In der Türkei zum Bäcker gehen, ist: noch warmes Weißbrot. Gleichmäßig geformt, in ein Stück Zeitung eingewickelt und zu allem gereicht. Es ist ein schreiender Bäcker, mehlige Hände und ein unwiderstehlicher Duft nach frisch Gebackenem. Auf dem Weg nach Hause wird schon die erste knusprige Ecke abgebrochen und, während die holprigen Straßen nach Hause erklommen, mehreren Katzen ausgewichen und sich aufs Essen gefreut wird, genüsslich gekaut.

Simit

Dann ist da Simit, der Sesamring. Und was wäre Simit ohne die Simitçi, die Straßenverkäufer, welche an allen Ecken der Stadt ihre frischen Backwaren auftürmen und mit lauten Rufen alle auf sich aufmerksam machen. Sie begegnen einem immer im richtigen Moment, am Morgen, wenn der Magen beginnt zu knurren oder am Nachmittag, wenn ein großes Tief einen einzuholen droht. Der Sesamkringel schmeckt am besten mit süßem Tee, Oliven und Schafskäse. Oder bei einer Fahrt über den Bosphorus, freundschaftlich geteilt mit den Möwen.

Baklava

Und was wäre die Türkei ohne Baklava? Baklava ist einzeln ausgerollter, gestapelter Blätterteig. Baklava ist Zuckersirup. Baklava ist die Königin der türkischen Süßwaren. In den wenigsten Häusern wird es noch selbst gebacken. Dafür bieten es immer mehr Konditoreien in den unterschiedlichsten Varianten an. In verschiedensten Formen, mit Pistazien, Mandeln und Walnüssen gefüllt. Richtig gutes Baklava wird mit den Händen gegessen, einmal umgedreht – damit der Gaumen zuerst den süßen Boden berührt. Dazu gibt es starken, türkischen Kaffee, mit klebrigen Fingern aus kleinen verzierten Tassen geschlürft.

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In Deutschland zum Bäcker gehen, ist gutes Brot und eine große Auswahl. Man kann sich zwischen unterschiedlichsten Varianten entscheiden. Deutsches Brot ist gesund und deutsches Brot macht satt. Es erinnert an belegte Schulbrote, hungrig in den Pausen reingeschlungen, an gemeinchaftliche Abendessen bei den Großeltern, an Käse und “dick Butter”.
Und in Deutschland zum Bäcker gehen sind Brötchen. Was wäre ein Frühstück ohne Brötchen? Und was wären Brötchen ohne die vorherige Diskussion um den morgendlichen Weg zum Bäcker. Hat man diese verloren, steht man schon bald in Jogginghose und knurrendem Magen vor der Bäckersfrau. Brötchen, das ist eine große Auswahl: “ganz normal”, mit Körnern, Vollkorn, süßer Füllung oder mit Käse überbacken. Brötchen gibt es in jeder Form und jeder hat seinen ganz persönlichen Favoriten. Der Weg zurück nach Hause wird angetreten, mit vollen Händen und voller Vorfreude und häufig belohnt mit dem Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee.

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Und was in der Türkei das Baklava ist, ist wohl in Deutschland der Kuchen. In unzähligen Varianten wird er gebacken, zu jedem erdenklichen Anlass. Schokokuchen, Erdbeerrolle, Sahnetorten und Mandelschnitten. Kuchen erinnert an Familienbesuche bei der Oma, an Geburtstage im Garten und an heißen Milchkaffee. Kaffee und Kuchen, das gehört zu einem Nachmittag voller Verwandten und alten Geschichten dazu. Kuchen in Deutschland sind Gespräche, Kuchen ist Geborgenheit und wahrscheinlich die warme Antwort auf die vielen, viel zu kalten Tage im Land.

Und wie so oft gibt es diese Momente in der Ferne, wo du das jeweils Andere vermisst. Wenn der deutsche Alltagsstress dich überrannt hat und deine Augen mit hungrigem Magen an jeder Ecke der Stadt nach einem in die Weite blickenden Simitverkäufer suchen. Und auch wenn ein kalte Wind, der über den Bosporus weht, dein Innerstes erzittern lässt und in dir die Sehnsucht nach dem Duft von warmen Streuselkuchen deiner Oma weckt.


Vor einiger Zeit bereits haben wir eine deutsche Bäckerei in Istanbul besucht und ihnen bei der Produktion über die Schulter geschaut. Wenn ihr euch gerne an die Straßenverkäufer Istanbuls erinnert, dann schaut euch Tolgas Fotostory an. Und solltet ihr Hunger auf das deutsch-türkische Superfood schlechthin bekommen haben, empfiehlt sich ein Blick in das Dönerbuch von “Koch dich türkisch” – Laurenz hat es für uns durchprobiert.


Text: Derya Reinalda
Fotos: Derya Reinalda u.a.
Redaktion: Jonas Wronna