In seinem neuen Roman Evangelio widmet sich der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu dem Kirchenreformator Martin Luther. Genauer gesagt erzählt er von der Zeit, die dieser vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 in Verwahrungshaft auf der Wartburg verbracht hat. Es ist wohl kein Zufall, dass sich Zaimoglu dazu ausgerechnet im Jahr des 500jährigen Jubiläums von Luthers Thesenanschlag und der dadurch ausgelösten Kirchenreformation entschieden hat. Zaimoglus Roman fügt sich damit in die erwartbare publizistische Flut von Biographien, Sachbüchern und Belletristik zum Thema ein. Dass er darin nicht untergeht, verdankt er vor allem einem: Seiner Sprachgewalt.

Dass Zaimoglu in Evangelio ein so prägendes Ereignis der deutschen Geschichte in den Blick nimmt, mutet zunächst verwunderlich an. Denn der Autor ist dafür bekannt, dass sein Interesse seit seinem 1995 erschienenen und vieldiskutierten Erstlingswerk Kanak Sprak gerade den randständigen und marginalisierten Figuren der deutschen Gesellschaft gilt. In seinem Oeuvre werden diese vorwiegend durch in Deutschland aufgewachsene Jugendliche aus türkischen Migrantenfamilien verkörpert: den „Gastarbeiterkindern“ der zweiten oder dritten Generation, von denen wohl nur die wenigsten sich durch das Schimpfwort „Kanake“ bezeichnet wissen wollen. Zaimoglu zeigt seine Protagonistinnen und Protagonisten gerade nicht in einer bunten Multikultiwelt, sondern gefangen zwischen den Kulturen und nirgendwo wirklich zugehörig, verbannt in einen grauen Alltag am Rand der Gesellschaft. Und von dort ließ Zaimoglu sie in seinem Debüt sprechen. Er verlieh ihnen nicht nur eine literarische Stimme, sondern auch eine eigene Sprache – die Sprache der „Kanaken“ oder kurz: Kanak Sprak. Eine Sprache, die einerseits dem Sprechen auf der Straße nachempfunden, anderseits eine höchst artifizielle Kunstsprache war, die durchdacht, poetisch und gemacht, gleichzeitig aber auch roh, abgehackt und unmittelbar sein konnte: „Der sound besteht aus Krawall und city-hektik, zu tosendem klang und stadtgebrüll und gellendem misslaut hackt er den knallharten text ab.“ Mit der Sprache führte Zaimoglu gleichsam ein neues Selbstbewusstsein in die deutsch-türkische Migrantenliteratur ein: Aufbrausend und alles andere als devot weisen seine Charaktere einseitige Vorwürfe mangelnder Integrationsbereitschaft ebenso wie einen verklärenden Multikulturalismus entschieden zurück, indem sie unsere Blicke immer wieder dorthin lenken, wo es wehtut, ja bisweilen auch mit doppelter Kraft zurückschlagen: „Ich bin keiner, der die ich-verstell-mich-daß’s-deutsche-aas-mich-auch-echt-gern-hat-pennernummer bringt […]. Was soll überhaupt dies pomadenschiß von deutsch-ist-nummer-eins-was-gibt, die schön’s proletenmaul aus’m gelenk kippen und über-alles-in-der-welt jaulen.“

Seit Kanak Sprak sind nunmehr gut 20 Jahre vergangen. Auch wenn Deutschland sich nicht unbedingt in ein postmigrantisches Paradies verwandelt hat, zeigt die deutsch-türkische (Jugend)Kultur sich heute in einem anderen Licht als damals.

Auch Zaimoglu selbst ist schon lange vom „Kanaken“ (sofern er jemals einer war) zum öffentlichen Intellektuellen avanciert: Als Kind einer Arbeiterfamilie am 4. Dezember 1964 im türkischen Bolu geboren, kam er bereits ein Jahr später mit seinen Eltern nach Deutschland, wo er in München und Berlin aufwuchs. Nach einem angefangenen Kunst- und Medizinstudium begann er seine Arbeit als freier Schriftsteller und lebt seitdem in Kiel. Mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen ist er im deutschen Literaturbetrieb schon lange etabliert und auch in der deutschen Sprache fühlt er sich nach eigener Aussage wohler als in der türkischen, was nicht zuletzt das Verschwinden der Kennzeichnung des weichen ğ in der Schreibweise seines Namens verdeutlichen mag.

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Wer jedoch meint, Zaimoglu stimme nach seiner Hinwendung zu einem vermeintlich „deutschen“ Thema nun auch angepasste, sanftere Töne an, hat weit gefehlt.

Dass der Leserschaft die für Zaigmoglu kennzeichnende Derbheit und Direktheit auch in Evangelio erhalten bleibt, verdanken wir zum einem dem Ich-Erzähler, dessen Erschaffung eine der größten Leistungen des Romans ist: Der Landsknecht Burkhard ist ein einfacher Söldner, der das Zechen, die „Dirnen“ und rohe Gewalt liebt und Luther als Leibwache zur Seite gestellt wird. Dies ist vonnöten, da Luther, nachdem er die Widerrufung seiner in den 95 Thesen propagierten reformatorischen Lehre verweigert hatte, für vogelfrei erklärt wurde.

Burkhard eröffnet uns nicht nur seine Perspektive auf den vornehmlich in seiner Kammer brütenden Luther, sondern stellt seinen deftigen Witz, ebenso wie seine erstaunliche Reflexionsfähigkeit immer wieder in den brillanten Dialogen mit seinem Herrn unter Beweis. Letzterem steht Burkhard als, wenn auch nicht sündenfreier, so doch treuer Katholik skeptisch gegenüber, bezeichnet ihn immer wieder als „Ketzer“. Das Verhältnis zwischen den beiden Hauptfiguren entwickelt sich im Verlauf des Buches vom Gegensatz zwischen Wort und Schwert zu einer brisanten Symbiose, die Luther an verschiedenen Stellen wie folgt zum Ausdruck bringt: „Alles durch das Wort, alles durch das Schwert.“ „Unser Glaube ist das Richtschwert, das vor Blutdurst klingt, bevor es niederfährt, ich bin ein grimmiger Löwe, ich führ das Wort wie das Eisen zum Brandmarken.“

Luther kommt indessen nicht nur in den Dialogen zu Wort, sondern auch in (fiktiven) Briefen an seinen gelehrten Vertrauten Melanchthon, mit denen die Erzählung Burkhards durchsetzt ist. Vor allem in diesen Briefen offenbart sich, dass Luther selbst ein äußerst liminaler Charakter ist: Aus fester Glaubensüberzeugung ist er öffentlich geächtet und hat sich dadurch in die Isolation des gesellschaftlichen Abseits begeben. Dort durchlebt er tiefe existentielle Krisen und wandelt in Alpträumen, Rasereien und „tausend Teufeln vorgeworfen“ immer wieder an der Grenze des Wahnsinns.

Zaimoglu ist also nicht daran gelegen, Luther als mustergültigen und über den weltlichen Verhältnissen stehenden Geistlichen darzustellen. Im Gegenteil, auch die zweifelhaften Eigenschaften des historischen Luther werden in lebendigen Farben gemalt, wenn sich der aufbrausende Jähzorn und die nationale Ideologie, die Luthers Glauben unterfüttern, in bisweilen schwer zu ertragendem Antisemitismus äußern. Es mutet dabei immer wieder ironisch an, wenn Zaimoglu Luther in seinen Tiraden auch Seitenhiebe gegen die eigenen Vorfahren des Autors austeilen lässt: „Papst, Jud und Türck sind Teufels Kotbröckchen, gespeichelt und gebacken.“ Luthers rhetorische Ausfälle gegen die Türken lassen sich zwar plausibel in ihrem historischen Kontext verorten, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass das osmanische Reich sich in einer Phase aggressiver Expansion befand, die 1529 gar bis zur Belagerung Wiens führte. Gleichzeitig ist die Vulgarität solcher Formulierungen, die sich im Roman zuhauf finden, immer auch etwas makaber und provokant. Gerne stellt man sich beim Lesen das schelmische Grinsen vor, das Zaimoglu beim Verfassen im Gesicht gestanden haben mag.

Die zumeist bruchstückhaft eingestreuten Handlungssegmente – Ausritte und Jagden unter dem Schutz der Scheinidentität „Junker Jörg“, eine Zecherei mit Burkhard, die Konfrontation mit dem abergläubischen Volk, Begegnungen mit vermeintlichen Hexen und Exorzismen – werden dabei in die Gedankenwelt von Luthers inneren Konflikten projiziert und dienen so in erster Linie als Brennmaterial für dessen geistiges Feuer. Und dieses Feuer wird immer dann am heftigsten entfacht, wenn Luther alleine und zum Nichtstun verdammt ist, am Schreibtisch „Runen kratzt“, „als würd der Dämon der Macht ihm Zauberziffern in den Geist bluten“, in einem Wort: wenn Luther sich ins Reich der Sprache begibt.

Die Sprache, das wird bei der Lektüre schnell deutlich, erweist sich verschiedentlich als das Herz von Evangelio: So kulminiert auf Handlungsebene Luthers Kampf in einem Triumph, der sich vor allen gesellschaftlichen Umstürzen am deutlichsten im Medium der Schrift, namentlich seiner in nur elf Wochen verfassten Bibelübersetzung, äußert: „Ich schenk die verteutschte Schrift. Im Verteutschen und nicht im Fälschen bekenn ich. […] Ein leeres Buch ist unsere Biblia, ich werd schreiben unsrer Seligkeit Anfang und abtragen die Verhüllung.“ Im selbstgeschaffenen „Lutherdeutsch“ übersetzt Luther „Gott ins Teutsche“ und verleiht der Bibel neue Greifbarkeit und Evidenz – für seine Anhängerschaft, ebenso wie für sich selbst. Die Zweifel, die ihn in der Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche plagen, weichen schließlich der Gewissheit.

Zaimoglus große Leistung ist es, die 500 Jahre zurückliegenden literarischen Anstrengungen Luthers, insbesondere dessen Vokabular und die vielen Neuschöpfungen, die auf seine Bibelübersetzung zurückgehen, in einer modernen Grammatik aufzubereiten. Damit ist Evangelio auch auf formaler Ebene ein durchaus forderndes Sprachexperiment. Lässt man sich jedoch von der anfänglichen Sperrigkeit des Textes nicht abhalten, wird man schnell aufgesogen von dessen eigenwilliger Sprache, die vor allem laut gelesen einen einzigartigen Rhythmus entwickelt.

Zaimoglu gibt in Interviews immer wieder gerne an, die Lutherbibel, wenn auch nur in Bruchstücken verstanden, so doch bereits in seiner frühen Jugend gelesen zu haben. Hat er sich also am Ende nicht erst seit seinem jüngsten Werk an Luther als literarischem Vorbild orientiert? Luthers Credo, bei der Übersetzung von den Hochsprachen Griechisch und Latein in die damalige Vulgärsprache Deutsch auch „dem Volk aufs Maul schauen“ zu wollen, lässt sich jedenfalls uneingeschränkt auf Zaimoglus literarische Arbeit übertragen – sei es nun bei der Verarbeitung deutsch-türkischer Migrationssprache in Kanak Sprak oder in einem historischen Roman wie Evangelio.

Feridun Zaimoglu: Evangelio – Ein Luther Roman

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 345 Seiten, 22 Euro

Feridun Zaimoglu: Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft

Rotbuch, Berlin 1995, 141 Seiten

 

Text: Paul Wolff
Bild: Arne List
Titelbild: Hieronymus Bosch, Weltgerichtstriptychon, Akademie der bildenden Künste, Wien