Im Dolmuş nach Kadıköy, auf den Erasmusparties in Taksim, vor der Haustür in Galata und im Fanblock von Beşiktaş: Während seines Auslandssemesters in Istanbul begegnet Laurenz überall neuen Menschen. Taxifahrern, Student*innen, Fans, Saftverkäufer*innen, Straßenhändler*innen, Handwerkern, Musiker*innen. Menschen, die Istanbul prägen und die Laurenz’ Sicht auf die Stadt und das Leben beeinflussen. Diese Begegnungen hat er aufgeschrieben und mit den traumhaften Fotografien seines Kommilitonen Bill verbunden. Entstanden ist ein Buch, das einen unverfälschten Einblick in die Erfahrungen zwei deutscher Studenten am Bosporus gibt – teils amüsiert, teils nachdenklich, aber immer ohne Wertung.


Ausschnitte gibt es nun auf MAVIBLAU:dsc04465

Schokoladendessert

Nach ausgiebigem Frühstück gehe ich mit meinem Mitbewohner Celal in die Stadt. Wir suchen einen Copyshop und einen Briefumschlag. Außerdem wollen wir ein Dessert essen. Der erste Copyshop hat geschlossen, der nächste ist weit weg. „Wir gehen erst einmal etwas essen“, sagt Celal. „Wollen wir nicht erst zum Copyshop und einen Briefumschlag kaufen und dann etwas essen“, frage ich. Er verdreht die Augen. „Das ist das Komische an euch Deutschen“, meint er. „Erst mal alles erledigen und dann ausruhen. Die Woche arbeiten und am Wochenende entspannen. Warum? Wir leben, feiern, essen und arbeiten zwischendurch. Und da wir jetzt Lust auf ein Schokoladendessert haben, setzen wir uns in Café“. Zum Copyshop gehen wir danach.

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Dokal und Yussuf

Mit dem Reisebus halten wir in einem Valley in Kappadokien. Die Landschaft ist einmalig. Wir laufen durch Gesteinsformationen, die vor langer Zeit zum Wohnen genutzt wurden. Vulkanfelsen mit Eingängen und Fenstern. Heute flanieren hier Touristen mit Kameras, Orangensaft wird verkauft. Ich gehe in eine der Höhlen rein und sehe ein Loch in der Decke. Einkerbungen in der Wand dienen als Leiter und ich stemme mich mit etwas Anstrengung in die erste Etage. Hier haben es sich zwei türkische Jungen gemütlich gemacht. Die Sonne scheint auf den Felsvorsprung. „Merhaba“, grüße ich. „Hi“, sagt einer der beiden. „I just wanted to have a look“, sage ich. „Take a seat“,werde ich eingeladen. Mit meinem gebrochenen Türkisch und ihrem gebrochenem Englisch können wir uns verständigen. Dokul und Yussuf kommen aus einem Dorf in der Nähe. Wir sprechen über Schalke 04, die Sonne und Touristenströme. „Are all these tourists annoying for you?“ – „No, I like tourists“, sagt Yussuf. Und ich glaube ihm sogar, als er grinsend auf die knipsenden Touristen unter ihm blickt. Leider muss ich wenig später los. Der Bus fährt ab. Ich verabschiede mich und kletter wieder runter. Die Jungs bleiben sitzen.

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Hausaufgaben

Es ist Mittwoch Mittag und in zwanzig Minuten beginnt mein Sprachkurs. Ich stehe beim Syrer und warte auf meinen Falafeldürüm zum Mitnehmen. Mir fällt ein, dass ich die Hausaufgaben noch nicht gemacht habe. Da die Falafel eh noch im heißen Wasser kochen, hole ich mein Heft aus der Tasche und lege es auf den Tresen. Klassische Aufgabe: Satzteile zuordnen. Leider habe ich ein paar Vokabeln vergessen, die Zuordnung läuft nicht ganz flüssig. Und bald beginnt der Kurs. Ich drehe das Heft um und frage den syrischen Falafelspezialisten mit Gesten, ob er mir helfen kann. Er grinst, nimmt meinen Kuli und ordnet die Sätze in zwanzig Sekunden einander zu. Dann ist mein Dürüm fertig und ich gehe zum Sprachkurs. Ohne schlechtes Gewissen, immerhin habe ich die Hausaufgaben. Im Klassenraum vergleichen wir die Übung. Von acht Satzpaaren stimmt bei mir kein einziges.

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Safranbolu

An meinem letzten Tag in Istanbul gehe ich noch ein Mal zu meinem Stammorangensaftladen. Dies ist mein letzter, sage ich zum türkischen Verkäufer, der mir fast jeden Tag im vergangenen halben Jahr einen frisch gepressten Orangensaft verkauft hat. Er schaut mitleidig und nimmt einen Notizzettel vom Stapel. „Safranbolu, Karabük, Kalif Caddesi 56, Hamdi“ schreibt er. Wann immer ich mal in Safranbolu bin, soll ich dorthin gehen. „Hamdi, my name“, sagt er lächelnd. Ich frage ihn nach seiner Mail. Er schüttelt den Kopf. Internet nutzt er nicht. Immerhin schreibt er noch seine Telefonnummer unter die Adresse. Eigentlich reicht es aber, wenn ich nach Safranbolu gehe, dort klingele und seinen Namen sage. Dann habe ich dort einen Platz zum Wohnen, meint er. Wir geben uns ein letztes Mal die Hand und sagen auf Wiedersehen.

 


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