Ich sitze im Bus in Istanbul und trommle nervös mit den Fingern auf meinem Bein herum. Ich trommle und trommle und nerve mich damit selbst. Der Verkehr steht. Mal wieder. Schleppend quetscht sich der Bus durch die Straßen. Fünf Meter nach vorne. Pause. Drei weitere Meter. Pause. Ich schaue mich um. Starre das Auto vor dem Bus an, um bloß nicht zu verpassen, wann es sich mal wieder kurzzeitig in Bewegung setzt. Als würde das irgendetwas bringen. Blick auf die Uhr. Das war’s dann wohl mit pünktlich sein. In fünf Minuten soll ich da sein. Ich kann froh sein, wenn ich es in einer viertel Stunde schaffe. Fingertrommeln. Ich rutsche auf meinem Sitz hin und her. Nichts zu machen. Ich seufze. Um mich herum: Gelassenheit. Gelassenheit, die mich nach und nach in den Wahnsinn treibt. Entspannt lümmeln die Leute in ihren Sitzen, wischen auf dem Smartphone herum, beobachten das Treiben auf der Straße. Hat hier denn niemand einen Termin?, rumort es in mir. Dabei muss ich zugeben: Aus mir spricht der blanke Neid. Auf die Gelassenheit der anderen. In Wahrheit ist diese Haltung nämlich sinnvoll und superentspannt – aber mir scheint sie zu fehlen. Warum auch immer. In mir rennt ein kleines Wesen auf und ab. Es hält mir vorwurfsvoll ein Bild vor die Nase. Darauf zu sehen: Personen, die warten. Auf mich. Zeit verlieren. Meinetwegen.

“Hier bestimmt Istanbul das Tempo und nicht ich.”

Der kleine Zeitteufel steckt in mir wie ein Virus. Dabei ist es doch so beruhigend, wie die Uhr hier läuft. Dabei ist man hier doch sowieso verloren, wenn man sich mal in anderem Tempo bewegen möchte als der Strom. Hier bestimmt Istanbul das Tempo und nicht ich. Das muss ich wohl akzeptieren. Und zwar auch dann, wenn ich mal gemütlich schlendern möchte, aber die anderen es eilig haben. Eigentlich dachte ich immer, Pünktlichkeit komme von sozialen Erwartungen. Eine Norm, deren Bruch eine Sanktion mit sich bringt. Sei es ein genervtes Gegenüber oder eine verpasste Verabredung. Wenn ich in Istanbul nach all meiner Ungeduld ankomme – zu spät , ist mein Zuspätkommen meist egal. Wenn ich verschämt eine halbe Stunde zu spät in den Seminarraum schleiche, trifft mich kein böser Blick. Selbst wenn jemand im Regen auf mich warten muss, wird mir mit Verständnis begegnet. Warum bin ich dann also selbst so gestresst? Muss ich das jetzt allen Ernstes auf meine deutsche Herkunft zurückführen?

Nein, muss ich nicht: Schließlich kenne ich doch genug Deutsche, die gerne nach Lust und Laune zu spät kommen. Vielleicht fühle ich mich so, weil ich früher mit meiner Familie prinzipiell immer zehn Minuten zu früh losfahren musste. Und dann hieß es warten. Vielleicht weil mir in der Schule erzählt wurde, dass jede Unterrichtsstunde wie ein Flug ist: Wer den Start verpasst, kann nicht mehr einsteigen. Vielleicht weil meine Freunden zuhause mittlerweile darauf wetten, dass ich bei Verabredungen wieder als Erste da sein werde. Vielleicht weil ich Zeit als die größte Ressource sehe, die dir ein Mensch schenken kann und ich mir das bewahren will. Eine Frage der Persönlichkeit also und nicht der Nationalität. Aber vielleicht auch einfach, weil mich dieser Istanbuler Verkehr in den Wahnsinn treibt und ich selbst nicht gerne warte – sei es auch nur darauf, dass der Bus sich wieder in Bewegung setzt.

Text: Marlene Resch
Illustration: Marie Lemser