Entspannt lehnt sich Kerim Pamuk in seinen Sessel, nippt an seinem Çay und beginnt zu erzählen: “Als ich nach Deutschland kam, sah es da noch anders aus. Da wurde es einem als Ausländer nicht leichtgemacht, es war integrative Steinzeit.” Mit neun Jahren kam der Künstler von der türkischen Schwarzmeerküste nach Deutschland. Jetzt nutzt er die Erfahrungen aus den unterschiedlichen Ländern, um seinem Publikum die beiden Kulturen auf unterhaltsame Art und Weise näher zu bringen.

“Auf der Bühne benutzt du das, was du kennst”, erzählt Pamuk, “das, was ich im normalen Leben erlebe und beobachte, stelle ich verdichtet und szenisch auf der Bühne dar.” Die Außenperspektive mit türkischem Erfahrungshintergrund und humoristischer Distanz zu beiden Kulturen nimmt er auch noch nach über 30 Jahren in Deutschland ein: Ob Helikoptermütter, Veganer*innen oder Pegida-Anhänger*innen, jede und jeder wird von ihm aufs Korn genommen. Aber auch in der Türkei gibt es für ihn viele Dinge, an die er sich nur schwer gewöhnen kann. Sehr lebhaft erzählt Pamuk von dem ständigen Ein und Aus von Gästen und der fehlenden Privatsphäre in seiner Heimat an der Schwarzmeerküste.

Seine Arbeit in der Kulturszene begann während des Turkologie- und Germanistikstudiums mit einigen Kurzfilmen, wo sich Pamuk ausprobieren konnte. Mit seinen eigenen Texten und Programmen ist er nun seit dem Jahr 2000 unterwegs. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem “Allah verzeiht, der Hausmeister nicht” oder “Sprich langsam, Türke”. Dass die Kulturszene sich mittlerweile durch viele verschiedene türkisch-deutsche Comedians, Regisseur*innen und Schauspieler*innen  immer diverser entwickelt, sieht er als positives Zeichen. Wegen der Sprachbarriere, der fehlenden schulischen Bildung, den die erste Generation türkischer Einwanderer hatte, und der Verschlossenheit der deutschen Kulturszene habe es mehrere Generationen gedauert, bis die größte Minderheit Deutschlands auch im Kunst- und Kulturbetrieb sichtbar wurde. Erst mit Spracherwerb und nötigem Selbstbewusstsein sei es möglich geworden, auch in der anfangs vorurteilsbeladenen deutschen Kulturszene präsenter zu werden, erzählt Pamuk.

“Fundamentalisten sind ja nicht gerade für ihren Humor bekannt.”

Schreiben und auf der Bühne stehen sind seine Leidenschaften. Mit seiner Herkunft hat das erst einmal nichts zu tun. “Das klassische Missverständnis ist: Ich gehe auf die Bühne, weil ich Türke in Deutschland bin und das ja irgendwie verarbeiten muss“, sagt er kopfschüttelnd und betont: “Nein, ich gehe auf die Bühne, weil ich die Bühne liebe und vermutlich Talent dazu habe.” Seine emotionale Art, zu erzählen, lässt seine Bühnenpräsenz schon erahnen. “Ich mache das mit Herzblut und genauso entsteht auch mein Programm: Ich widme mich den Dingen, die mich interessieren.”

Auch das Thema Religion bleibt bei Pamuk nicht außen vor. Trotz gemischter Reaktionen von seinen Zuhörer*innen hält er Humor in diesem Bereich für wichtig: “Man darf dieses Feld nicht den Leuten überlassen, die meinen, den Islam für sich gepachtet zu haben, denn den einen Islam gibt es nicht.” Die Frage ist dabei nicht, ob der Islam nun gut oder böse sei. Vielmehr will er dem Publikum einen anderen Blick auf die Religion bieten, der zeigt, dass der Islam sehr unterschiedlich sein kann und auch sehr unterschiedlich gelebt wird. Ob er schon negative Reaktionen auf seine Darstellung bekommen hat? “Leute, die ein Problem mit meiner Darstellung haben, gehen eh nicht ins Kabarett. Fundamentalisten, egal welcher Art, sind ja nicht gerade für ihren Humor bekannt”, sagt Pamuk schmunzelnd.

Letztlich wird bei seinen Auftritten also nicht nur gelacht, sondern auch über deutsche und türkische Eigenarten gelernt. Denn Lernen können beide Seiten etwas, meint Pamuk: Die Deutschen realisieren noch immer nicht, dass sie ein Einwanderungsland sind und die Türkei müsse ihre kulturelle und ethnische Vielfalt endlich als Reichtum begreifen.

Text: Marlene Resch
Bilder: Tolga Aksüt