in Land X oder auf Kontinent Y geschieht, wie die Menschen dort leben, das geht mich nichts an. Man kann das nicht mehr sagen in einer Zeit, in der der Nachbar, mit dem man Tür an Tür wohnt aus der Türkei, aus Iran oder Mexiko stammt.“

Abschließend bleibt zu sagen, dass Gerrit Wustmanns „Weltliteratur“ nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff ist, sondern auch viele wertvolle Lesetipps gibt. Aber Vorsicht mit diesem Buch, wenn ihr ohnehin schon eine lange Liste habt, wie viele Bücher ihr noch lesen wollt! Sie wird nicht kürzer. 

In der Mitte seines Buches gibt Wustmann noch eine Empfehlung, die ich hier zum Schluss gerne weitergeben möchte: Jede*r, der/die ein fremdes Land bereisen möchte, möge doch vorab mindestens ein Buch von dort lesen. Was für eine herrliche Idee. 

Gerrit Wustmanns Essay “Weltliteratur” ist am 01.09.2021 im Sujet Verlag erschienen | Seiten: 164 | Preis: 19,00€ | ISBN: 978-3-96202-081-1

Text: Carina Plinke

Bild: Hellen Pass

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