Ein friedliches Chaos herrscht in unserem Haus. Meine Mutter macht den Großputz. “Warum putzt du denn heute? Kannst du das nicht morgen machen?”, frage ich. “Nein! Morgen geht es auf keinen Fall.” “Wieso?”, hake ich erstaunt nach. “Morgen ist Hıdrellez, da putzt man nicht.” Auch die Nachbarn machen Vorbereitungen.
Alle putzen, kochen und backen für den kommenden Tag. An Hıdrellez sollte nichts mehr gemacht werden – so ist es wohl. Meine Mutter schält Zwiebeln, damit wir mit den Zwiebelschalen zusammen Eier kochen können, um sie zu färben: Eine Tradition, die von meiner Großmutter an meine Mutter bis zu meiner Generation weitergegeben wurde.

“Wir gehen runter zum Rosenbaum! Kommt ihr auch?” fragt unsere Nachbarin, als alles getan ist. Natürlich tun wir das: Jedes Jahr am Abend vor dem 6. Mai hängen wir unsere Wünsche an einen Rosenbaum. Noch vor Sonnenaufgang nehmen wir sie wieder ab und werfen sie ins fließende Wasser. Alles, damit unsere Wünsche wahr werden.
Der Sohn unserer Nachbarin ist auch mitgekommen, er hat aber kein Tuch gebunden und keinen Zettel angeklebt, sondern ein kleines Modellhaus unter den Baum gestellt. Er möchte schon lange ein Haus haben. Man glaubt, dass Hızır dabei hilft, diesen Wunsch zu erfüllen. Man kann auch ein Modellauto oder irgendetwas anderes unter den Baum hinlegen, hauptsache, es steht symbolisch für den eigenen Wunsch . Bevor wir schlafen gehen, machen wir alle unsere Portemonnaies auf und lassen sie geöffnet über Nacht, damit sie voller werden. Hıdrellez ist schließlich der Tag des Segens und des Überflusses (bereket).

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Aber wer ist denn eigentlich Hızır und was bedeutet Hıdrellez? Hıdrellez wird aufgrund der Vorstellung gefeiert, dass Hızır und Elias an dem Tag auf der Welt an einem Rosenstock zusammengetroffen sind. Durch die Zusammensetzung der Namen Hızır und Elias ist daraus “Hıdrellez” geworden. Yaşar Kemal erzählt in seinem Buch “Das Lied der Tausend Stiere” die Hıdrellez-Nacht auf diese Weise:

„In dieser Nacht werden sich Elias, der Schutzheilige des Meeres, und Hızır, der Schutzheilige des Festlandes, treffen. Seit Anbeginn aller Zeiten ist es immer so gewesen in dieser Nacht, einmal im Jahr. Sollte es ihnen in einem Jahr einmal misslingen, wären die Meere nicht mehr Meere und das Land nicht mehr Land. Die Meere wären ohne Wellen, ohne Licht, ohne Fische, ohne Farben und würden austrocknen. Auf dem Land würden keine Blumen blühen, keine Vögel und Bienen würden mehr fliegen, der Weizen würde nicht mehr sprießen, die Bäche nicht mehr fließen, Regen nicht fallen, und Frauen, Stuten, Wölfinnen, Insekten, alles, was da fleucht und kreucht, Vögel, alle Geschöpfe würden unfruchtbar. Wenn sie sich nicht treffen, die beiden … dann werden Hızır und Elias zu Vorboten des Jüngsten Gerichts. Jedes Jahr treffen sich Hızır und Elias in einem anderen Teil der Welt. Wo sie sich finden, bricht der Frühling in jenem Jahr mit nie gekanntem Glanz hervor. Die Blüten sind noch üppiger, noch reicher, um vieles größer als in anderen Jahren.”

Gleichzeitig symbolisiert Hıdrellez im türkischen Volkskalender den Sommeranfang. Vom 6. Mai bis zum 4. November dauern die “Hızır-Tage” (Hızır günleri), besser gesagt: der Sommer. Während wir in Deutschland mit unseren Nachbar*innen feiern, gibt es in der Türkei vielerorts in der Nacht zum Hıdrellez-Tag bunte Straßenfeste: Beispielsweise in Ahırkapı in Istanbul kommen die Menschen zum Tanzen und Feiern zusammen, um den Sommer einzuleiten. Auch hier gibt es einen Rosenbaum, an dem man seine Wünsche aufhängen kann.

Am Hıdrellez-Tag selbst sind wir alle auf der Wiese und picknicken. Hıdrellez wird nur an grünen Flächen gefeiert, denn das Grüne steht für Überfluss und Segen. Wir essen, singen, tanzen Halay und springen über das Hıdrellez-Feuer. Natürlich nur die, die wollen. Man glaubt daran, dass das Feuer vor dem bösen Blick (nazar)  und Krankheit schützt. Deshalb springt man mehrmals über das Feuer und sagt dabei Gebete und Volksgedichte auf.
Fröhlich und erschöpft zugleich gehen wir am Abend alle wieder nach Hause. Der nächste Tag ist ein ganz normaler Tag, wie jeder andere auch. Bevor ich das Haus verlasse, ruft meine Mutter mir nach: “Hızır yoldaşın olsun kızım” (“Möge Hızır dein Begleiter sein”) und der Sommer kann beginnen.

Text: Zeynep Ünal
Fotos: Azem Alptekin
Redaktion: Marlene Resch