Zwei Adventskränze, ein Regal mit Mess- und Liederbüchern, Weihnachtsstollen- kaum am Tisch angekommen fühlen sich Adrian und Leonie wieder „wie in Deutschland“. Am vierten Advent hat es die beiden Erasmusstudierenden in die Kreuzkirche in Beyoğlu gezogen. Hier feiert Pfarrerin Ursula August mit der deutschen Gemeinde Gottesdienst. Seit gut sechs Jahren leitet sie die derzeit aus 320 Mitgliedern bestehende deutsche Evangelische Gemeinde am Bosporus. Bevor sie 2011 hier ihr Pfarramt antrat, hatte sie bereits mehrere Jahre in Deutschland als Islambeauftragte ihrer westfälischen Gemeinde interreligiöse Erfahrung gesammelt. Bei einem gemütlichen Adventsbrunch erfahren wir mehr über den Hintergrund der Kreuzkirche und das Leben der deutschen Evangelischen Gemeinde in Istanbul.

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Die deutsche Evangelische Gemeinde ist eine Auslandsgemeinde der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die evangelische Auslandsbischöfin ist Ansprechpartnerin für die Istanbuler Gemeinde und über 100 weitere Gemeinden weltweit. Die Mitglieder wechseln wesentlich  häufiger als es in Gemeinden in Deutschland üblich ist; etwa 20 Prozent Zu- und Abwanderung verzeichnet die Gemeinde jährlich. Darunter sind Mitarbeitende deutscher Behörden, Generalkonsulate, Firmen und Institute, Geschäftsleute, gelegentlich Tourist*innen und in den letzten Jahren auch zunehmend Studierende. Ein fester Teil der Gemeinde sind einige deutsche Familien, die bereits seit mehreren Generationen, teilweise seit Gründung der Gemeinde, in Istanbul leben und hier die Traditionen aus Deutschland fortführen sowie in der Türkei verheiratete evangelische Männer und Frauen. Sie bilden gewissermaßen eine Konstante in der Geschichte der Gemeinde.

Deutsche Auswanderer gründeten bereits im Jahr 1843 die Gemeinde, die mit einigen weiteren deutschen Institutionen in Istanbul verbunden war. Auch das Alman Lisesi und das inzwischen geschlossene Alman Hastanesi lassen sich auf Gemeindemitglieder zurückführen. Die heutige Kreuzkirche wurde im Jahr 1861 fertiggestellt. Nach beiden Weltkriegen wurde  sie vorübergehend von den jeweiligen Siegern beschlagnahmt, nach wenigen Jahren aber wieder freigegeben. Mehrmals musste die Kirche seit der Gründung renoviert werden, zuletzt nach den Anschlägen auf das britische Konsulat, die 2003 auch die Fenster der nahgelegenen Kreuzkirche zerstörten.

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Die Tätigkeiten der Gemeinde heute sind ähnlich wie die einer Gemeinde in Deutschland. Neben der üblichen seelsorgerischen Arbeit unterstützt sie auch mal gestrandete Tourist*innen oder Frauen, die nach einer Trennung bis zur Rückkehr nach Deutschland langwierige Sorgerechtsprozesse führen müssen. Ökumenisch, also konfessionsübergreifend, ist unter anderem das Flüchtlingsprojekt, an dem sich die Gemeinde beteiligt.

Das Thema Flucht zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrzehnte. Ob während der Naziherrschaft, als die Chemikerin Lotte Löwe vor rassistischer Verfolgung nach Istanbul flüchten musste und bis in die 50er Jahre die Gemeinde prägte, während des Kalten Krieges, als nur einem Familienteil die Flucht über Bulgarien nach Istanbul gelang und dieser für 25 Jahre von den Verwandten im Ostblock getrennt lebte, oder heute mit den Kriegsflüchtlingen aus dem Nahen Osten- über all die Jahre hinweg war für sie alle auch die deutschsprachige Gemeinde ein wichtiger Anlaufpunkt.

Die Schutzsuchenden in Istanbul müssen dabei meist nicht nur ums tägliche Überleben kämpfen, sondern auch um einen Rechtsstatus, um nicht als Illegale leben zu müssen. Letzteres trifft gewissermaßen auch auf die Evangelische Gemeinde zu. Die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache ist in der Türkei offiziell nicht als Religion anerkannt und hat somit auch keinen Rechtsstatus. Auf den bis heute gültigen Vertrag von Lausanne aus dem Jahr 1923 gehen neben den heutigen  Grenzen der Türkei auch die Rechte religiöser Minderheiten zurück. Er schließt aber neben dem Judentum nur die griechisch-orthodoxe und die armenisch-apostolische Kirche ein. Weil die Gemeinde auch nicht, wie Muslime in Deutschland, einen Verein gründen kann, sind sogar die Besitzverhältnisse an der Kirche selbst bis heute ungeklärt. Diesen Zustand der Ungewissheit zu beseitigen, ist der Gemeinde ein stetes Anliegen, auch wenn sie in Beyoğlu auf breite Akzeptanz stößt und ein fester Teil des Viertels ist. „Wir sind hier nicht mehr wegzudenken, nach über 170 Jahren“, da ist sich Ursula August sicher. Neben den wöchentlichen Gottesdiensten in Istanbul ist die Pfarrerin auch für den zweimonatlichen Gottesdienst in Ankara zuständig.

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Während und nach sechs Jahren als Pfarrerin ist Ursula August beeindruckt von der breiten Anerkennung, die sie in Beyoğlu erfährt. Schon unmittelbar nach ihrer Ankunft statteten ihr ausnahmslos alle Parteien einen Willkommensbesuch ab, und bis heute überbringt der Bürgermeister von Beyoğlu zu Weihnachten und Ostern seine Glückwünsche. Sie ist froh über die alltäglichen Kleinigkeiten im Gemeindeleben, die ihr gerade  in diesen Zeiten wie ein Lichtblick vorkommen. Wie zum Beispiel auch die fünfjährige Darstellerin des Erzengels Gabriel bei der Krippenspielprobe. „Fast schon trotzig klang das, mit den jüngsten Ereignissen im Hinterkopf, als sie aufstampfte und uns textsicher ihr ‘Fürchtet euch nicht!’ entgegenrief“, erzählt Ursula August lächelnd. Und nicht zuletzt ist die Pfarrerin sehr glücklich über die enge Zusammenarbeit mit der Vielzahl an anderen christlichen Gemeinden in Istanbul.

Eine naheliegende Möglichkeit,  um mit der Gemeinde in direkten Kontakt zu treten, ist der anstehende Weihnachtsgottesdienst am 24.12. um  15.30  Uhr. Wer gerne anderweitig in Kontakt treten möchte, kann zum Beispiel am Treff für Studierende, geleitet von der neuen Diakonin Melanie Henke, teilnehmen. Sie ist selbst erst seit Kurzem in Istanbul und freut sich immer über Zuwachs. Darüber hinaus ist von der Kinderkirche über den Projektchor bis zum Frauenkreis für fast jede Zielgruppe etwas geboten.

Nach spannenden und herzlichen Stunden stehe ich dann zum ersten Mal mit echtem Weihnachtsfeeling auf der Straße und habe keine Zweifel mehr an der Entscheidung, auch über die Feiertage Istanbul nicht den Rücken zu kehren.

Text: Simon Feyrer
Fotos: Navid Linnemann