Frauengeschichte bewusst machen, in Dialog treten und das Vergessen vermeiden, indem wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen: Das sind nur einige der Ziele des Frauenmuseums in Istanbul. Das Istanbuler Frauenmuseum entstand aus dem Wunsch heraus, einen Ort zu schaffen, an dem man sich über die Geschichte der Frauen informieren, an weibliche Vorbilder erinnern und sie wertschätzen kann. Im September 2012 wurde es als Online-Museum ins Leben gerufen; virtuell kann sich jede*r durch die Biographien von verschiedenen weiblichen Persönlichkeiten durchklicken und Einblicke in die Frauengeschichte der Stadt bekommen. In Zukunft soll das Frauenmuseum aber auch einen festen Platz in der “realen” Welt bekommen.

Vom 20. bis zum 22. Oktober hat im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen dem Istanbuler Frauenmuseum und der Fakultät für Kommunikation der Bilgi Universität im Salt Galata in Istanbul die Internationale Frauenmuseumskonferenz stattgefunden. Teilgenommen haben Direktorinnen der Frauenmuseen, Kuratorinnen, Künstlerinnen, Akademikerinnen und Aktivistinnen aus acht verschiedenen Ländern. Im Mittelpunkt der Diskussion standen die Frauenmuseen, der Frieden und Überlegungen, wie Frauen sich auf kulturellen und künstlerischen Plattformen sichtbar machen können. Auch aus Deutschland haben mehrere Kooperationspartner an der Konferenz teilgenommen. Mit dabei waren unter anderem das Museum Frauenkultur Regional – International (Fürth, Bayern), Frauen in der Einen Welt – Zentrum für interkulturelle Frauenalltagsforschung und internationaler Austausch (Nürnberg) und der Deutsch-Türkische Frauenclub Nordbayern (Nürnberg). Wir haben uns im Rahmen der Veranstaltung mit Helma Lutz, Professorin für Geschlechterforschung an der Goethe-Universität Frankfurt, über das Istanbuler Frauenmuseum, Aktivismus in Deutschland und in der Türkei und die Situation der Frauen in der Vergangenheit und Gegenwart unterhalten.

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MAVIBLAU: Warum ist das Istanbuler Frauenmuseum wichtig für die Türkei und besonders für Istanbul?

Helma Lutz: Frauenmuseen sind überall wichtig, nicht nur in der Türkei. Es gibt sie mittlerweile in 150 Ländern. In Deutschland gibt es zwar viele lokale Frauenmuseen, etwa in Bremen, Wiesbaden, Bonn und Fürth sowie einen Verein in Berlin, der Ausstellungen von Künstlerinnen in Galerien organisiert, aber ein zentrales Frauenmuseum, etwa auf der Museuminsel in Berlin, gibt es nicht. Das heißt natürlich nicht, dass wir solch ein Museum nicht brauchen, weil wir Emanzipation und Gleichberechtigung von Frauen in Deutschland realisiert hätten. Es gibt viele Ebenen, auf denen wir immer noch keine Gleichberechtigung, vor allem keine Gerechtigkeit, haben. Daher ist es wichtig, das auch immer wieder zu zeigen. Eine meiner Freundinnen in den USA ist gerade dabei, in Washington ein Frauenmuseum zu gründen, was sich nicht als besonders einfach erweist. Da wird viel gekämpft im Senat. Die Gründung eines Frauenmuseums ist auch dort umstritten. Die Frauenmuseen sind vor allem in skandinavischen Ländern eher akzeptiert, aber in vielen anderen Ländern noch nicht. Deshalb finde ich diese Initiative hier in Istanbul enorm wichtig, weil sie die verschiedenen Kämpfe von verschiedenen Frauengruppen zusammenbringt und weil sie über die Türkei hinaus wirkt.

Worauf sollte ein Frauenmuseum konkret aufmerksam machen?

Im Jahr 1918 war die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland – Frauen durften das erste Mal wählen und gewählt werden. Wir werden daher in zwei Jahren, zum 100. Geburtstag, eine große Ausstellung zum Frauenwahlrecht zeigen. Das muss auch jetzt noch jungen Menschen ins Gedächtnis gerufen werden, dass dieses Recht nicht immer schon existierte. Viele Leute sehen das heute als ganz natürliches Recht an. Das heißt, dass sich auf dieser Ebene etwas getan hat. Aber gleichzeitig gibt es viele Ebenen, auf denen Rechte eigentlich noch erkämpft werden müssen. Und genau an all diese Dinge der Vergangenheit und Gegenwart muss erinnert werden. Es muss über die Grenzen hinweg ein Bewusstsein entstehen. Dadurch, dass das Istanbuler Museum online zugänglich ist, ist der Austausch und die Vernetzung vor allem über das Internet möglich. Das wird auch der Tatsache gerecht, dass die Frauenbewegung  eine transnationale Bewegung ist. Wir tauschen uns transnational aus. Auf dem Panel hat Yasemin Öz nochmal betont,  dass es wichtig ist, diese Dialoge grenzüberschreitend zu führen. Die LGBTI-Bewegung in der Türkei zum Beispiel hat wichtige Anstöße und Unterstützung aus anderen Ländern bekommen.

Warum sind Sie heute zu dieser Konferenz gekommen?

Ich bin hier, weil ich mich schon seit geraumer Zeit mit der türkischen Frauenbewegung und ihrer Entwicklung beschäftige. Ich habe einige Freundinnen, die in diesem Bereich sehr engagiert sind. Ganz allgemein gesagt hat mich die türkische Frauenbewegung in den letzten zehn Jahren unheimlich überrascht und zwar deshalb, weil es in vielen europäischen Ländern keine aktive Frauenbewegung mehr gibt. Wenn man überhaupt noch Aktivität sehen will, muss man in die Türkei gucken. Zum Beispiel  gibt es hier eine  Frauenbibliothek. Oder auch das Projekt Mor Çatı, das sich um Frauen mit Gewalterfahrung kümmert und auch eine Möglichkeit bietet, aus gewalttätigen Beziehungen herauszukommen.

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Wie nehmen Sie die Frauenbewegung derzeit in Deutschland wahr?

In Deutschland ist die konventionelle Frauenbewegung im Moment nicht besonders aktiv. Wer aktiv ist, das sind vor allen Dingen die Aktivist*innen der LGBTI-Bewegungen, die auf die Straße gehen, die sichtbar sind. Ansonsten passiert derzeit viel im Netz, im Sinne von Netz-Aktivismus. Ein Beispiel dafür ist der Hashtag „ausnahmslos” oder auch andere Hashtags, die auf unterschiedliche Formen von Gewalt hinweisen. Das heißt, dass es zwar Bewegungen gibt, aber nicht in der Form, wie es sie in der Türkei bis vor Kurzem gegeben hat.

Welche Frauenbewegungen beobachten Sie in der Türkei?

Ganz wichtig war natürlich die Gezi-Park-Bewegung. Dabei hat sich gezeigt, dass  verschiedene Gruppen miteinander in Kontakt treten und interagieren. Es hat sich dabei aber auch gezeigt, dass es manchmal sehr schwer ist, einen Dialog zu führen. In den 1980er Jahren hat sich die kurdische Frauenbewegung gegründet. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass sie mit einem Teil der dominanten türkischen Frauenbewegung  große Schwierigkeiten hatte. Es wurde deutlich, dass bisher immer eine Minderheit ausgeschlossen wurde. Der Blick der türkischen Frauenbewegung war bis zu diesem Zeitpunkt auf den türkischen Nationalstaat und weniger auf die verschiedenen Minderheiten gerichtet, die es in der Türkei gibt.

Was haben Sie für Ziele in der Zukunft?

Ich bin in dem Beirat für die Ausstellung zum Thema 100 Jahre Frauenwahlrecht. Mein Ziel ist es, dass wir mit dem Istanbuler Frauenmuseum kooperieren. Auch in der Türkei haben Frauen nach der Gründung des Staates 1923 relativ schnell das Wahlrecht bekommen, in vielen Ländern Westeuropas dagegen erst nach dem zweiten Weltkrieg 1946, in der Schweiz sogar erst in den 1980er Jahren. Die Idee, dass der Westen so progressiv ist, ist nicht haltbar und deshalb ist es ganz wichtig, auch mal zu den historischen Wurzeln zurückzugehen. Wir sollten schauen, was eigentlich in der Türkei passiert ist und dabei kann uns das Istanbuler Frauenmuseum sehr helfen.

 

Mehr über das Frauenmuseum in Istanbul könnt ihr hier erfahren.

Text: Dilara Akkoyun
Bild: Tolga Aksüt, Umay Özkan
Redaktion: Tuğba Yalçınkaya