faible – ist sie es nun, verwundbar? Sie oder das lyrische Ich? Oder ist faible hier gar nicht aus dem Französischen entlehnt und meint Neigung? Neigung für ihr Liebstes vielleicht? Lütfiye Güzel hat in ihrem faible? – best of go-güzel ihre Lyrik und Kurzprosa zusammengefasst und schreibt vom Alltag: verletzlich, aufmerksam, auf der Suche nach dem, was sich hinter dem Alltäglichen verbirgt. In jedem ihrer Texte schimmert das lyrische Ich durch, so lebendig, dass der Leser/die Leserin es ganz nah an der Autorin vermutet. Vielleicht so nah, dass es nicht jedem gelingen wird, sich mit ihren Texten zu identifizieren. Gelingt es jedoch, berühren sie tief.

Lütfiye Güzel, 1972 in Duisburg geboren, ist Lyrikerin, Autorin und leitet Poetry-Workshops. Im Mai 2014 wurde Lütfiye Güzel mit dem Fakir Baykurt Kulturpreis der Stadt Duisburg ausgezeichnet. Von April bis Juni 2016 war sie Stadtteilschreiberin von Köln-Mülheim.


Güzel schreibt kurz, fragmentarisch, überraschend und nutzt dabei den Interpretationsspielraum von alltäglichen Begriffen aus:

mir das reden

abgewöhnen

oder nur reden

wenn was

wichtig ist

oder nur reden

wenn was

schön ist

nicht mehr

reden“

Was ist es nun, das Reden, das sie sich abgewöhnen muss? Und da jede/r Leser/in nach Marcel Proust in Wirklichkeit nur sich selbst liest, kommen Fragen auf: welche Momente sind es, in denen ich besser schweigen sollte; wann sollte ich meine Stimme erheben? Beim Schmökern von Güzels Gedichten findet eine Selbsthinterfragung häufig ganz automatisch statt.

Einfach drüber gelesen und mal schnell was fühlen geht nicht. Der/die Leser/in muss ihren Gedichten Aufmerksamkeit schenken, sonst fühlt er/sie sie nicht. Ja, man sollte sie nicht bloß lesen, genauso wie man „nicht bloß einen Kaffe getrunken haben sollte, um dort einen Kaffee getrunken zu haben.“

Auf den 198 Seiten findet aber eben nicht nur Lyrik vom Leben und dessen Ausformungen Platz, sondern auch Kurzprosa. Die ist detaillierter, weniger fragmentarisch, aber sprunghaft und auch hier wieder ganz nah am Alltag – in ihrer Begriffswahl und der Klarheit ihrer Sprache. Immer wenn ihr der Leser/die Leserin im Alltäglichen fast verloren geht, holt sie sich die Aufmerksamkeit mit Irritation oder Identifikation zurück. Der/die Leser/in wird herausgefordert sich hineinzudenken: in ihre Geschichte; in die Geschichte, die das lyrische Ich dazu bewegte, das Gedicht zu schreiben.

Was ich bin, ist aus der mode“? Nein, liebes lyrisches Ich, aus der Mode bist du nicht, so wie du den Alltag auf besondere Momente durchsuchst, triffst du genau den Kern der Zeit. Denn wer wir in unserem Alltag sind, haben wir uns alle schon gefragt. Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, den Blick ein wenig von uns selbst weg auf das zu richten, was jenseits von uns in der Welt geschieht.

Text: Carina Plinke
Titelbild: privat
Bild: Tolga Aksüt