Auf der Suche nach deutsch-türkischen Organisationen in Deutschland stoßen wir auf das DTF, das Deutsch-Türkische Forum Stuttgart, und fragen an, ob wir uns auf ein Skypegespräch verabreden können. Eine Antwort kommt von Kerim Arpad, dem Geschäftsführer des Vereins, er sei die nächste Woche in Istanbul, vielleicht ginge es auch einfach persönlich. So treffen wir uns tatsächlich ganz unvirtuell am Fährenanleger in Kadıköy und lassen uns bei einem Çay die letzten Sommersonnenstrahlen ins Gesicht scheinen. Kerim, ganz der anpackende Typ, fängt ohne lange Umschweife an zu erzählen, worum es im Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart eigentlich geht.

Das DTF ist…

… ein Stuttgarter Bürgerverein mit verschiedenen Kultur- und Bildungsprojekten und Initiativen im sozialen Bereich, der die zeitgenössische Kultur der Türkei nach Stuttgart bringen will, Begegnungen und Austausch schaffen und die Komplexität der deutsch-türkischen Beziehungen erfahrbar machen möchte. Der Verein besteht aus sieben hauptamtlichen und über 400 ehrenamtlichen Mitgliedern, die verschiedenste Projekte erschaffen und in diesen aktiv sind, sei es Literatur, Kabarett, Kino, Musikfestivals, Diskussionsrunden oder Jugendförderung. “Wir wollen den Menschen hier vor Ort, ob Deutsche oder Türkischstämmige, zeigen, auf welchem Level sich die türkische Kultur befindet und dass sie mehr ist als Folklore und Tarkan”, erzählt Kerim. Dass die Arbeit ihre Wirkung zeigt, erleben die Mitglieder des DTF am eigenen Leibe. Kerim Arpad erinnert sich an eine der ersten türkischen Lesungen im DTF: “Ein gewisser Orhan Pamuk hat damals vor 80 Leuten eine Lesung gehalten”, sagt er schmunzelnd. Als der Autor das nächste Mal kam, das war dann nach dem Erhalt des Literaturnobelpreises, waren es 1800 Gäste.

Der Ursprung des DTF…

… liegt tatsächlich quasi im Hinterzimmer des Restaurants von Kerims Vater, Ahmet Arpad. Dieser ist Gründungsmitglied und sein Sohn bekam somit die Schritte der Gründung hautnah mit. 1999 wurde der Verein unter Vorsitz des damaligen Stuttgarter Bürgermeisters, Manfred Rommel, gegründet. 30 Leute nahmen sich anfangs der Initiative an und wollten eine Plattform aufbauen, in der tatsächlicher Austausch zwischen Deutschen und Türken in Stuttgart stattfindet. Zuerst war die Robert Bosch Stiftung Förderer des Vereins, bis dies 2008 die Landeshauptstadt Stuttgart übernahm. Somit stand der Verein von Anfang an auf massiven Stützen und konnte sofort viele Veranstaltungskonzepte entwickeln.

Tätigkeiten des DTF heute…

Es gibt eine große Bandbreite an Projekten im Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart innerhalb der drei Schwerpunkte: Kultur, Bildung und Soziales. Dabei sind vor allem die Literaturreihen, Filmtage und die Kabarettabende, sowie die Jazzkonzerte und Musikfestivals mit türkischen und deutsch-türkischen Künstlern und Künstlerinnen beim Publikum beliebt. Das DTF achtet darauf, dass die Events von einem möglichst diversen Publikum besucht werden. “Unsere Veranstaltungen finden immer in Zusammenarbeit mit Stuttgarter Kultureinrichtungen statt. Unsere Lesungen sind im Literaturhaus, das Kabarett findet im Kabaretttheater statt. Und die türkischen Filmtage wechseln sich im Arthaus-Kino mit französischen Filmtagen und dergleichen ab”, erzählt Kerim. Damit erreiche man ein Publikum, das vielleicht nicht unbedingt nach türkischen Events sucht oder mit diesen vertraut ist. Gleichzeitig versuche man auch, auf Wünsche von außen zu reagieren und anzubieten, was die lokale Community braucht, man sei schließlich ein Bürgerverein, betont Kerim. Deshalb gibt es immer wieder neue Projekte und Initiativen. Beispielsweise ist 2011 das Gesprächsforum: “Bakış – die Türkei im europäischen Dialog” hinzugekommen. Hier wird über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen in der Türkei geredet. Es soll damit zu einer offenen Diskussion und einem Dialog beigetragen werden und grundlegende Fragen sollen beleuchtet werden. Auch das Projekt “Merhaba in Stuttgart”, bei dem jungen Geflüchteten und deren Familien ermöglicht wird, Stuttgart kennen zu lernen, ist seit 2015 im Gange.

Möglichkeiten, sich selbst einzubringen…

Wir machen nichts für uns alleine”, sagt Kerim. Jede und jeder darf und soll mitmachen, Ideen beisteuern, anpacken. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, sich ehrenamtlich beim DTF einzubringen. Ob regelmäßig, zum Beispiel einmal pro Woche in Programmen wie “Merhaba in Stuttgart” oder dem Ağabey-Abla-Programm oder auch nur punktuell bei Abendveranstaltungen oder Festivals. “Gern können die Leute auch auf uns zukommen und sagen: Die Idee möchte ich umsetzen, oder den Künstler würde ich gern mal sehen, wir sind sehr offen”, betont Kerim. Auch hauptamtlich kann man zum DTF, zum Beispiel durch ein drei- bis sechsmonatiges Praktikum.

Bewegende Momente beim DTF…

Ein Projekt, das Kerim besonders am Herzen liegt, ist das Ağabey-Abla-Mentoringprogramm (übersetzt: Großer Bruder, große Schwester). In dem Projekt bekommen türkischstämmige AbiturientInnen und Studierende Stipendien und kümmern sich gleichzeitig um türkischstämmige Kinder, denen, wie Kerim sagt, der Bildungserfolg nicht in die Wiege gelegt wurde. Das DTF versucht hier eine Lücke im Bildungssystem zu schließen. Soweit zur Theorie.
Doch was in der Praxis tatsächlich passiert und sich entwickelt, das berührt Kerim persönlich. Junge Menschen treffen aufeinander, helfen einander und bewegen gemeinsam sehr viel. Insbesondere der Dialog, der über das Ağabey-Abla-Programm auch in andere Projekte des Vereins getragen wird, begeistert Kerim. “Da kommen Jugendliche mit unterschiedlichsten politischen Einstellungen zusammen und lernen, dass sie sich durchaus freundschaftlich begegnen können. Und auch die Familien lernen, ihre Vorurteile abzubauen; dass eine Abla mit Kopftuch das Kind der Familie nicht missionieren wird, oder dass ein schwuler Ağabey aus dem Kind der Familie keinen Schwulen macht, sondern dass die Ağabeys und Ablas den Kindern als Menschen begegnen, ihnen eine Menge auf den Weg geben und helfen, an sich selbst zu wachsen.” Inzwischen habe sich das Projekt so weit herumgesprochen, dass Familien selbst an das DTF herantreten, um nach Rat zu suchen, weil sie merken, wie hilfreich diese Unterstützung ist. Und die Jugendlichen der ersten Generation Ağabey-Ablas machen inzwischen eigene interkulturelle Projekte und bewegen das Leben anderer. “Merhaba in Stuttgart” ist eines dieser Projekte. Wenn Kerim sich anschaut, wie solche Initiativen entstehen, wie Menschen heranwachsen und selbst etwas bewegen, dann weiß er, warum er diesen Job liebt und warum sich die deutsch-türkische Arbeit so sehr lohnt.

Informationen über das Deutsch-Türkische Forum Stuttgart findet ihr hier.

Für weitere Organisationen, Vereine und Plattformen, die sich mit dem deutschsprachig-türkischen Austausch beschäftigen, schaut euch unsere MAVI-Map an und klickt euch durch die Marker.

 

Text: Marie Hartlieb
Bilder: Deutsch-türkisches Forum Stuttgart
Redaktion: Judith Blumberg
Online-Map: Mert Barış