Nach sechs Jahren Leben in Istanbul als “Biodeutsche” gewöhnt man sich an dieses Gefühl, das des Fremdseins. Es definiert einen inzwischen mehr als alles andere. Zu allererst ist man deutsch, noch vor dem Frausein. Das äußert sich bei jeder Begegnung: “Woher kommst du?”, fragt der Kellner, wenn er deine Bestellung aufnimmt. “Deutschland” ist die Antwort. Und er nickt. Es gibt keine Begegnung, in der dieses Thema nicht aufkommt. Außer vielleicht an der Kasse, wenn die Kassiererin gestresst deine Waren über den Scanner zieht und der nächste Kunde schon ungeduldig nach vorne schielt. Das sind Momente des Dazugehörens. Ansonsten ist dein Ausländersein immer Thema. Im Guten wie im Schlechten.

Auf Parties beim Kennenlernen bist du oft im Mittelpunkt. Für manche, weil du als Ausländerin Türkisch sprichst und das hier immer noch eine Rarität ist. Für manche, weil sie mit dir Englisch sprechen können und dies auch vehement weiter tun, obwohl du auf Türkisch antwortest. Für manche, einige männliche Kandidaten, bist du besonders interessant, weil die Kombination fremd, Frau und westlich, besondere Assoziationen hervorruft. Exotisch ist man und offensichtlich leicht zu haben. Dies ist manchmal auf der Straße ein Problem. Keine meiner türkischen Freundinnen wurde schon so oft im normalen Straßenbetrieb begrabscht und auch verbal so direkt zum Geschlechtsverkehr aufgefordert. Doch, wie das mit dem Anpassen so läuft, findet man dazu Lösungen: grimmiger Blick, keinen großen tourimäßigen Rucksack oder typisch deutsche Klamotten aka praktisch und wetterfest; schnelles Laufen und am besten nicht unterwegs sein mit anderen, blond-deutsch aussehenden Freundinnen. Das funktioniert.

Anpassung ist das A und O. Mit Kleidung und Körpersprache kann man viel tun. Aber nur bis zu einem gewissen Grad, ohne sich selbst zu verstellen. Doch anpassen ist anstrengend. Sich über Details Gedanken zu machen, immer und immer wieder. Wie ziehst du dich an, wie verhältst du dich, was sagst du und was sagst du nicht? Ein Doppelcheck in Dauerschleife. Und dann immer diese Ausnahmen von “kulturellen” Regeln, die du dir mühsam erarbeitet hast. Das einfachste Beispiel: Bring immer und überall Mitbringsel und Geschenke mit – damit fängt es schon an. Doch diese Mitbringsel können auch sehr leicht die falschen sein. Und wieder stehst du da und bist als Außenstehende enttarnt. ‘Ich will einfach mal so sein, wie ich bin!’, sagst du dir. Dabei hast du dich schon viel zu sehr daran gewöhnt, diese Sonderrolle zu spielen. Und du kennst ihre Vorteile. Dass du Jobs aufgrund deines deutsch-ausländisch klingenden Namens und Aussehens bekommst, sei es Sprachunterricht oder ein Fotoshooting. Dass du so “besonders” bist, dass du Dinge machst, die du nie in Deutschland hättest verwirklichen können. Dass du auffallen kannst mit deiner Fremdheit und kokettieren kannst mit deinen türkischen Verhaltensweisen. Dass du immer diesen Joker in der Tasche hast, sagen kannst, dass du etwas nicht verstanden hast, nicht tun konntest, nicht mitbekommen hast, weil du nun mal Ausländerin bist. Dass du, wenn du “Eyvallah” sagst, schon Sympathiepunkte von allen Umstehenden bekommst, ohne überhaupt etwas getan zu haben, mit vielen ins Gespräch kommst und schnell lose Freundschaften knüpfst. Wegen deiner Sonderrolle. Du bist einfach interessant – ohne wirklich interessant zu sein.
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Doch die Unsicherheit in dir bleibt deine größte Vertraute. Sie flüstert dir ununterbrochen ins Ohr, dass du etwas falsch gemacht hast, dass du diesmal zu weit gegangen bist, dass dir der Taxifahrer wieder zu viel abgenommen hat – selbst wenn das nicht der Fall ist – und dass du den Menschen erst einmal nicht trauen kannst, sie wollen nur dein Ausländersein, nicht aber dich selbst. Du wirst als arrogant abgestempelt, weil du diese Unsicherheit einsperren willst, weil du tun willst, als ob du verstehst, nicht immer nachfragen möchtest und anderen mit deinem Anderssein auf den Senkel gehen willst. Du wirst immer noch schnell müde, wenn ein ganzer Tag Anpassen dich auslaugt und deine Ohren und deine Zunge einfach nicht mehr mitspielen, obwohl man einfach nur nett zusammensitzt. Anpassung ist eben immer Arbeit. Und du fühlst dich oft so unheimlich erschöpft. Weil du es so sehr willst, einfach nur sein willst. Und es nicht kannst. Es nicht kannst und nicht sollst. Wenn Leute dir sagen, dass du das Land sowieso nie verstehen wirst. Dass du hier geboren sein musst, um zu verstehen und mitreden zu dürfen. Und du weißt, dass sie recht haben. Dass du mit deinem Pass, mit allem, was mit ihm verbunden ist, nie dazugehören kannst. Dass dein Anderssein vor allem ein Privileg ist. Dass deine Problemchen und Wehwechen im Anbetracht des großen Ganzen sowieso Nichtigkeiten sind.

Aber auch du willst eigentlich einfach nur dazugehören. Nach diesen Jahren in diesem Land einfach nicht mehr immer denken und analysieren müssen. Nach dieser Zeit auch Dinge wie “wir” statt “ihr” sagen dürfen, zumindest manchmal, leise. Und dann, dann gibt es sie, diese magischen Momente, die du später im Kopf immer und immer wieder mit Freuden abspielst: Wenn der Kellner eines Restaurants dich anspricht: “Madam, come here, madam! We have great food”, und du sagst: “Çok sağol, biraz önce yedik.” (Danke, wir haben gerade gegessen) und er stutzt, weil du den Satz akzentfrei sagen konntest, dich anschaut und sagt: “Oh, ich dachte, sie wären eine Fremde. Entschuldigung.” Und du lächelst und sagst “Sorun yok” (Kein Problem), dann kannst du für einen winzigen Moment einfach sein.

Text: Marie Hartlieb
Bilder: Tolga Aksüt
Redaktion: Jonas Wronna