Die Menschen auf der Straße haben einen besonderen „Flow“, den ich vorher nicht kannte. Das war eines der ersten Dinge, die mir in Kadıköy aufgefallen sind.

Fußgänger, Rollerfahrerinnen, Katzen, Hunde, Autos und Straßenhändler fließen durch die Straßen – niemand rast, aber es hält auch niemand jemals richtig an. Alles ist in Bewegung, aber ohne Hektik. Es gilt, in dem Strom mitzuschwimmen. Schnell, vorausschauend, ohne unnötige Vorsicht.

Ich bleibe aber jedesmal stocksteif am Straßenrand stehen, um zu warten, bis das Auto vorbeigefahren ist. Doch der Fahrer ist verwirrt und hält daher extra für mich an. Ich störe den Fluss dieser Stadt, der Verkehr gleitet an mir vorbei.

Manche Gesichter bleiben in Erinnerung, viele verschwimmen. Nur die Farbe eines Mantels bleibt, das Muster einer Tasche; ich versuche, diese Welt zu zeichnen, um sie festzuhalten. Es dauert eine Zeit, bis ich mitschwimmen kann. Ich nehme mir ein Beispiel an den Katzen in Kadıköy. Sie, davon bin ich überzeugt, können auch durch Wände gehen.

Ein bisschen loslassen gehört dazu: Ich kann nicht von einem Auto überfahren werden, wenn ich mit dreißig anderen Menschen zusammen über eine rote Ampel gehe.

Die Regeln sind relativ. Im Straßencafé rauschen die Leute vorbei, es gibt keine klare Abtrennung zwischen „innen“ und „außen“.

Wenn ich einmal nachts nach Hause komme und die Straßen in Kadıköy leer sind, fühlt sich das seltsam an: ein ausgetrocknetes Flussbett. Doch auch wenn die Cafés und Bars schließen und die Straßen ruhig werden, sind die Geister der Menschen noch da.

Von meiner Wohnung aus sehe ich ihre Schatten hinter den Vorhängen der erleuchteten Zimmer. Und ich merke, dass ich für sie jetzt genau so aussehe.

Text und Illustration: Eva Feuchter