Es gibt Menschen, die lernen etwas, weil sie müssen. Und dann gibt es Menschen, die erlernen etwas, weil sie es wollen, und die dann das Gelernte auch noch verbreiten und andere daran teilhaben lassen. Jan Köhler ist einer davon. Und da wir das 21. Jahrhundert schreiben, wird das Neuerlernte in einem Blog und dem Sprachkalender auf Facebook veröffentlicht. Laytmotif nennt sich das Projekt, das Lust macht auf die türkische Sprache, indem es uns Deutsch-Muttersprachlern Worte und Sprachbilder erklärt, Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Verständnis und Missverständnisse aufzeigt, Überraschendes offenlegt.

Auf Türkisch ist ein Stachelschwein ein Igel mit Pfeilen

Als Istanbul 2010 Kulturhauptstadt Europas ist, besucht Jan Köhler zum ersten Mal die Metropole am Bosporus. Zurück in Berlin beschließt er, Türkisch zu lernen: Eher als „sportlich-lernarische Herausforderung, nicht zwangsweise, um über die Sprache tiefer in Geschichte und Kultur der Türkei einzutauchen.“ Seit 2011 verbringt Köhler etwa drei Wochen pro Jahr in der Türkei, in Izmir, Istanbul und Ankara, um die Sprache zu lernen, aber auch um Kultur, Kunst, Geschichte, Menschen zu entdecken. Irgendwann erreicht er den Punkt, an dem all das Überraschende, Neue, Schöne, Nachdenkenswerte aufgeschrieben werden will – was im dem Blog Laytmotif und einem dazugehörigen Sprachkalender mündet. Er wählt das Wort Leitmotiv, da es nicht nur als laytmotif seinen Weg ins Türkische, sondern auch als leitmotif ins Englische gefunden hat. Deutscher Sprachexport. Das deutsche Wort, richtig „eingetürkischt“, nahm Köhler von jetzt an zum Anlass, über Themen zu schreiben, die Deutsche und Türken gemeinsam betreffen.

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Die Affinität zu Sprachen und Kulturen kommt natürlich nicht von ungefähr. Köhler selbst hat Kultur- und Medienwissenschaft studiert, arbeitet seit Ende der 1990er „im und am Internet“, und seit 2003 in der Internetredaktion des Haus der Kulturen der Welt in Berlin. „Dudens Herkunfts- und Fremdwörterbuch sind immer meine Begleiter gewesen – die Reisen von Worten, ihre Aneignung, die Wurzeln von Begriffen haben mich immer interessiert, das war auch der Ausgangspunkt von Laytmotif“, erzählt er im Interview. Einen Blogeintrag widmet er beispielsweise der Wanderschaft des Wortes türkis: der Edelstein kam wohl aus dem damaligen Persien über das Osmanische Reich nach Frankreich, wo er “la pierre turquoise” (der türkische Stein) genannt wird, aus dem Französischen verkürzt als türkis ins Deutsche und als turkuaz bzw. türkuvaz wieder zurück ins Türkische.

Unterstützung bekommt Jan Köhler von seinen drei Teammitgliedern, zwei Deutschen und einem Türken. Einer der Deutschen lebt in Istanbul, der Türke in Berlin – so wie das eben läuft in einer multikulturellen, globalisierten Welt. Laytmotiv hat keinen wissenschaftlichen Anspruch, es sind keine Linguisten, keine Turkologen, und schon gar keine „Orientforscher“ am Werk. Und trotzdem führt auch auf seinem Blog das Nachdenken über die Schrift und Sprache in die weiten Felder von Gesellschaft, Religion, Kunst und Kultur, Politik, Herrschaftssysteme und Militär.

Aber nicht nur das: Durch Laytmotif wird der deutsch-türkische Kulturaustausch auf emotionaler Ebene gefördert, beispielsweise in der Sphäre der Kosenamen für Paare, seien sie türkisch-deutsch, deutsch-türkisch, türkisch-türkisch oder auch deutsch-deutsch. Während etwa im Türkischen verschiedene Käferarten als Kosenamen verwendet werden (böçeğim – mein Käfer; gül böçeğim – mein Rosenkäfer; ateş böçeğim – mein Glühwürmchen), würde man sümüklü böçeğim (meine Schnecke, türkisch: mein schleimiger Käfer) im Türkischen nie verwenden – in Deutschland aber schon.

Ein Nagel rettet ein Hufeisen, ein Hufeisen ein Pferd –
Bir mıh bir nal kurtarır, bir nal bir at kurtarır

Der zweite Aspekt von Jan Köhlers Beitrag zum Austausch der Kulturen und Sprachen ist der Laytmotif Sprachkalender, der als Facebook-Seite existiert. Seit 1. Januar 2016 veröffentlicht Köhler täglich das „Wort zum Tag“, auf Türkisch und Deutsch, mit passendem Bild und zwei bis drei Beispielsätzen. Der Internetredakteur lässt sich in der Satzauswahl im Web inspirieren, er formuliert um, verkürzt, vereinfacht falls notwendig. Eine türkische Freundin überprüft zudem, ob auch wirklich alles stimmt und sich keine Fehler eingeschlichen haben. „Ganz egoistisch wähle ich die Worte aus, die ich selbst nicht kannte. Oder die ich mir nicht merken kann. Die ich schön finde und somit Wert sind, im Kalender verewigen zu werden. Und ich reagiere mit Worten auf Anschläge, Putschversuche und Ehrentage, wenn es möglich ist. Dass viele dieser friedlichen Beispiele kaum ohne Politik und Geschichte funktionieren, wurde schnell klar – der Schwerpunkt soll aber türkisch-deutsche Kultur und Sprache bleiben.“ Wenn man sich ein bisschen Türkisch für den Urlaub aneignen möchte, ist man bei Laytmotif also nicht unbedingt an der richtigen Adresse. Stattdessen bereichert uns der Sprachkalender mit Redewendungen, Sprichwörtern und sprachlich wie inhaltlich anspruchsvollen Diskussionsbeiträgen.

Wenn aus Schwarz-Weiß Türkis wird

Lernt man eine Sprache kennen, lernt man auch immer eine Kultur und eine Denkweise kennen. Sprache formt die Wahrnehmung und vielleicht auch das Weltbild. Köhler ist durch seine Auseinandersetzung mit der türkischen Sprache und Kultur noch nicht zum „blumigen Poeten“ geworden. Aber er sagt, dass seine Arbeit „auf jeden Fall den Prozess des Hinterfragens von Klischees und Stereotypen zu ‚Orient und Okzident‘ verstärkt, des Hinterfragens der Rolle von Religionen und Politik. Über viele Gespräche mit Freund*innen – auf Deutsch und auf Türkisch –   habe ich tatsächlich alternative Perspektiven auf das Leben hier und da kennengelernt. Schwarz-weißes Denken wird ersetzt durch türkises Denken“.

Wer die türkische Sprache lernen möchte, findet hier die besten Tips von MAVIBLAU. 

Text: Elisabeth Nindl
Fotos: Laurenz Schreiner /
laytmotif.de