Die Koffer sind gepackt. In wenigen Stunden beginnt das groβe Abenteuer „Familienurlaub in der Heimat“. Das Auto, vollbeladen mit Gepäck, Proviant und Mitbringseln aus Deutschland wie Kaffee, Schokolade, Schampoo oder Wasserkocher, steht schon bereit und wartet auf das Einsteigen der Reisenden. So oder so ähnlich dürfte es vielen Migrantenfamilien aus der Türkei seit den 1960ern ergehen, die sich im Sommer mit dem Auto in die Heimat aufmachen. Sowohl damals vor einigen Jahrzehnten als auch heute, bedeutet dies für viele Menschen jedes Jahr aufs Neue eine umfangreiche Reisevorbereitung, Herzklopfen am Grenzübergang, wenn der erste Schritt auf heimischen Boden gemacht wird und die groβe Vorfreude auf das langersehnte Wiedersehen mit den Familienmitgliedern. Einen spannenden Einblick in diese aufregende Erfahrung der ersten Migrantengeneration, damals noch „Gastarbeiter“ genannt, gewährt die Ausstellung „SILA YOLU – Der Ferientransit in die Türkei und die Erzählungen der Autobahn“ von Can Sungu und Malve Lippmann vom Berliner Projektraum bi’bak. sila_yolu_ist_02

„Sıla Yolu“ bedeutet so viel wie Heimatweg und bezieht sich auf die Autobahnstrecke, die überwiegend von türkeistämmigen Gastarbeiter*innen befahren wurde. Die Route, eine rund 2000 Kilometer lange Strecke über die ehemalige Europastraβe 5 (E-5), wurde auch vielfach von den Nachkommen der Arbeitsmigrant*innen genutzt. Ehrfurchtsvoll nannte man sie ebenso „die Todesstrecke“, denn die schlecht ausgebauten Straβen und die Übermüdung der Fahrer führten zu zahlreichen Unfällen. Trotzdem machten sich viele Familien auf den Weg und fuhren die Route teilweise in Kolonne, angetrieben durch die Sehnsucht nach der Heimat. Vielen blieb nichts anderes übrig, da Flugtickets für die gesamte Familie zu teuer waren und das Auto auch auf langen Strecken innerhalb der Türkei genutzt wurde. Aus diesem Grund nahm man die Gefahren und Strapazen einer zwei- bis dreitägigen Fahrt auf einspurigen, teilweise bergigen Straβen durch unbekannte Länder auf sich. Mit der Zeit wurde die ursprüngliche Strecke durch gut ausgebaute Autobahnwege ersetzt. Auch heute ist der Weg in die Türkei immer noch ein wichtiger Teil des Heimaturlaubs vieler Türkeistämmiger.

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Am 3. März fand die Eröffnung der Ausstellung im DEPO in Istanbul statt, die bis zum 2. April besucht werden kann. Die Künstler*innen Can Sungu und Malve Lippmann präsentieren hier mit Hilfe von einigen audiovisuellen Elementen die damalige „Gastarbeiterroute“. Beide nutzten die Strecke auch privat für Familienurlaube und waren von der Geschichte der Gastarbeiter*innen beeindruckt. So entstand die Idee, dies in ihrem Projekt „SILA YOLU“ möglichst mit dem Blick eines Auβenstehenden festzuhalten. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht der umgebaute Ford Transit (Baujahr ’85), das Symbolauto der Nutzer*innen der „Sıla Yolu“. Der Minivan wurde bereits in Berlin an mehreren Orten ausgestellt und durfte dann selber die Reise entlang der „Gastarbeiterroute“ nach Istanbul antreten. Im DEPO zieht der mit typischen deutsch-türkischen Artikeln beladene Transit die volle Aufmerksamkeit auf sich. Im Innenraum des Wagens dient eine Bidschirminstallation mit Sitzbänken zur Präsentation des Dokumentarfilmes, den die Künstler*innen gedreht haben. Zeitgleich dringt aus dem Fahrerraum türkische Volksmusik aus den 80ern, um die Vorstellung des Heimatgefühls der damaligen „SılaYolu“-Fahrer zu verstärken. Neben dem Ford Transit haben die Künstler*innen Sungu und Lippmann auch historisches Bildmaterial von Migrantenfamilien, das die Etappen und Schattenseiten der ehemaligen „Gastarbeiterroute“ darstellt, an den Wänden des Ausstellungsraumes installiert. Die Bilder formieren den Schriftzug „IYI YOLCULUKLAR“ – Gute Fahrt.

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„SILA YOLU“ ist eine sehenswerte kulturelle Erfahrung, die sich wie kaum ein anderes Kunstwerk dem Heimatweg der Gastarbeiter*innen verschrieben hat. Das begleitende Buch zur Ausstellung mit zahlreichen Erlebnisgeschichten und Hintergrundinformationen zur „Gastarbeiterroute“ ist in Istanbul im deutsch-türkischen Buchhandel (Türk Alman Kitabevi) erhältlich und kann ebenso über info@bi-bak.de bestellt werden.

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Begleitend zur Ausstellung findet am 1. April das Symposium „SEITENSTREIFEN – Interdisziplinäre Betrachtungen zur Autobahn“, unterstützt durch das Goethe-Institut Istanbul im DEPO statt. Die drei Expert*innen Ömer Alkın, Filmwissenschaftler an der Uni Düsseldorf, Gökhan Mura, Designtheoretiker an der Izmir Ekonomi Üniversitesi und Martina Priessner, Filmemacherin, werden hier ihre Arbeiten zu der Route präsentieren, gefolgt durch eine interaktive Diskussionsrunde mit dem Publikum.

Sowohl damals für die Gastarbeiter, als auch heute für deren Nachfahren erfolgt nach dem Urlaub in der türkischen Heimat die Heimreise nach Deutschland zumeist genauso emotional wie die Hinreise in die Türkei. Immer in der Hoffnung, bald wieder zurück zu kehren, werden die Koffer am Ende der Ferien erneut gepackt, aber diesmal ist das Auto beim schweren Abschied von den Verwandten und Bekannten nicht nur mit Mitbringseln aus der Türkei beladen, sondern auch mit zahlreichen neuen Erinnerungen an die alte Heimat.

Text: Aydanur Şentürk
Fotos: Serra Akcan