Ich treffe mich mit Sänger, Songwriter und Produzent Sultan Tunç an einem schwülen Berliner Sommertag auf seinem Balkon in Kreuzberg. Hinter dem Topfpflanzengrün sieht man hinunter auf das Kreuzberger Leben. Menschen, die von der Arbeit kommen, die zum Feiern gehen oder sich einfach nur mit der Zeit treiben lassen. Ein sehr passender Ort, denn erst vor Kurzem hat Tunç seine Version des Songs “Kreuzberger Nächte” rausgebracht. Dieses Lied und sein sehr persönliches Album “Otobiyograffiti” sind Thema an diesem Abend.

Tunç ist Musiker mit Meinung – sein Wort soll tragen. Denn das, was er beschreibt, sind Eindrücke und Stimmungen, die vom Jetzt erzählen. Von deutsch-türkischer Realität – obwohl, was ist das überhaupt?, fragt er. Das sind schon lange keine Gastarbeitergeschichten mehr, sondern Geschichten vom Leben an sich. Ohne feste, beständige Kategorien oder betrachtet als außerhalb der Norm, weil die Norm sich doch immer wieder verändert. Ganz passend hat Tunç den alten Kneipen-Kracher der Gebrüder Blattschuss “Kreuzberger Nächte” neu vertont und ans Heute angepasst. Mit Türk*innen, die auch Lebemenschen sind, auch Kneipengänger. “Kreuzberg als Viertel vermittelt ein Lebensgefühl der Symbiose”, sagt er. “Du kannst alles sein und alles machen – egal wer oder was du bist.” Dieses Lebensgefühl, so findet Tunç, verbindet. Unabhängig vom kulturellen Hintergrund oder der Kultur der Person.

Die letzten 15 Jahre war Tunç in Istanbul. Nach dem Putschversuch kam er zurück nach Deutschland. Das neue Album ist raus und im Mai 2017 gründete er das Musik-Label RASTA BABA ENTERTAINMENT, das starke Beziehungen nach Istanbul pflegt und diese mit der kulturell diversen Szene Kreuzbergs verbindet. Das nächste Musikprojekt steht auch schon an. “Ich arbeite momentan an deutschen Songs, weil ich ein deutsches Album rausbringen möchte”, erzählt der Musiker. “Das soll ein Mix werden aus Punk Rock vs. Hip Hop; Chanson und Schlager.” Ich fange bei dem Versuch, mir diese Art von Musik vorzustellen, an zu lachen. Doch es passt auch irgendwie. Tunç verbindet verschiedenste Stile mit einer Selbstverständlichkeit, mit der er auch alte deutsche Schlager multikultisiert. Und gerade so funktioniert es.

Angefangen hat Tunç allerdings mit Hip Hop. Schon früh machte er Musik. Er wuchs in Marburg in Hessen auf und bekam die Musik direkt nach Hause geliefert: Sein Vater war Musiker und sein Opa spielte auf Hochzeiten. “Im Jugendzentrum hab ich mir dann Run DMC angehört”, erinnert er sich. Und dann fing das Komponieren an. Durch einen Vertrag kam Tunç mit Anfang 20 nach Istanbul, wo er unterschiedlichste Projekte realisierte. Aber so richtig Zuhause fühlte er sich nicht.

In “Otobiyograffiti” reflektiert er sein Leben in Deutschland und der Türkei, die Aufenthalte in Athen und London und sein Engagement in syrischen Flüchtlingscamps. Tunç arbeitet dabei mit Soundausschnitten von Protesten in Istanbul, Radiosendungen seines Vaters, Tape-Aufnahmen seiner Kindheit, Stimmen des Dichters Nazim Hikmet und seiner Mutter und vertont so seine Geschichte des immerwährenden Suchens, das er als bezeichnend für viele Türk*innen derzeit sieht.

Tunç selbst scheint allerdings ein wenig am Ende seiner Suche zu sein. Zumindest der momentanen. Kreuzberg, sagt er, wecke in ihm Heimatgefühle. Er ist noch gar nicht lang in Berlin, aber kennt die Stadt durch Besuche beim Onkel schon seit frühster Kindheit und fühlt sich angekommen in diesem bunten, pulsierenden und gleichzeitig tiefenentspannten Viertel.

Langsam werden die Stimmen von unten lauter, die Flaschen klirren. Und noch auf dem Nachhauseweg summe ich vor mich hin: Kreuzberger Nächte sind lang. Und ziemlich bunt.

Text und Bilder: Nine-Christine Müller