Ich treffe Felix Pirson, den Direktor der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts, in seinem Büro. Die Abteilung Istanbul befindet sich auf dem Gelände des Deutschen Generalkonsulats in der Inönü Caddesi und wir müssen zuerst einmal durch die Sicherheitskontrollen. Im hellen Treppenhaus des Gebäudes angelangt, spüre ich die ruhige Arbeitsatmosphäre trotz der Nähe zum hektischen Taksimplatz. Wie ich später erfahre, befindet sich hier mit etwa 60.000 Bänden und 200 laufenden Zeitschriften die größte archäologische Bibliothek der Türkei.

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Das DAI Abteilung Istanbul ist…

… mehr als nur Bibliothek und Fotothek (auch wenn hier über 200.000 Bildträger aufbewahrt werden). Die Abteilung Istanbul ist eine Auslandsabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (auf türkisch Alman Arkeoloji Enstitüsü), welches wiederum eine deutsche Einrichtung im Geschäftsbereich des Auswärtigen Amt ist. Die Außenstelle wurde 1929 zum 100-jährigen Jubiläum des DAI gegründet. Ihre Aufgabe besteht darin, Geschichte und Archäologie des Gebietes der heutigen Türkei zu erforschen – und zwar von der Urgeschichte bis in die Osmanische Zeit und darüber hinaus.

Dass ich mich hier an einem Ort des regen deutsch-türkischen Kulturaustauschs befinde, ist kaum zu übersehen: Es gibt in allen Bereichen Mitarbeiter*innen aus Deutschland und türkische Ortskräfte. Der Direktor Felix Pirson erklärt, das Selbstverständnis der Abteilung besage gerade nicht, ein „ausländisches“ Institut zu sein, welches möglichst abgeschottet seine Arbeit verrichtet – einerseits, weil es gar nicht möglich wäre: So müssen für Grabungen beispielsweise Genehmigungen vom Ministerium für Kultur und Tourismus eingeholt werden; andererseits, weil es gar nicht gewünscht ist – das Bereichernde ist der wechselseitige Austausch. Die Abteilung unterhalte vielerlei Kooperationen mit wissenschaftlichen Institutionen in der Türkei. So halten Kolleg*innen Lehrveranstaltungen an türkischen Universitäten und es gibt wissenschaftliche Netzwerke mit verschiedenen Themenschwerpunkten. Durch Gastwissenschaftler*innen und Reisestipendiat*innen, die in Istanbul Station machen, gibt es im Haus stets ein hohes Maß an Fluktuation und somit Diskussion. „Archäologie ist per definitionem eine internationale Wissenschaft und wir versuchen, das so gut wie möglich in unserer Arbeit umzusetzen – einerseits im Institut selbst, andererseits auch bei den Ausgrabungsprojekten, die wir gar nicht als ,deutsche Ausgrabungen’ bezeichnen möchten, sondern vielmehr als internationale Forschungsplattformen“ , erklärt Felix Pirson.

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Pergamon – eine ganz besondere Ausgrabungsstätte

Der heutige Direktor war 1990 das erste Mal als Student in der Türkei zu einer Exkursion. Eine solche klassische Kleinasien-Reise gehört für viele Studierende der Archäologie zum Studienprogramm. Entlang der Route von Istanbul in den Süden finden sich viele interessante Stätten: Von Troja über Pergamon und Ephesos bis Priene – und das sind nur die bekanntesten. Was er dort zu Gesicht bekommen habe, habe ihn damals sehr fasziniert, sagt Felix Pirson, und bald begann er selbst, bei der Ausgrabung in Pergamon mitzuarbeiten. Mittlerweile ist er Leiter der Grabung und verbringt jeden Sommer zwei Monate auf dem Gelände. Was macht diese Stätte denn besonders? „Im Gegensatz zu beispielsweise Ephesos ist die hellenistische Bausubstanz gut erhalten, sodass in Pergamon neben interessanten einzelnen Elementen (Fundament des Zeusaltars, Kaisertempel auf der Akropolis, hellenistisches Gymnasion, Häuser mit Mosaiken) vor allem eines zu entdecken ist: Der komplette Eindruck einer am Berg gelegenen Stadt, mit einer äußerst aufwendigen Terassenarchitektur. Die Betrachtung der Überreste kann eine Vorstellung vom Verhältnis antiker Stadtplanung zum Naturraum vermitteln. Wie heute diente Architektur auch in der Antike dazu, bestimmte Botschaften, beispielsweise hinsichtlich Macht und Hierarchie, zu vermitteln. Ich empfehle den Besuch von Pergamon, weil tatsächlich mehrere Jahrtausende von Stadtgeschichte in Westanatolien an einem doch recht kleinen und überschaubaren Ort zu überblicken sind.”

Nicht nur für die, die das Berliner Pergamonmuseum kennen, ist die Stätte also einen Ausflug wert. Eine internationale Grabungsstätte in der Türkei: Wem gehört dann eigentlich welcher Fund? Die Türkei habe früher als viele andere Regionen (Ende 19. Jh./Anfang 20. Jh.) ein klares Gesetz verabschiedet, welches den Verbleib von Fundmaterial regelt, erklärt Pirson. Alles, was heute ausgegraben wird, verbleibt entweder in den Depots der Grabungshäuser oder in den nahegelegenen Museen. Neben Pergamon ist das DAI auch an wichtigen Grabungsplätzen wie Aizanoi, Bogazkale (die Hauptstadt des Hethiter-Reiches Hattuscha in Zentralanatolien), der Göbekli Tepe (durch wiederholte Besiedlung seit dem 10. Jahrtausend v. Chr. entstandener Hügel in der Nähe der südostanatolischen Stadt Şanlıurfa), Didyma, Milet und Priene aktiv.

Die Ausgrabungen sind aber nur ein Teil der Arbeit des DAI. Ein ebenso wichtiger Bereich ist der Erhalt der Denkmäler. „Die sachgerechte Konservierung eines alten Gebäudes setzt viel Forschung voraus“, meint Pirson. Ziel der Archäolog*innen sei es, auf der Basis von gründlichen Untersuchungen ihren Teil zum Kulturerhalt in der Türkei beizutragen

Diesbezüglich werden derzeit noch ganz neue Aufgabengebiete erschlossen: So setzen sich die Archäolog*innen gerade mit der Frage auseinander, wie sich im Bereich des Kulturerhalts auch in Syrien engagiert werden kann. „Da die Abteilung des DAI vor Ort in Damaskus momentan natürlich nicht arbeitsfähig ist und viele syrische Kolleginnen und Kollegen sich im Moment in der Türkei befinden, gibt es die Idee, im Rahmen von Aus- und Weiterbildung zu einem möglichen Wiederaufbau in Syrien beizutragen. Natürlich muss sich um Orte wie Palmyra gekümmert werden, das Problem sollte aber auch als Ganzes gesehen werden. Gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft müssen wir uns fragen, was schon im Vorfeld einer möglichen Stunde Null getan werden kann, um für einen Wiederaufbau, der sich nicht nur auf Highlights konzentriert, Hilfe zu leisten. Dies sind wichtige Fragen, die bis zur Diskussion um die kulturelle Identität eines Staates führen. Die Abteilung Istanbul als deutsche Wissenschafts- und Kulturinstitution in einem Nachbarland Syriens ist da besonders gefragt.“

Direktor der Abteilung Istanbul ist Felix Pirson seit 2006. Trotz der Aussendung durch das Auswärtige Amt sei er als Wissenschaftler und Kulturmittler hier, betont Pirson. Und nicht etwa als Diplomat. Des Weiteren, fügt er scherzend hinzu, sehe er sich als Archäologe bisweilen mit derartig großen Zeitspannen konfrontiert, dass er politische Tagesereignisse deshalb vielleicht gelassener hinnehmen könnte.

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Veranstaltungen im DAI Istanbul

Ob es gegen allgemeine Angst- und Panikzustände im modernen Istanbul hilft, den Blickwinkel zu weiten und auf vergangene Zeiten zu richten, kann theoretisch jede*r für sich selbst testen:

Von Mitte Oktober bis Juni finden immer donnerstags Abendvorträge im DAI statt. Die Themen sind zwar meist recht spezifisch, interessierte Laien jedoch stets willkommen. Gelegentlich führen Mitarbeiter*innen zu einem bestimmten Themenschwerpunktauch auch durch Istanbul. Über die Veranstaltungen kann sich auf der Website sowie unter sekretariat.istanbul@dainst.de informiert werden.

Text: Marie Lemser
Fotos: Rebecca Meier
Online-Map: Mert Barış